Ausstellung im Museum Schwerin : Auge in Auge mit Dalí, Miró und Picasso

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Die Ausstellung „Kaleidoskop der Moderne“ im Staatlichen Museum Schwerin zeigt Fotos von Eddy Novarro und Bilder, die Avantgardekünstler für ihn schufen

svz.de von
09. Juli 2015, 12:00 Uhr

Wer wäre in diesem Moment nicht gern dabeigewesen? Als der Torero Miguel Dominguin am 16. Februar 1960 dem Fotografen Eddy Novarro Pablo Picasso vorstellt, ist der Meister noch nicht fertig angezogen. Das T-Shirt hängt ihm wie ein Schal um den Hals. Eilig scheint er an seiner Zigarette zu ziehen. Mit den typischen, riesengroßen Picasso-Augen sieht er in die Kamera. Dieses Foto sollte das berühmteste des brasilianischen Fotografen werden. Schon bei dieser ersten Begegnung schenkte Picasso seinem Gast eine Clownszeichnung, die entfernt an den Fotografen erinnert und mit einer Widmung versehen ist. Später kamen noch drei Stierzeichnungen hinzu.

Bereits mit dieser kleinen Szene zu Hause bei Picasso im südfranzösischen Mougins ist das Prinzip der künstlerischen Lebensreise von Eddy Novarro und auch der großen Sommerausstellung im Staatlichen Museum Schwerin beschrieben. Novarro und seine Frau Nana lernten in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts nach und nach Künstler der Nachkriegsavantgarde kennen, er fotografierte sie, sowohl die Großen wie Dalí, Miró, Kokoschka, Dix, Giacometti, Chagall, Magritt oder Picasso. Im Gegenzug bekam er von ihnen kleinformatige Kunstwerke – oft mit sehr persönlichen Widmungen.

„Aber Novarro war kein Autogrammsammler“, so Katharina Uhl, die Kuratorin der Ausstellung. „Es waren Begegnungen auf Augenhöhe. Die Künstler müssen vom Fotografen und seiner lebendigen, äußerst attraktiven Frau begeistert gewesen sein.“ So schrieb etwa der österreichische Maler Rudolf Hausner auf sein Bild: „Für Eddy Novarro in herzlicher Freundschaft und mit Liebe für Nana.“

Wer war dieses Künstlerpaar? Sehr viel weiß man nicht, weite Teile ihres Lebens liegen im geheimnisvollen Dunkel der Geschichte. Immerhin: Novarro soll zwischen 1925 und 1930 als Vasile Novaru in Bukarest zur Welt gekommen sein. Dann reist er über Italien nach Brasilien und wird Pressefotograf mit besten Kontakten zur dortigen Kunstwelt. Als er 1958 auf der Expo in Brüssel fotografiert, lernt er René Magritte kennen und erobert sich über ihn nach und nach die europäische Kunstszene. Wie Katharina Uhl in dem inspirierenden Katalog zur Ausstellung schreibt: „Durch Novarros Portraits erhielten die Künstler der Nachkriegsmoderne ein Gesicht, ein künstlerisch-fotografisches Antlitz.“ 600 Portraits schuf Novarro in seiner Karriere. „Er hat keine Kunstwerke gesammelt, er hat Künstler gesammelt“, sagte Museumsdirektor Dirk Blübaum.

Nana, eine Deutsche, nimmt er als Anhalterin mit, beide verlieben sich und bleiben ein Paar bis zu Nanas Tod. Vielleicht darf man sich diese enge, äußerst produktive Künstlerliebe vorstellen wie die Beziehung zwischen Christo und Jeanne-Claude. Als Nana lange vor Eddy starb, heiratete er erneut – eine Russin. Darum liegt heute ein Großteil seines Nachlasses in einem Moskauer Archiv, vorerst unzugänglich für die Öffentlichkeit. Novarro starb im Jahr 2003.

Die Schweriner Avantgarde-Ausstellung mit 80 Kunstwerken und 35 Fotografien basiert auf der Privatsammlung des deutschen Topmanagers Gerhard Cromme. 2006 hatte er bereits seine Werke des Konstruktivismus in Schwerin gezeigt und muss so zufrieden gewesen sein, dass er nun erneut eine hochkarätige Schau im Staatlichen Museum ermöglicht.

Und hochkarätig ist sie in der Tat – nicht nur wegen der klangvollen Namen von Picasso bis Chagall. Die Ausstellung ist so inszeniert, dass die Besucher wie auf einer Reise durch die Kunstgeschichte die wichtigsten künstlerischen Protagonisten der 1950er- bis 70er-Jahre kennenlernen und damit zugleich die Kunstrichtungen, für die sie standen: von der klassischen Moderne über den Abstrakten Expressionismus bis zur Op- und Pop Art. Auch wenn nicht die großen Hauptwerke zu sehen sind, dürfen sich Besucher dennoch auf ein Best-of der Kunstszenen nach dem Zweiten Weltkrieg freuen.

Wie in einem Kaleidoskop – insofern trifft der Titel der Ausstellung zu – ergeben sich dabei immer neue Sichten, Spiegelungen und Zusammenhänge auf die Zeit, die Künstler in ihr, ihre Werke und die sich abwechselnden und sich aufeinander beziehenden Kunstströmungen.Der brasilianische Fotograf mit osteuropäischen Wurzeln hat seine Begegnungen nicht nur mit seinen sensiblen und oft extremen Großaufnahmen dokumentiert, sondern auch in zwei dicken, handgebundenen Folianten, in die die Künstler ihre Werke malten oder zeichneten. Die edlen Bände sind das Herz der Ausstellung – die beiden Originale, in denen aus verständlichen Gründen nicht geblättert werden darf, und zwei Videoinstallationen, in denen die Seiten dieser Carnet d’Or (Goldenes Buch) genannten Reliquien der Kunstgeschichte Seite für Seite gezeigt werden. Übrigens ist der diesmal äußerst schwergewichtige Katalog den Goldenen Büchern in Farbe und Ausstattung nachempfunden.

Wie nah Eddy Novarro den Künstlern nicht nur mit seinen Aufnahmen kam, die ihm auch den Ruf eines „Freud der Fotografie“ einbrachten, verdeutlicht sehr schön das Bild, das ihn in vertrauter, freundschaftlicher Pose gemeinsam mit Salvador Dalí zeigt. Der Exzentriker duldete sonst niemanden neben sich.

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