The Lords zu Gast in Schwerin : Begegnung zweier Rockgiganten

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Klaus-Dieter Schmidt von den Gruppen Renft und The Butlers und Lords-Gitarrist und Sänger Leo Lietz im Interview über die ewige Lust an der Rockmusik. The Lords gastieren heute ab 21 Uhr im Speicher Schwerin.

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04. Januar 2013, 07:34 Uhr

Der Lords-Gitarrist und Sänger Leo Lietz startete seine Karriere 1959. Klaus-Dieter Schmidt trommelte seit 1958 bei der Leipziger Klaus-Renft-Combo, arbeitet heute bei den Butlers. Uli Grunert sprach mit den beiden Gründungsmitgliedern der zwei langlebigsten und noch immer aktiven deutschen Rockbands über die Höhen und Tiefen ihrer Musiker-Karrieren, die bis heute andauern.

Die Klaus-Renft-Combo gilt als älteste existierende Rockband Deutschlands. Wie wurde die Band ins Leben gerufen?

Klaus-Dieter Schmidt: Das war reiner Zufall. Ich traf Klaus Renft zum ersten Mal auf dem Leipziger Markt vor dem Alten Rathaus. Da spielte das Rundfunktanzorchester Leipzig auf einer Freilichtbühne. Das war Musik für uns. Wir konnten uns sofort verständigen mit unseren 14 Jahren. Es stellte sich heraus, wir standen beide auf einschlägige Jazz-Sachen, aber auch Schlager und Rock & Roll. Im Westfernsehen lief damals die Perry Como Show. Das alles war unsere Welt. Wir haben dann sehr bald die erste Besetzung der Klaus Renft Combo gebildet. Das war gegen Ende des Jahres 1957.

Die Lords starteten im Jahr 1959. Gab es hier einen konkreten Anlass?

Leo Lietz: Wir starteten als Skiffle-Band in Berlin-Grunewald und waren stark von dem britischen Skiffle-Musiker Lonnie Donegan beeinflusst. Der hatte mit dem Hit "Rock Island Line"die Skiffle-Welle losgetreten. In der Folge etablierte sich eine Skiffle-Besetzung unter der Jugend. Überall wurde mit Gitarre, Banjo und Waschbrett musiziert. Das wollten wir auch. Später wurden wir vom Beat-Fieber gepackt und aus den Skiffle Lords wurden The Lords.

Der Durchbruch gelang den Lords 1964 mit einem Vertrag bei der Schallplattenfirma EMI. Der erste große Hit hieß "Shakin’all over" und wurde bald in Ost- und Westdeutschland viel gespielt. Bis 1969 kamen insgesamt elf Lords-Titel in die deutschen Charts, darunter mit "Poor Boy" und "Glory-Land" zwei echte Evergreens, die heute von euren Fans genauso leidenschaftlich mitgesungen werden wie damals. Ist dieser Erfolg erklärbar?

Leo Lietz: Wir verstanden uns nie als nostalgische Oldie-Band, sondern sehen uns in erster Linie als Rockband, mit hohem Anspruch an Live-Performance und Sound. Halb-Playback-Tricks passen nicht zu uns. Heute sind die Lords mehr denn je ein verschworener und harmonischer Haufen. Wir haben den Anspruch, bei unseren Auftritten eine möglichst perfekte Performance abzuliefern.

Wie kam es zum ersten Spielverbot der Klaus Renft-Combo im Jahr 1962 in der DDR? Hatte sich das politische Klima verschärft?

Klaus-Dieter Schmidt: Es gab immer und zu jeder Zeit progressivere Kultur-Funktionäre, die uns mochten und förderten. Und es gab Erz-Stalinisten, die uns Schwierigkeiten machten. Da haben wir uns durchlaviert, waren immer mit einem Bein im Verbot drin. Eines darf man bei den ganzen ideologischen Kämpfen nicht vergessen: Wir machten denen die Klubhäuser immer schön voll. Und sie konnten mit den Einnahmen weiter oben glänzen. Da gab es clevere Funktionäre, die wussten schon, was sie an uns hatten. Einmal waren wir verboten, dann wieder erlaubt. Das ging hin und her. Es gab einige befristete Verbote in jener Zeit. Wir hätten dann 1962 auch als Klaus Renft Combo weitermachen können. Aber der Name The Butlers gefiel uns besser. Das große, endgültige Spielverbot kam dann 1965 nach dem Konzert der Rolling Stones auf der Westberliner Waldbühne. Da war das Ende der Fahnenstange erreicht.

Gab es auch in Westdeutschland Ressentiments gegen die neue Rock-Musik?

Leo Lietz: Es gab viele Ältere, die etwas gegen diese "Hottentotten-Musik" hatten. Auch gegen unsere langen Haare hatten sie etwas einzuwenden. Das änderte sich erst, als der Beat-Club in Bremen die neue Musik ins Fernsehen brachte. Danach normalisierte sich alles schrittweise.

Was war aus Ihrer Sicht der größte Fehler der DDR-Kulturbürokratie in jenen Anfangsjahren der Rock-Musik?

Klaus-Dieter Schmidt: Indem die Bürokratie unbedingt nachweisen wollte, dass Rock & Roll eine Erfindung des Imperialismus sein sollte und damit das sozialistische Lager überrollt werden sollte und die Menschen geistig abstumpft, haben sie eine Riesendummheit begangen. Sie haben sich gegen ihre eigene Jugend gestellt und diese gegen den Staat aufgebracht. Diese Dummheit hatte schon chauvinistische Züge. Partei-Funktionäre kamen oft zu uns hinter die Bühne und sagten: Herr Schmidt, wann hören Sie endlich auf mit dieser Neger-Musik? Bei diesem Unsinn haben sie das gleiche Vokabular benutzt wie die Scharfmacher im Westen. Alle oft beschworenen Unterschiede waren in dem Moment sofort vom Tisch. Wer sollte da noch Vertrauen haben? Wenn der Rock & Roll aus Moskau gekommen wäre, hätte es vielleicht besser ausgesehen. Aber er kam aus den USA und stand allein deshalb unter Generalverdacht.

Der Tod eures Frontmanns Lord Ulli war im Jahr 1999 ein großer Schock. Was hat euch dazu bewegt, weiterzumachen?

Leo Lietz: Damals sind wir erst einmal in ein riesiges Loch gefallen. Wir wollten nicht zurück auf die Bühne. Aber durch unsere Fans und Familien haben wir die Unterstützung bekommen, um nach einer Pause weiterzumachen. Wir begriffen, die Musik war unser Leben. Deshalb haben wir uns im Übungsraum eingeschlossen, den Gesang demokratisch aufgeteilt und geackert, bis das Live-Programm stand.

Wir stehen nach wie vor gern auf der Bühne. Musik ist unsere Droge fürs Leben. Früher wurde Jazzern erlaubt, auf der Bühne alt zu werden. Heute kommen die Rockbands in die Jahre. Aber solange wir mit Bauch und Herz dabei sind und unsere Fans uns unterstützen, gibt es keinen Grund aufzuhören.

Konzert-Termin: The Lords gastieren heute (Samstag, den 5. Januar 2013 ab 21 Uhr) im Speicher Schwerin.

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