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"Athen darf nicht zu Sparta werden"

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erstellt am 29.Okt.2012 | 06:02 Uhr

So nicht! Ein Gespenst geht um in Europa: Weg mit unnötiger Kunst, verdichten, zusammenlegen, zerschlagen! Nicht nur in MV droht die finanzielle Strangulierung. Was nur ist allerorten der Politik in die Knochen gefahren? Meinen unsere gewählten Volksvertreter wirklich, gewachsene Urbanitäten ohne ihre Kunst-Spezifik noch als solche betrachten zu dürfen? Die Kunst - auch die des Theaters - ist Müllabfuhr für die Seele, sie ist unverzichtbar. Und es ist unverzichtbar, in Schwerin Theater zu spielen, Musiktheater, Tanztheater zu haben, ein Orchester, Kinder-und Jugendtheater. Man fährt nicht nach Rostock und umgekehrt. Man liebt das Eigene, begeistert sich für eine Kunst, die spezifisch vor Ort entsteht. Kommen "Gastspiele" aus Rostock- so bleiben sie leer in Schwerin. Ich erachte den an Metrum erteilten Sparauftrag als grundsätzlich verwerflich, weil an den Bedürfnissen der Menschen vorbei - wie bei allen solchen Aufträgen. Man darf, was ja das Schlimmste ist, ein Theater in Neubrandenburg/Neustrelitz oder eine Bühne in Stralsund/Greifswald nicht schließen, weil ein Leuchtturm in Rostock errichtet werden soll. Zwei Leuchttürme sind auch keine Lösung. Es gilt, um den Erhalt einer jeden Sparte überall zu ringen. So viel zu erhalten als nur irgend möglich, nicht weniger Geld, sondern mehr einzusetzen - und vor allem gilt es Kulturausgaben zu Pflichtaufgaben der Bundesländer und Kommunen zu machen.

Ich erlebte grausame Dummheit auf Zeit gewählter Politiker. So die tödliche Theater-Ehe zwischen Gelsenkirchen und Wuppertal. Sie führte schließlich zum Bankrott eines Institutes, zu beiderseits schlecht besuchten Häusern. Man spart nichts ein, nur die Qualität, die notwendige Stadt-Spezifik einer Kulturarbeit bleibt auf der Strecke. Vor drei Jahren hat man die Tanztheatercompagnien aus Heidelberg und Freiburg zusammengezwungen. Die Kräfte der Tänzer wurden auf Autobahnen verschlissen. Neue Intendanten der Häuser erzwangen die Rücknahme des Irrsinns.

Auf der anderen Seite: Die Theater sind aufgerufen an der Unverzichtbarkeit ihrer Institute zu arbeiten, viel mehr als es geschieht. Natürlich und zu allererst muss es auf der Bühne stimmen - bei allen Sparten. Der Mief muss weg, die Dinge müssen verstehbar sein, nicht in eitlen Paradiesgärten erblühen. Die Kinder, die Jugend, die bisher Abwesenden müssen verführt werden, man muss raus aus den Häusern, damit sie sich wieder füllen.

Alles Denken, alles Fühlen vermögen die Künste zu verändern, in Frage zu stellen, herrlich zu bereichern. In einer Stadt ohne Theater - wir haben kein Ensemble, nur ein zu bespielendes Haus in Ludwigshafen - habe ich gegründet: eine Medienschule, ein Junges-Spiel-Theater, einen Jugendclub Kritisches Theater. Wir führen durch: Festspiele zum achten Mal, einen international höchstdotierten Tanzwettbewerb, jährlich eine türkische Woche, ORIENTierungstage. Wir machen mit der Oper in Halle zusammen den in Rheinland-Pfalz ersten Wagnerschen "Ring". Die Jugendarbeit basiert auf zusammengeflehten Sponsorengeldern. Die Festspiele sind Gabe des Landes, der Industrie. Die nun drei Jahre lang ungeheuerlich intensive Ring-Basisarbeit gründet sich auf errannten Geldern. In Sozialitäten wie Ludwigshafen reichen gute Inszenierungen längst nicht mehr aus. An jedem Tag muss die Unverzichtbarkeit von Theater deutlich werden. Tausende von Jugendlichen haben wir erreicht. Ich beschreibe dies nicht eitel, sondern als Aufreihung des Möglichen.

In den neuen Ländern sind die Theater längst Bollwerke gegen den stinkenden brauen Sumpf. Meint man diese Mauern schleifen zu können? Wir verplempern asozial Milliarden, ohne viel Einspruch, ohne Aufstand, für globale Spekulation, Ruinierung von Lebensräumen, Zerstörung von letzten Naturreservaten… Wir arbeiten an der globalen Dämmerung mit ungeheurer Intensität. Und auf die kleinen, notwendigen, erfolgreichen Kunst-Bremsungen glauben wir verzichten zu können? Volk von Schwerin - bitte! Geht weiter auf die Straßen, kämpft für eine lebensnotwendige Bildung durch Kunst, für eine demokratische Sozialität - für eine unaustauschbare Polis. Athen darf nicht zum Sparta werden!

Aufklärung ist Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, und in die Zeit vor der Aufklärung wollen wir nun einmal allesamt nicht zurück!

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