Stardirigent Kurt Masur auf Usedom : Beglückt nach vier Stunden Probe

Kurt Masur probt mit  jungen Musikern in Peenemünde Schostakowitschs 1. Sinfonie.Geert Maciejewski
Kurt Masur probt mit jungen Musikern in Peenemünde Schostakowitschs 1. Sinfonie.Geert Maciejewski

Eine Probe mit dem Baltic Youth Philharmonic Orchester im alten Kraftwerk von Peenemünde liegt hinter dem Dirigenten Kurt Masur. "Ich bin beglückt, mit welcher Offenheit man hier musiziert", berichtet Masur danach.

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13. September 2012, 05:57 Uhr

Peenemünde | Eine vierstündige Probe mit dem Baltic Youth Philharmonic Orchester im alten Kraftwerk von Peenemünde (Insel Usedom) liegt hinter dem Dirigenten Kurt Masur. Die Qualität des internationalen Jugendorchesters mit jungen Musikern aus dem Ostseeraum, mit dem er derzeit Schostakowitschs 1. Sinfonie probt, hat ihn überrascht. Das Orchester habe einen sehr hohen Leistungsstand und eine enorme Frische. "Ich bin beglückt, mit welcher Offenheit man hier musiziert", berichtet Masur nach der Probe.

Nach der konzentrierten Arbeit am Dirigentenpult nimmt sich der 85-Jährige eine Auszeit im Hotel. Eine kurze Pause, bevor er sich am Abend mit den Nachwuchsdirigenten seiner internationalen Dirigierklasse zu einem Auswertungsgespräch trifft. Die Energie, Präzision und Präsenz, mit der Masur vor dem Orchester steht, hat Nachwuchsdirigent Johannes Zurl bei den Proben beeindruckt. "Er weiß genau, was hat Einfluss auf das Orchester", erzählt der 32-Jährige. Was man von Masur lernen könne? "Vieles. Aber vor allem das Destillat der Bewegung."

Klassikfreunde waren nach dem Sturz Masurs während eines Konzertes in Paris im April in großer Sorge, lange war es still um den Maestro: Doch fünf Monate nach dem Unglück, bei dem sich Masur eine Fraktur des Schulterblattes zuzog, ist der Dirigent wieder in deutschen Konzertsälen zurück.

Morgen leitet er das Eröffnungskonzert des Usedomer Musikfestivals im Kraftwerk Peenemünde. Am 29. September steht er im Leipziger Gewandhaus bei dem Festkonzert zur Verleihung des Internationalen Mendelssohn-Preises am Dirigentenpult. Sein umjubeltes Comeback nach dem Sturz erlebte Masur Ende Juli mit dem Boston Symphony Orchestra im amerikanischen Tanglewood - ein Konzert vor 30 000 Zuhörern. Das Publikum spürt in diesen Momenten, dass mit Masur ein gewichtiges Stück Musik- und Zeitgeschichte auf der Konzertbühne steht.

Ein Meilenstein in der großen und langen Karriere als Dirigent war für Kurt Masur, wie er gern betont, seine Zeit als Generalmusikdirektor der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin, die er von 1958 bis 1960 leitete. Die Rolle des Dirigenten hat sich nach Auffassung von Masur, der namhafte Orchester in New York, London oder Paris leitete, in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. "Wir haben eine Zeit gehabt, in der der Dirigent eine unantastbare Persönlichkeit war", sagt Masur. Heute müsse der Dirigent geistig und mit einer Konzeption führen. Das Publikum frage heute nach der Substanz eines Werkes.

Prägend bleibt Masurs mutiger Einsatz im Oktober 1989, als er zusammen mit anderen Prominenten bei den Leipziger Montagsdemonstrationen zu Gewaltfreiheit aufrief.

Ob sich die Erwartungen nach größerer Freiheit und Selbstbestimmung, die die Menschen damals hegten, erfüllt haben, beantwortet Masur 23 Jahre später mit einem "klaren Jein". "Wir haben gelernt, dass einfache Bewegungen im Volke möglich sind, weil die Menschen Mut bekommen haben." Über die Schwierigkeiten, die den Menschen heute begegnen, sollte man lernen hinwegzudenken.

Masur glaubt an die verbindende Kraft der Musik. Mit Sorge schaut er auf die Entwicklung des unter dem öffentlichen Spardruck langsamen Sterbens kleinerer Orchester. "Das Verbrechen in diesem Bereich wird nicht bestraft und das ist das Schlimmste", empört er sich. Die Verantwortlichen, so seine Forderung, sollten sich auf das besinnen, was einfache Dinge in der Musik bewirken können. Kinder sollten wieder Volkslieder lernen.

Die Arbeit mit dem Musiker-Nachwuchs ist Masur eine Herzensangelegenheit. An den Nachwuchsdirigenten, die er derzeit auf Usedom unterrichtet, lobt er deren "großen Ernst und Ambitionen". Um die Zukunft dieser Menschen ist ihm nicht bange. "Die Generation der 30-Jährigen erlebt in den weltweiten Konzertsälen gerade einen Boom."

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