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Mecklenburg-Vorpommern

14. Dezember 2017 | 11:17 Uhr

Streitbar : Kürbis statt Kirche

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Warum feiert im Norden kaum einer den Reformationstag? – Weil die evangelische Kirche alles tut, um bloß nicht als Kirche aufzufallen, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
erstellt am 31.Okt.2015 | 16:00 Uhr

Blitzumfrage in einer norddeutschen Kneipe: „Was ist am 31. Oktober?“ Hier ein paar Antworten: „Wochenende“, sagt einer, „Party“, ruft die Nächste, „keine Ahnung“ mehrere und „letzter Tag des Oktobers“ ein Schlaumeier. Auf Reformationstag kommt im Schatten des knapp einhundert Meter hohen protestantischen Innenstadtdoms mit seinen Zwillingstürmen allerdings keiner.

Dabei ist dieser evangelische Feiertag sogar fix, fällt also Jahr für Jahr auf den 31. Oktober. Das ist beispielsweise beim Fronleichnamsfest anders, das irgendwann zwischen Mitte Mai und Ende Juni gefeiert wird und für Katholiken besonders bedeutsam ist. Der Termin ergibt sich mittels Rechenschieber aus dem Datum des Osterfests. Dennoch würden Partygänger in München oder Köln im Vorfeld dieses kirchlichen Großereignis’ wissen, wann genau es ansteht. Warum? Weil die katholische Kirche dafür sorgt.

Zurück in die norddeutsche Kneipe: „Halloween“ fiel auch einem Gast ein. Der irgendwie nicht ganz heidnische und noch weniger christliche Brauch hat dem Reformationstag schon lange den Rang abgelaufen. Gruselkürbisse kennt jeder. Die 95 Thesen, die Martin Luther an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg nagelte, kennt hingegen so gut wie niemand. Warum? Weil Luthers Nachlassverwalterin, die evangelische Kirche, seit Ewigkeiten ihr Kerngeschäft vernachlässigt.

Diese Kirche schafft es nur noch dadurch aufzufallen, dass sie alles tut, um bloß nicht als Kirche aufzufallen. Doch die Suche nach einer neuen Position auf dem Markt der Heilsversprechen ist gefährlich. Im Zuge ihrer Selbstsäkularisierung hat die Evangelische Kirche Deutschlands reihenweise neue Profit-Center eröffnet oder bisherige Nebenverdienstquellen zum Mittelpunkt ihrer operativen Tätigkeit gemacht. Etwas Ökoaktivismus, etwas Friedensbewegung, ein wenig Sozialarbeit, reichlich Jugend- und Kinderbetreuung, hin und wieder rührige Kantoren, die auch noch einen guten Bach orgeln und aufführen können – das alles ist Evangelische Kirche in Deutschland.

Nur mit der Theologie hapert es halt etwas. Um auf keinen Fall anzuecken, stellen die On-Air-Persönlichkeiten des real existierenden Protestantismus’ auch schon mal die Geschäftsgrundlagen infrage. So wollte „Der Spiegel“ in einem Interview von der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann wissen, ob sie an die Jungfrauengeburt glaube. Sie sei ganz „Theologin des 21. Jahrhunderts“, antwortete Käßmann und dozierte weiter: „Ich glaube, dass Maria eine junge Frau war, die Gott vollkommen vertraut hat. Aber dass sie im medizinischen Sinne Jungfrau war, das glaube ich nicht.“

Auch wenn deutsche Finanzämter das Eintreiben der Mitgliedsbeiträge der beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland übernehmen, kann man die katholische und die evangelische Kirche als Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bezeichnen. Erfolgreiche NGOs brauchen nichts so dringend zum Überleben wie öffentliche Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Und was Aufmerksamkeit angeht, stehlen die Katholiken den Protestanten regelmäßig die Bühne.

