Plattdeutsches Theater in Schwerin : Boulevard geiht ok up platt

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Kerstin Westphal als Stephanie und Christoph Reiche als Johannes Silke Winkler

Die Fritz-Reuter-Bühne bringt mit „Ein Kaktus för denn’ Dokter“ die niederdeutsche Variante eines Klassikers auf die Bühne. Am Dienstag feierte die Komödie im Großen Haus des Staatstheaters Premiere.

svz.de von
24. Januar 2013, 09:55 Uhr

Schwerin | Ach ja, die gute alte Boulevard-Komödie! Die hat doch was, auch wenn sie plattdeutsch daherkommt. Das muss auch das treue Stammpublikum der Schweriner Fritz-Reuter-Bühne so empfunden haben, als am Dienstag im Großen Haus des Staatstheaters "Ein Kaktus för denn’ Dokter" erfolgreich Premiere feierte. Es spendete haufenweise Szenenapplaus und lang anhaltenden Schlussbeifall.

Denn hinter diesem "Kaktus för denn’ Dokter" verbirgt sich - unschwer zu erraten - "Die Kaktusblüte" ("Fleur de cactus"), mit der das französische Autorenduo Pierre Barillet/Jean-Pierre Gredy 1964 eines der erfolg reichsten Stücke dieses Genres in Paris aus der Taufe gehoben hatte.

Regisseurin Adelheid Müther, der das Publikum bereits so ausgezeichnete Inszenierungen wie "De Dod inn Appelboom" und "Dat Düwelswiew" bescherte, hat sich gemeinsam mit dem Ensemble der Fritz-Reuter-Bühne dieser Komödie angenommen, nun in der niederdeutschen Fassung von Hartmut Cyriacks &amp; Peter Nissen. Und siehe: Die Geschichte um den heiratsscheuen Dokter, dessen jugendliche Geliebte, die unentbehrliche Sprechstundenhilfe nebst sämtlichen Lügengeschichten und Verwicklungen kommt so spritzig und leichtfüßig daher, wie es dem Stück zukommt, aber wie es so mancher Zeitgenosse dem Plattdeutschen kaum zutrauen möchte. Zu Unrecht!

Adelheid Müther führt ihr ambitioniertes Ensemble zu durchweg prächtigen darstellerischen Leistungen. Zuvorderst, und mit viel Beifall bedacht, Kerstin Westphal in der Rolle der Stephanie, die die spröde Sprechstundenhilfe (Kaktus) wie auch deren emotionales Auftauen (Blüte) gleichermaßen auf die Bühne zu bringen weiß.

Den sich in seinen Lügengespinsten verheddernden Zahnarzt und Heiratsphobiker Johannes spielt Christoph Reiche als einen Mann, der zunächst alles im Griff zu haben glaubt, seinen Nimbus aber gründlich zerbröseln sieht. Arja Sharma spielt die Caroline als ein recht heutiges junges Mädchen, das das ganze Debakel des älteren Mannes, dessen Charme es zunächst zwar erliegt, erst in Gang setzt und dem man schließlich anmerkt, dass es eigentlich ganz froh ist, ihn am Ende los zu sein.

Jens Tramsen ergänzt das Quartett der Hauptpersonen, er spielt den Ivo, einen angehenden Mimen mit vielseitigen, auch amourösen Talenten. Mit von der Partie noch Elfie Schrodt als Fru Dohrmann-Beiersdorf, die als ständig unter Zahnweh leidender und für den Dentisten schwärmender "running gag" über die Szene wirbelt; Andreas Auer als ein dem Johannes kongenialer Hallodri namens Norbert und Ulrike Stern als dessen Freundin Yvonne. Schon mit Auftrittsapplaus bedacht wurde Publikumsliebling Günther Bruhn, der gentlemanlike den pensionierten Käpt’n Eschels als einen die eheliche Treue weitherzig auslegenden Grandseigneur gibt. Verdient war dieser Applaus wohl auch deshalb, weil Günther Bruhn ein paar Tage vor der Premiere bös gestürzt, aber trotzdem zur Premiere wieder topfit war.

Drei Dinge noch: 1. Das Bühnenbild von Michael Goden: Ein großer Kubus, der sich auf der Bühne ausnimmt wie die Kaaba in Mekka, der sich aber während des Spiels auffalten und in die vier verschiedenen Schauplätze des Geschehens verwandeln lässt, einen Szenenwechsel ohne Zeitverzug und ohne Störung des Handlungsflusses der eleganten Komödie ermöglicht. Ein geradezu genialer Einfall! 2. Die Musik der Saxophon-Legende Ben Webster (1909 - 1973), die viele Szenen musikalisch nicht schlechthin untermalt, sondern ihnen auch ein ganz besonderes intensives Flair verleiht. 3. Ein Besuch dieses Stückes lohnt sich auch im E-Werk. Hier entfallen die im Großen Haus bemerkbaren - jedoch von keinem der künstlerisch Beteiligten zu verantwortenden - Probleme, besonders die Akustik betreffend. Es könnte sein, dass dies und die intimere Atmosphäre im E-Werk dem Besucher einen vielleicht noch größeren Genuss von "Ein Kaktus för denn’ Dokter" bieten.

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