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Oudry-Zeichnung? Es war der Herzog : Künstler auf dem Thron

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Oudry lieferte seine Kunstwerke an den Schweriner Hof. Fast die Hälfte seiner Zeichnungen sollen jedoch von Erbherzog Friedrich stammen. Davon ist die Kunsthistorikerin Claudia Schönfeld nach ihren Recherchen überzeugt.

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erstellt am 31.Jan.2012 | 10:28 Uhr

Schwerin | Kunstsinn war in Herrscherkreisen nicht immer gefragt. Der Vater von Friedrich dem Großen versuchte seinem Sohn, dessen 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, das Flötespielen zu verbieten - der preußische Soldatenkönig hielt es für weibisch. Ganz anders zur selben Zeit in Mecklenburg: Dort ermunterte Herzog Christian Ludwig II. (1683-1756) seinen Sohn Friedrich geradezu zum Malen. Er schenkte dem 16-Jährigen sogar einen damals kostbaren Tuschkasten. Schon bald zeichnete der Erbprinz passabel - was jetzt, 250 Jahre später, die Wissenschaft beschäftigt.

Die Kunsthistorikerin Claudia Schönfeld ist nach Recherchen in Archiven überzeugt, dass eine ganze Reihe Zeichnungen im Staatlichen Museum Schwerin, die bislang dem französischen Hofmaler Jean-Baptiste Oudry (1686-1755) zugeschrieben werden, in Wirklichkeit vom Erbprinzen stammen. Dessen Vater hatte diverse Gemälde des Franzosen gekauft, der ein aufsteigender Stern unter den Malern der Aufklärung war. Auch Sohn Friedrich war begeistert und besuchte den Künstler in dessen Pariser Atelier. "Wahrscheinlich hat er auch Zeichenunterricht von Oudry bekommen", sagt Schönfeld.

Viele der Zeichnungen wirken wie frühe Vorstudien zu Oudrys Tiergemälden - und es gibt sie nur in Schwerin. Der amerikanische Kunsthistoriker Hal Oppermann suchte seit den 1970er-Jahren, fand in anderen großen Oudry-Sammlungen weltweit jedoch nichts Vergleichbares, berichtet Schönfeld. Die Kunsthistorikerin, Expertin für französische Malerei des 18. Jahrhunderts, hat eine Erklärung dafür: Der junge Erbprinz Friedrich fertigte die Zeichnungen nach Vorbildern von Oudry-Gemälden an. Ihre Erkenntnisse veröffentlichte sie in der jüngsten Ausgabe der Mecklenburgischen Jahrbücher.

Schönfeld verglich Hunderte von Zeichnungen und Stichen in Paris, Stockholm, London, Berlin und Schwerin und erkannte stilistische Unterschiede zwischen bekannten Vorskizzen von der Hand Oudrys und den Zeichnungen, die ihrer Meinung nach vom Erbprinzen stammen. "So zeichnet der junge Friedrich die Pfoten der Tiere eher nachlässig, während Oudry diesem Detail stets größte Aufmerksamkeit zollte", sagt sie. Oudry gilt als bedeutendster Tiermaler des 18. Jahrhunderts in Europa. Eine Skizze mit dem Titel "Schleichender Leopard", die in mehreren Ausstellungen als Oudry-Werk präsentiert wurde, identifizierte Schönfeld als toten Tiger, gezeichnet von Erbherzog Friedrich. Sie hatte die Studie um 90 Grad gedreht und eine entsprechende Zeichnung in einem bekannten Skizzenbuch Friedrichs entdeckt. Insgesamt müssen mindestens 20 Zeichnungen im Kupferstichkabinett des Staatlichen Museums, die bisher als Oudrys gelten, Erbprinz Friedrich zugeschrieben werden, meint die Kunsthistorikerin. Das ist knapp die Hälfte des Bestandes. Im Museum reagiert man zurückhaltend. "Wir prüfen die Erkenntnisse", sagt Direktor Dirk Blübaum.

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