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Filmkunstfest MV : Künstlerischer Leiter geht im Zorn

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Filmexperten sehen den Ruf des Filmkunstfestes in Gefahr. Das Abschaffen des Künstlerischen Leiters sei eine Fehlentscheidung. Hintergrund: Aufsichtsrat und Geschäftsführung haben das Filmkunstfest umgebaut.

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erstellt am 06.Jan.2012 | 07:05 Uhr

Schwerin | Er hat in Schwerin Gesprächsrunden mit Regisseuren und Schauspielern moderiert, Gala-Veranstaltungen, Filmgespräche, gerne auch bis zum Morgengrauen, nimmermüde und immer unterhaltsam: Knut Elstermann, Verfasser von "Früher war ich Filmkind" und Gebieter über enzyklopädisches Filmwissen, gehört seit Jahren zum Filmkunstfest MV dazu. "Das Festival war eine Perle", sagt er.

Der Nachruf-Ton ist gewollt. Denn Elstermann sieht die bisherige Erfolgsgeschichte des Filmkunstfestes in Gefahr. "Die neue Konstruktion geht überhaupt nicht", sagt er.

Neue Konstruktion - das meint die Anfang Dezember öffentlich gewordene Entscheidung von Torsten Jahn, Geschäftsführer der Filmkunstfest-Dachgesellschaft Filmland MV gGmbH, das Festival künftig ohne Künstlerischen Leiter zu lassen. Stattdessen soll es eine Programmredaktion geben und mit Regisseur Chris tian Schwochow ( "Novemberkind") einen "Festivalbotschafter" (wir berichteten). Der Künstlerische Leiter des Festivals 2011, Stefan Fichtner, wurde vor die Wahl gestellt: Normaler Redakteur in der Programmredaktion werden - oder gar nichts.

Degradieren lassen will sich Fichtner aber nicht. "Auch aus Gründen des persönlichen Umgangs kommt es für mich nicht in Frage, nun als untergeordneter Mitarbeiter unter Torsten Jahn tätig zu werden", sagt er. Und: "Schon während meiner Zeit als Künstlerischer Leiter mit vertraglich zugesicherter Gestaltungsfreiheit war ich verdeckten Attacken auf meine Position und intriganten Verhaltensweisen ausgesetzt", eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe sei unmöglich gewesen.

Also doch: Filmfest-Streit und kein Ende. Bei Bekanntwerden der Strukturveränderungen Anfang Dezember hatte Torsten Jahn noch betont, es habe keinen Streit mit Fichtner gegeben, die Neuorganisation sei ein Anpassungsprozess. Fichtner selbst hatte damals angesichts laufender Gespräche über ein vielleicht mögliches Verbleiben im Team in der Öffentlichkeit geschwiegen.

Nun ist Stefan Fichtner der dritte Künstlerische Leiter des Filmkunstfestes innerhalb von zwei Jahren, der hinwirft und dabei Vorwürfe gegen Geschäftsführer Torsten Jahn erhebt. Bereits Hasso Hartmann, Künstlerischer Leiter des Filmkunstfestes bis 2010, und Saskia Walker, die eigentlich nach Hartmanns Abgang im Team mit Fichtner die Künstlerische Leitung übernehmen sollte, hatten Jahn vorgeworfen, ständig in ihre Kompetenzen einzugreifen, jeden ihrer Schritte kontrollieren zu wollen, sie regelrecht zu mobben… Hartmann konnte nicht einmal mehr das Jubiläumsfestival 2010 vor Ort leiten - er fiel mit Burnout aus und musste in die Klinik.

Das habe er sich, womöglich als einfacher Programmredakteur, nicht antun wollen, sagt Fichtner, und es sei ja auch eine Frage der Ehre: "Nach der Demontage meiner bisherigen Position werde ich nicht als Erfüllungsgehilfe weiterarbeiten." Außerdem sei die neue Organisationsstruktur - Programmredaktion ohne Leiter - in seinen Augen Unsinn, so Fichtner: "Wer die Inhalte meines Arbeitsbereichs kennt, weiß, dass Filmemacher, Produzenten und Verleiher etwa in Premie renverhandlungen ein angemessenes Gegenüber erwarten."

