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Foto-Ausstellung in Schwerin : Alltag im verschwundenen Staat

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Kritisch und liebevoll" das Leben in der DDR dokumentiert: Ausstellung des Fotografen Siegfried Wittenburg im NDR-Funkhaus Schwerin

Nach seiner ersten Ausstellung 1981 hatte Siegfried Wittenburg sein Etikett als „kritischer“ Fotograf weg. In Rostock-Lichtenhagen hatte er die Bewohner aufgenommen, wie sie auf notdürftigen Holzstegen den Matsch und die Pfützen vor ihren Haustüren überquerten. Dabei wollte Wittenburg nur zeigen, wie es in den Neubaugebieten zuging. „Während vorne die ersten Bewohner einzogen, wurde hinten weitergebaut. So war das halt“, sagte Wittenburg am Dienstagabend im NDR-Landesfunkhaus in Schwerin, wo bis zum 24. Oktober 100 seiner Fotos aus den Jahren zwischen 1980 und 1992 zu sehen sind.

„Leben in der Utopie oder Der Alltag in einem verschwundenen Staat“ ist die Ausstellung betitelt. Die alltäglichen Szenen auf den Fotos riefen bei vielen Besuchern der Eröffnungsveranstaltung Erinnerungen wach: Die lange Schlange vor dem Schallplatten-Geschäft und die unendlichen Wäscheleinen hinter den Plattenbauten. Die Kohlehaufen auf den Bürgersteigen und der liebevoll gepflegte Trabi, das Schild „Bitte warten – Sie werden plaziert!“ an der Eingangstür einer Gaststätte.

Wittenburg hatte durchaus den Anspruch, den Unterschied zwischen den Parolen und Verheißungen des sozialistischen Staates und der Wirklichkeit abzubilden. Oft gelang ihm das auf sehr subtile Art. Die blankgeputzte Plakette mit dem eingestanzten Text: „Hier arbeitet ein hervorragendes Schrankenwärterkollektiv“, am Bahnhof in Huckstorf steht im krassen Widerspruch zur morschen Schuppenwand, an der sie angebracht war.

Diskussionen mit der Obrigkeit gab es vor seinen Ausstellungen eher um die Namen, mit denen Wittenburg seine Bilder versah, als um die Motive selbst. „Die Bilder waren halt da“, berichtet der Fotograf, und an der auf ihnen dargestellten Realität konnten auch die Zensoren kaum zweifeln. Aber den Namen „Unsere Jugend“ für das Foto von einem für damalige Verhältnisse „alternativ“ gekleideten Pärchen stieß bei ihnen halt auf Missfallen. Ihre „Jugend“ sah anders aus.

Auf den ersten Blick berichten einige der Fotos von einer sehr persönlichen Begebenheit. Da ist die Braut im weißen Kleid, die unter dem Honecker-Foto auf dem Standesamt ihren Liebsten küsst. Da ist der Rentner mit Prinz-Heinrich-Mütze im Sessel vor dem Kachelofen mit dem Enkel auf dem Schoß. Da sind die Nachbarn im Neubau-Viertel, die mit Spaten bewaffnet den Subbotnik bestreiten. Gleichwohl dokumentieren sie die Gefühlswelt vieler damaliger DDR-Bürger. Etwa die Rentnerin auf dem Rostocker Hauptbahnhof, die sich 1980 offenbar freut, dass sie gleich in den Zug nach Köln steigen kann, und die Ausflügler, die 1988 auf der Mole in Heiligendamm stehen und sehnsuchtsvoll nach Norden gen Dänemark schauen.

Wittenburg zeigt in Schwerin auch Fotos, die er in der DDR nicht ausstellen konnte. Marode Fassaden, Hinterhöfe voller Müll, leere Schaufenster. Als Leiter des Foto-Klubs „Konkret“ beim VEB Warnowwerft hatte der gelernte Funkmechaniker 1986 genug Ärger, als die Betriebsgewerkschaftsleitung eine Ausstellung in Polen zensierte. 1987 machte er eine Rundreise durch die DDR, fotografierte die zerfallenden Häuser in Dresden. „Es war Endzeit-Stimmung“, berichtet Wittenburg. Er glaubt, seine Fotos haben manchen Betrachter „aus einem schönen Traum gerissen, den er eigentlich gern weitergeträumt hätte“.

Die Kunsthistorikerin Valeria Liebermann schrieb über Wittenburg, der Fotograf sei ein „hellwacher Zeitzeuge“ gewesen und er habe kritisch, aber auch liebevoll den Alltag in der DDR dokumentiert. Nun würden seine Bilder Wesentliches dazu beitragen, dass die Erinnerung an das „Leben in der Utopie“ sichtbar bleibe und nicht im dunklen Loch der Geschichte verschwinde.

Der NDR holte die Ausstellung seines Projektes „Atlas des Aufbruchs“ in sein Funkhaus. Weitere Beiträge dazu finden sich auf der Internet-Seite des NDR. Die Ausstellung ist von 10 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Der NDR bittet größere Gruppen, sich vorher unter 0385 – 5 95 90 telefonisch anzumelden.


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