DDR-Kult-Comic „Mosaik“ : 60/40 – diesmal kein Witz

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Abrax, Brabax und Califax

Das „Mosaik“ feiert ein Doppeljubiläum und seinen anhaltenden Erfolg bei der Leserschaft.

svz.de von
18. November 2015, 12:00 Uhr

Die größte Witznummer in den DDR-Popkulturvorschriften lautete 60/40. In Discos sollten 60 Prozent Ostsongs und höchstens 40 Prozent Westsongs gespielt werden. So geriet 60/40 zur Chiffre für den Fehlversuch, die Jugendkultur aus dem Sog der Westvorbilder zu befreien.

In einem anderen Bereich – den Comic-Heften – hat die Kombination Originär DDR, aber erfolgreich erstaunlich gut geklappt. Dafür steht das aktuelle 60/40: Vor 60 Jahren erschien erstmals das „Mosaik“ mit den Digedags, die wiederum vor 40 Jahren durch die Abrafaxe abgelöst wurden.

Und die ziehen immer noch durch die Bilderwelten des „Mosaik“. Seit Klaus D. Schleiter, Chef einer Westberliner Werbeagentur, die Rechte 1991 von der Treuhand erwarb, wird es von 20 Mitarbeitern, darunter Autor Jens-Uwe Schubert und acht Zeichner, in einer Villa in Berlin-Westend produziert. Inzwischen ist es das älteste und (mit gut 100 000 Exemplaren) auflagenstärkste Comic deutscher Produktion. Bis heute sind 210 Millionen Hefte verkauft worden.

Was die Comic-Reihe bis heute so besonders macht: Das „Mosaik“ – und besonders die Digedag-Reihe – lieferte nicht nur Unterhaltungsstoff für Millionen junge Ostler, sondern auch Weltanschauungsphantasien. Sein erster Eindruck bei einer Fahrt durch New Orleans sei gewesen, so Rammstein-Keyboarder „Flake“ Lorenz, dass es dort genauso aussehe wie bei den Digedag-Abenteuern in Wildwest-Amerika.

Solche Déja Vus hatten nach der Wende viele Ossis. Im Unterschied zu westlichen Comics, die 1955 in der DDR als kapitalistische Schundhefte mit billiger Zzzsch-Knallll-Bummm-Unterhaltung galten, versuchten die „Mosaik“-Macher den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung in Form lehrreicher Zeitreisen der Comic-Helden.

Das gilt bis heute: Die Abrafaxe erklären die Welt und – in Zusammenarbeit mit Experten – wie Naturphänomene im Alltag funktionieren. „Wir bieten keine Wegwerfunterhaltung, das kommt bei Lesern gut an“, sagt Robert Löffler, der selbst mit „Mosaiks“ groß wurde. Aktuell sind die Abrafaxe gerade im Römischen Reich unterwegs, so wie vor Jahrzehnten schon die Digedags. Das dürfte auch die älteren Leser freuen, die dem „Mosaik“ seit ihrer Kindheit die Treue halten. Zwar ist das Comic immer noch etwas stärker im Osten verwurzelt, aber der eigentliche Zielgruppennenner ist der fast schon bildungsbürgerliche Anspruch. Dafür gab’s unter anderem das Qualitätssiegel für Kinder- und Jugendzeitschriften der Stiftung Lesen.

Seit sieben Jahren gibt der Verlag auch vierteljährlich ein Mädchen-„Mosaik“ heraus, in dem so etwas wie Abrafaxe-Schwestern Abenteuer aus der Frauenperspektive erzählen.

Wie fundiert die Wissensvermittlung ist, zeigte sich im Heft „Die Puppenkrise von Heppenstedt“, in dem es um eine mittelalterliche Spekulationsblase mit wertvollen Puppen ging. Weil das Heft just kurz nach der Finanzkrise erschien und das Wesen der Spekulation so anschaulich erklärt wurde, kaufte die Deutsche Bank die komplette Restauflage auf, um sie an ihre Kunden zu verschenken.

Das Jubiläumsgeschenk für die Leser ist eine kostenlose App, über die sie beim Lesen via Handy Zusatzinformationen bekommen können.

Das Herzstück des „Mosaik“-Erlebens bleibt jedoch die Papierwelt wie seit 60 Jahren. Die Zeichner arbeiten nach wie vor mit Pinsel und Tinte, wovon sich regelmäßig auch Schulklassen überzeugen, die sogar von auswärts anreisen. Und am 5. Dezember ist im Verlag wieder Tag der Offenen Tür.

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