Das bestätigt auch Andreas Dresen. "Ein Festival braucht einen Vertreter nach außen", sagt der für seine Filme (u. a. "Sommer vorm Balkon", "Wolke 9", "Halt auf freier Strecke") national und international vielfach ausgezeichnete und auch vom Schweriner Publikum hochgeschätzte Regisseur. Er sei "Dauerbesucher" des Filmkunstfestes, sagt Dresen, und: "Filmemacher sehnen sich nach Kontinuität, nach langfristigen Ansprechpartnern. Über die Vorwürfe gegen Torsten Jahn wolle er sich gar kein Urteil anmaßen, sagt Dresen: "Ich hatte immer nur mit Hasso zu tun und dann mit Stefan." Allerdings gebe es ja Indizien: "Ich finde es schon komisch, dass unabhängig voneinander drei Leute hinwerfen - und zwar mit den gleichen Begründungen." Das Hauptproblem wären aber die Auswirkungen auf das Filmkunstfest und dessen Ruf. In zwei Jahren drei Künstlerische Leiter zu verschleißen, "das strahlt nicht gut aus". Auch der neue "Festivalbotschafter" sei kein Ersatz für einen Künstlerischen Leiter. "Das kann ja wohl nicht sein", sagt Dresen. Christian Schwochow sei ein exzellenter junger Filmemacher, aber in dieser Funktion eher ein "Feigenblatt". Einem neuen Mann wie Fichtner müsse man mindestens zwei, drei Jahre Zeit geben, sein Netzwerk und seinen Stil zu entwickeln, sagt Dresen. Und: "Stefan hat von Hasso ein wunderbar funktionierendes Filmkunstfest übernommen und es hat beim ersten Mal doch gut geklappt." Ihm jedenfalls seien aus der Branche keine Beschwerden zu Ohren gekommen.

Also ein Filmfest ohne wirklichen Kopf? Nicht ganz. Der alleinige Kopf ist jetzt Torsten Jahn. Der Umbau war seine Entscheidung. Der Aufsichtsrat der Filmland-Gesellschaft hatte nach den jahrelangen Streitereien in der Sitzung vom 25. Oktober klargestellt, dass der Gesellschaftsvertrag den Begriff des Künstlerischen Leiters nicht kennt, nur den des Geschäftsführers mit seinem Organisationsrecht. Einen Künstlerischen Leiter könne nur der Geschäftsführer einsetzen - oder eben nicht. So steht es im Protokoll der Sitzung, das unserer Zeitung vorliegt. Dort steht auch, wie Torsten Jahns Vorstellungen der künftigen Filmfestleitung aussehen: "Daher plädiert er (Jahn, d. Red.) für eine wirtschaftliche und künstlerische Gesamtverantwortung des Geschäftsführers, nach dem Modell von Theater oder ggf. Kinobetrieben." Und einige Sätze weiter "Torsten Jahn ist der Auffassung, dass man in erster Linie eine funktionierende Programmredaktion benötigt. Er selbst sieht sich in der Lage die Rolle als Ansprechpartner in der Öffentlichkeit zu übernehmen." Jahn erhielt vom Aufsichtsrat laut Protokoll den Auftrag, eine Geschäftsordnung zu entwerfen, in der alle Organisationsfragen geregelt sind. Auch die Stellung des Festivalleiters. Mit anderen Worten: Der Aufsichtsrat hat Torsten Jahn ermächtigt, sich seine Organisationsstruktur maßzuschneidern. Und nun gibt es keinen Festivalleiter mehr. Aber eben einen Geschäftsführer, vielleicht bald einen Intendanten.

Torsten Jahn selbst war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Filmkunstfest-Sprecherin Michaela Skott teilte aber auf Anfrage mit, man bedaure Fichtners Entschluss. "Wir kommentieren aber keine internen personellen Entscheidungen. Hinsichtlich der Einführung einer Programmredaktion und der Berufung eines Festivalbotschafters bekräftigen wir unsere Überzeugung, dass dies für die zukünftige Ausrichtung des Filmkunstfestes MV von positiver Wirkung sein wird", betonte die Sprecherin. "Anmerkungen und Hinweise" der Wegbegleiter und Freunde des Festivals werde man gerne aufnehmen. Und: "Die Geschäftsordnung ist erarbeitet und liegt vor." Derzeit befinde sie sich im Verabschiedungsprozess.

Leicht falle ihm der Abschied nicht, sagt Stefan Fichtner: "Ich hätte noch viel vorgehabt mit dem Festival." Nun gebe es kein eigenständiges inhaltliches Gegengewicht zu kaufmännischen Gesichtspunkten mehr. "Das tolle Schweriner Publikum hätte mehr verdient."

Filmjournalist Knut Elstermann bezeichnet den Umgang der Filmkunstfest-Macher mit dem Künstlerischen Leiter als "Demütigung". Das habe Fichtner nicht verdient. "Er hat einen guten Wettbewerb gemacht", sagt der Szenekenner. Er selbst fühle sich mit dem Filmkunstfest sehr verbunden, betont Elstermann, aber: Er werde 2012 wohl nicht dabei sein. "Was soll ich jetzt da? Nee, lass mal. Man hat ja einen Ruf zu verlieren."

Auch Andreas Dresen weiß noch nicht, ob er im Frühjahr wieder zu dem Festival kommt, auf dem seine Filme schon so viele Zuschauer gerührt haben. "Einen neuen Dokumentarfilm hätte ich fertig. Aber erstmal müsste mich jemand einladen." Die Entwicklung mache ihm Sorgen, betont Deutschlands im Moment wohl aufsehenerregendster Regisseur: "Hier wird ein gutes Festival abgerockt - und das finde ich schade."

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