Den letzten großen Aufmerksamkeitspeak hatte die EKD, als vor über fünf Jahren die bereits erwähnte damalige Ratsvorsitzende Käßmann leicht angenüchtert über eine rote Ampel im nächtlichen Hannover bretterte und dadurch in eine Polizeikontrolle geriet. Auch die katholische Kirche ist zwar dauernd für Schlagzeilen aus dem zwielichtigen oder gar kriminellen Bereich gut. Doch obwohl Kindesmissbrauch ein widerwärtiger Dauerbrenner ist oder ein zur Dekadenz neigender Bischof mal eben Millionen Euro in geschmacklich gar nicht mal so schreckliche Architektur steckte, schafft es die katholische Kirche regelmäßig, mit ihrem Kerngeschäft in den Medien aufzutauchen. Das ist unbezahlbar wichtige PR. Und wie man die bekommt, haben die protestantischen Öffentlichkeitsarbeiter nie verstanden.

Deshalb werden sie von uns Entscheidern im Medienzirkus diskriminiert. Gerade erst ging die Familiensynode der katholischen Kirche in Rom zu Ende. Google-News verweist auf knapp 700 Artikel zum Thema. Räuspert sich irgendein Vertreter des römischen Großfilialisten zum Thema Homosexualität oder zur Gleichberechtigung der Geschlechter, ist das unserer Branche immer einen Hype wert. Was die Protestanten dazu zu sagen haben, ist uns Journalisten hingegen egal. Denn ihnen fehlen jeder Glamour, jeglicher Charme und damit jegliche Relevanz. Es ist ein Laden ohne Ecken und Kanten. Folglich ist völlig egal, was der EKD-Chef, der unbekannter ist als die meisten katholischen Provinzbischöfe, zu sagen hat. Seine Kirche hat sich sowieso schon fast überall angebiedert. Nichts ist langweiliger als Gefallsucht. Der Mann heißt übrigens Heinrich Bedford-Strohm – nur für den Fall, dass Ihnen der Name gerade nicht einfallen will.

Katholische Kirche ist wie Hollywood. Sie inszeniert die nicht besonders komplexe, dafür aber eingängige Geschichte Jesu pompös. Ihre Darsteller sind dick geschminkt und gewaltig kostümiert, sie aast mit Effekten (Weihrauch), sie lässt beeindruckende Requisiten (Kathedralen) in die Kulisse schieben und castet Heerscharen von Statisten, die nicht mehr zu tun haben, als beim Urbi et Orbi den Mittelbalkon des Petersdoms anzustarren. Und am Ende wartet bei den Katholiken immer ein Happy End – Segen und Vergebung.

Die EKD versucht, dieselbe Geschichte als Kammerspiel aufzuführen. Ihre Darsteller tragen in dieser existenzialistischen Interpretation Kostüme, die man als praktisch und zweckmäßig bezeichnen kann. Monologe halten ihre Vertreter vor holzvertäfelten Wänden, die auch einer Behörde gut stehen würden. Bloß kein Rausch, bloß keine Massen. Nichts soll vom Kern der Botschaft ablenken, die dann auch noch wahnsinnig trostlos sein kann. Kein Beichtstuhl nimmt dem Zuschauer seine individuelle Last von den Schultern.

Und genau deshalb funktioniert das protestantische Storytelling nicht. Die fast gar nicht inszenierte Leidens- und Erlösungsgeschichte schmeckt dem Publikum überhaupt nicht. Statt nun aber ihre Theologie zu inszenieren, macht die EKD aus ihrem Kammerspiel eine Art Rosamunde Pilcher-Reihe. Am Ende weiß keiner mehr, worum genau es eigentlich geht und warum man sich die nächste Folge dieser Serie anschauen soll.

Genauso wenig wissen Journalisten, warum sie über einen solchen Verein berichten sollten. Während die Katholiken polarisieren und es verstehen, mit jeder ihrer Stellungnahmen oder manchmal auch nur mit Wasserstandsmeldungen interner Auseinandersetzungen Aufregung und Streit zu erzeugen, sind die Ansichten der EKD dem Publikum völlig egal. Im Zweifel stehen die Protestanten zwar auf der irgendwie richtigen und massenkompatiblen Seite, doch Amnesty International, Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen, Bono, Herbert Grönemeyer, Alice Schwarzer oder Richard David Precht haben immer schon ein paar eingängigere Statements zuvor abgegeben.Das ist der Grund, warum wir an diesem Wochenende auch nicht den Reformationstag feiern und uns auch nicht mit den Thesen Martin Luthers beschäftigen, sondern entweder gar nichts machen, oder irgendwas mit Kürbissen.

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