Bundestagswahl 2017 : Kuchen und Sozenbräu

Der Süden Vorpommerns ist heiß umkämpft. Die AfD konnte hier viele Wählerstimmen für sich verbuchen.
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Der Süden Vorpommerns ist heiß umkämpft. Die AfD konnte hier viele Wählerstimmen für sich verbuchen.

SPD und CDU versuchen mit Politprominenz und unkonventionellen Methoden im „spannendsten“ Wahlkreis Deutschlands zu punkten

svz.de von
08. September 2017, 07:30 Uhr

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute zum CDU-Wahlkampf nach Strasburg kommt, wird sie von dem Protestschriftzug auf dem Rasen des ursprünglich geplanten Kundgebungsplatzes wohl nichts mitbekommen. Unbekannte hatten auf den Rasen des Sportstadions mehrere auch bei der AfD oft verwendete Losungen wie „12 Jahre sind genug“ vermutlich mit Unkrautvernichter eingebrannt. Auch Rasenmähen brachte nichts, das gelbe Gras hob sich gegen das Grün auffällig ab. Die CDU verlegte dann die Kundgebung kurzfristig in die Max-Schmeling-Halle – wegen des Regens, hieß es offiziell vom Kreisverband.

Strasburg liegt im Bundestagswahlkreis 16 (Mecklenburgische Seenplatte I - Vorpommern-Greifswald II), den politische Beobachter als die Region sehen, in der die Alternative für Deutschland (AfD) den anderen Parteien am ehesten das Direktmandat wegschnappen könnte.

Bei der Landtagswahl 2016 erreichte die AfD hier im Südosten Mecklenburg-Vorpommerns drei Direktmandate. „Die Flüchtlingskrise war nur der Katalysator für dieses Wahlergebnis“, resümiert der CDU-Politiker und Direktkandidat Philipp Amthor nüchtern. Vor allem der Ärger und das Unverständnis über die Strukturentscheidungen der Landesregierung hätten die Menschen bewogen, die AfD zu wählen. Die Christdemokraten, die die Region bis 2016 politisch beherrschten, zahlten die Zeche dafür.

Die von der Ost-Beauftragten Iris Gleicke konstatierte Strukturschwäche im Osten Deutschlands zeigt sich in Vorpommern zwischen Wolgast, Anklam und Pasewalk in besonderem Maße. Es fehlen gut bezahlte Industriearbeitsplätze. Mit den Strukturreformen der Landesregierung für Polizei, Gerichte und Landkreise zogen sich in den vergangenen Jahren staatliche Strukturen zurück – mit den Reformen gingen auch engagierte Bürger auf der Suche nach neuen Arbeitsplätzen. Volkswirte vom Dresdner Ifo-Institut konstatierten dort, wo die Auswirkungen der Gebietsreform besonders hoch waren, einen höheren Anteil an AfD-Wählern.

In den letzten Wochen vor der Bundestagswahl reichen sich nun die Spitzenpolitiker von CDU und SPD im Süden Vorpommerns die Klinken in die Hand – und es scheint, als wolle man diesen demokratischen Makel mit Berliner Politprominenz füllen. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) war in Anklam, um den sozialdemokratischen Direktkandidaten Heiko Miraß zu unterstützen. Für die CDU erhält der 24-jährige Philipp Amthor prominente Unterstützung aus dem Nachbarwahlkreis von Kanzlerin Merkel. Auch Innenminister Wolfgang Schäuble, der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder und CSU-Chef Horst Seehofer sorgten für Glanz auf Amthors Wahlveranstaltungen. Wie glaubhaft dieses Interesse an der Region ist, wird der Wähler am 24. September entscheiden.

„Dieser Wahlkreis ist der spannendste in ganz Deutschland“, sagt Patrick Dahlemann von der SPD. Als einziger konnte er im Landesosten der AfD bei der Landtagswahl Paroli bieten und einen Wahlkreis in Süd-Vorpommern für sich gewinnen.

Die Alternative für Deutschland sieht im Wahlkreis Chancen, ein politisches Signal zu setzen. Mit Enrico Komning hat die AfD ihren Vize-Fraktionschef im Landtag im Wahlkreis nominiert. Der 49-jährige Anwalt gilt als extrem konservativer Politiker. Dass die Konkurrenz von CDU und SPD diesmal besonders viel Politprominenz in die Region holt, stört Komning nicht. „Die Leute wollen die Kandidaten kennenlernen und nicht die Bundespolitiker sehen“, lautet seine Einschätzung. Die Region wähle traditionell konservativ, sagt Komning. Mit Amthor als Kandidaten habe die CDU einen Riesenfehler gemacht. „Vom Kreißsaal über den Hörsaal in den Plenarsaal, das will niemand.“ Die größere Konkurrenz sieht Komning ausgerechnet beim Kandidaten der Linken, Toni Jaschinski.

Bürgernähe ist das Schlagwort aller Kandidaten im Wahlkampf. Der AfD-Mann lädt zu Bürgerforen in die kleinen Städte. Zwischen 20 und 40 Gäste seien jeweils zu etwa zwölf solcher Foren gekommen. „Die Bürger fühlen sich hier alleingelassen, es gibt kaum Perspektiven“, beschreibt Komning die Stimmung. Amthor hat im Frühjahr seine Handynummer plakatiert und mit dem Slogan geworben: „Sie kochen den Kaffee. Ich bringe den Kuchen.“ Viele Bürgertermine seien auf diese Weise zustande gekommen, sagt er.

Eine unkonventionelle Art des Wahlkampfes gibt es auch bei der SPD. Heiko Miraß verteilt auf seinen Wahlkampfveranstaltungen als Gimmick kleine Bierflaschen mit dem Etikett „Sozenbräu – Das Bier für das rote Wunder“.

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