Bilder aus der Menschenhölle

'Mein Vater wollte erzählen - aber er konnte nicht darüber reden', sagt Adolf Frankls Sohn Thomas, der mit Dr. Kornelia Röder durch die Ausstellung führte. Schroeder
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"Mein Vater wollte erzählen - aber er konnte nicht darüber reden", sagt Adolf Frankls Sohn Thomas, der mit Dr. Kornelia Röder durch die Ausstellung führte. Schroeder

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06. September 2012, 07:38 Uhr

Schwerin | Leuchtende Farben, Bilder von ungeheurer Strahlkraft - und aus meterweiter Entfernung denkt man an Ensor, Chagall oder Hundertwasser. Beim Nähertreten sieht das Auge: Es ist etwas Anderes, Eigenes. Die Farben leuchten, aber sie erzählen vom Düstersten, von tiefschwarzer Trauer, von Mit-Leiden und Wut. Die Farben brennen wie Feuer. Sie beleuchten den Holocaust. Der Künstler Adolf Frankl (1903 bis 1983) hat in seinen Gemälden das verarbeitet, was er als Jude in Auschwitz hat erleben und erleiden müssen. Die Ausstellung "Adolf Frankl - Kunst gegen das Vergessen" ist seit gestern Abend im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus zu sehen.

"Mein Vater wollte erzählen, der Menschheit, uns, den Generationen. Aber er konnte nicht darüber reden, dann begann er zu weinen", schilderte Thomas Frankl bei der Ausstellungsvorbesichtigung. Der 78-Jährige kümmert sich um das Werk seines Vaters, das rund 250 Gemälde umfasst. "Die wichtigsten Bilder sind nun hier", sagt Frankl, der gestern die Ausstellung offiziell eröffnete.

Diese Bilder erzählen vom Unvorstellbaren, das doch millionenfach zur Tat wurde und Wesenskern des nationalsozialistischen Deutschland war: Die Auslöschung des europäischen Judentums, in das Adolf Frankl 1921 in Bratislava/Pressburg hineingeboren wurde. Schon zu Schulzeiten und nach dem Gymnasium nahm er Mal- und Zeichenunterricht, trat dann aber doch in das Raumausstattergeschäft seines Vaters ein, heiratete, gründete eine eigene Firma - bis er durch "Arisierung" 1941 enteignet wurde. 1944 verhafteten die Schergen der deutschen Besatzer die Familie.

Juden bei ihrer "Deportation am 29. September 1944" ist eines der Bilder, und Frankl malt die Zusammengetriebenen schattengleich, schon fast in die Nacht hineingeschmolzen, mit totenmaskenblassen Gesichtern. Jeder von ihnen ist des Todes. Dahinter die Wachmannschaften. Jeder von ihnen ist der Tod.

Auch ein Organisator des millionenfachen, industrialisierten Mordens taucht auf, Adolf Eichmann. Ihn hat Frankl gemalt, nach dem vielfach gedruckten Porträtfoto des SS-Obersturmbannführers. Aber in Frankls Porträt besteht Eichmanns Gesicht aus den Körpern gequälter Opfer, auf dem Kragenspiegel, wo die Abzeichen des SS-Obersturmbannführers prangten, ist ein "Gaswagen" abgebildet. Diese Fahrzeuge wurden benutzt, um Menschen durch Motorabgase zu töten. Und auf der rechten Uniformbrust Eichmanns prangt ein Gebäude, das an die Krematoriumsbauten im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erinnert.

Die Gemälde, mal gegenständlich, mal symbolisch verrätselt, machen nachvollziehbar, was Adolf Frankl zu Lebzeiten selbst über seine Arbeit gesagt hat: "Nach einigen Stunden muss ich mich hinlegen, denn ich bin wie zerschlagen. Am Abend, wenn alle schlafen, hole ich das gefärbte Gewebe hervor und von meinem Bett aus beobachte ich es stundenlang. Erst durch meine Hand, dann nur mit einem Auge, dann im Spiegel suche ich nach der Lösung, um die grauenhaften Gedanken, die hinter meinen Augen toben, für andere verständlich zu machen."

Keine der vielen Fotografien aus Auschwitz kann vermitteln, was der Holocaust in den Seelen der Opfer angerichtet hat, die Fassungslosigkeit darüber, was Menschen anderen Menschen antun. Kein Foto kann wirken wie Frankls "Das Ende", auf dem zu sehen ist, wie zwei Häftlinge, Angehörige des "Sonderkommandos" in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau, eine ausgemergelte Leiche in den Verbrennungsofen schieben müssen. Das Feuer zerglüht die Gesichter der beiden Lebenden schon zu Schädeln. Sie gehen den Mördern zur Hand, sind der Tod, aber todgeweihte Opfer auch. Sie werden die nächsten sein, die ins Gas gehen müssen.

Adolf Frankls Bildern sieht man an, dass hier ein Künstler versucht hat, sich etwas von der Seele zu malen. "Ich bin tief berührt von der Thematik und der Bedeutung der Bilder", sagt Dr. Kornelia Röder vom Staatlichen Museum Schwerin: "Ich sehe Frankls Werk durch seine starke Emotionalität in der Tradition der Klassischen Moderne, des Expressionismus und des Magischen Realismus." Aber, betont die Kunstwissenschaftlerin: "Auf sehr eigene Art und Weise."

Wer diese Bilder sieht, versteht, warum die Shoah nie Vergangenheit sein kann. Adolf Frankls Gemälde halten den Blick in die menschengemachte Hölle fest. Und wie Frankl sein Leben lang mit seinem Überleben gerungen hat, kann niemand mehr derselbe sein, der einmal in diesen schwarzen Abgrund geblickt hat, der seit Auschwitz inmitten aller menschlichen Zivilisation und Kultur gähnt. Adolf Frankl hat das Mahnmal, das er mit seinen Gemälden setzen wollte, universal verstanden: "Es soll niemandem, egal welcher Religion oder politischen Anschauung, dieses oder Ähnliches widerfahren!" Denn Frankl tief erschütternde Bilder erinnern uns nicht nur, dass es möglich war. Sie mahnen uns vor allem, das es immer noch möglich ist.

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