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Mecklenburg-Vorpommern

15. Dezember 2017 | 01:19 Uhr

Schicksale : Kristina kämpft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Seit drei Jahren muss sich die Schwerinerin mit einem Leiden herumschlagen, von dem sie nicht einmal den Namen kennt – unterkriegen lassen will sie sich nicht

svz.de von
erstellt am 02.Jun.2014 | 11:58 Uhr

Sie geht etwas schwankend – aber sonst sieht man Kristina Knop ihre Krankheit an guten Tagen nicht an. An schlechten Tagen, so erzählt die 32-Jährige, hielten Fremde sie für betrunken, weil sie in Schlangenlinien laufen würde. An schlechten Tagen könne es auch passieren, dass sie andere anrempelt – unbeabsichtigt, weil ihre Füße nicht das tun, was das Gehirn ihnen vorgibt.

Warum das so ist und was genau in ihrem Köper passiert, weiß die Schwerinerin auch nach beinahe drei Jahren immer noch nicht. Immerhin: Als sich damals bei ihr die ersten Krankeitssymptome zeigten, war Kristina Knop vorgewarnt. Denn auch ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester versagten die Beine immer öfter den Dienst. „Bei ihr wurde es ganz schlimm, nachdem ihre beiden Kinder zur Welt gekommen waren“, erzählt Kristina Knop. Inzwischen habe sich der Zustand der Schwester so verschlechtert, dass sie dauerhaft im Rollstuhl sitzen müsse.

„Bei mir fing alles damit an, dass ich eines Morgens aufstehen wollte und plötzlich nicht mehr laufen konnte. Ich bin wie ein Trampel rumgetapst, was ich im Kopf wollte, ist in den Beinen nicht angekommen“, erzählt Kristina Knop. Später fiel ihr ein, dass es schon früher, bei einer USA-Reise mit ihrem damaligen Freund, Probleme gegeben hatte. „Er hat mich immerzu ermahnt, ich soll nicht so schlurfen – aber ich hab das gar nicht mitgekriegt, dass ich offenbar da schon ganz komisch gelaufen bin.“

Der Hausarzt überwies die junge Frau zur Neurologin. Die führte verschiedene Tests durch, unter anderem eine Elektromyografie (EMG), bei der die natürliche elektrische Aktivität der Muskeln gemessen wurde – doch eine Ursache für die Ausfallerscheinungen ihrer Patientin fand sie nicht. „Ich wollte dann in eine Klinik, dachte, wenn die mich da gründlich durchchecken, werden sie schon etwas finden.“ Doch das erwies sich als Trugschluss. Kristina Knop, die damals noch in Bayern wohnte, hat an jene Zeit jede Menge unangenehmer Erinnerungen – die schlimmsten an elektrische Ströme, die durch ihren Körper gejagt wurden, die aber an den Füßen nicht mehr messbar waren. Allen Hoffnungen zum Trotz konnte ihr auch in der Fachklinik niemand sagen, was ihr denn nun genau fehlt.

Immerhin wechselten sich schlechte und gute Phasen ab. Doch als sie die Arbeit verlor und die Beziehung zerbrach, entschloss sich Kristina Knop, dahin zurückzukehren, wo wie aufgewachsen war: nach Schwerin.

Auf Anraten ihrer hiesigen Ärzte beantragte die junge Frau eine Erwerbsminderungsrente – denn mittlerweile war an einen Vollzeitjob nicht mehr zu denken. Langes Stehen war nicht mehr möglich, weite Strecken zu gehen auch nicht, Sprechen fiel ihr immer schwerer, die Stimme klang verwaschen, wurde immer langsamer.

Trotzdem: „Das war schon ein Sch…-Gefühl, mit gerade 30 bei der Rentenversicherung zu stehen und einen Antrag zu stellen.“ Es blieb nicht das einzige komische Gefühl: Kristina Knop musste lernen, mit einem Rollator umzugehen – als sie zum ersten Mal allein damit durchs Schweriner Schlossparkcenter schob, wäre sie vor Scham am liebsten im Boden versunken. „Aber dann hab ich mir gesagt: Was soll’s. Anders wäre ich nicht bis zu meiner Krankenkasse gekommen.“

Mittlerweile haben Kristina Knop und ihre behandelnden Ärzte in Schwerin und Lübeck zumindest eine Ahnung, woran sie leiden könnte: „Es könnte eine Form der Spino-cerebellären Ataxie sein – aber davon gibt es mehr als 30 ganz unterschiedliche Formen.“ Die ersten seien mithilfe von Gentests bereits ausgeschlossen worden, erzählt die junge Frau, der all die medizinischen Ausdrücke dabei so fließend von der Zunge gehen, als wäre sie selbst vom Fach. Jetzt werde weiter eingegrenzt.

Nicht zu wissen, woran sie leidet, nicht zu wissen, wo das alles einmal hinführt – das macht Kristina Knop sehr zu schaffen. „Wenn es eine Ataxie sein sollte, gibt es keine Heilung. Man hat mir gesagt, dass man dann lediglich versuchen kann, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen“, erzählt die junge Frau gefasst. Dass die komplexe Bewegungsstörung auch bei ihr, wie bei ihrer Schwester, einmal dazu führen kann, dasss sie im Rollstuhl sitzen muss, weiß sie. Auch, dass das Kleinhirn durch die Erkrankung schrumpfen kann.

Trotzdem hört Kristina Knop nicht auf zu kämpfen. Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, Psychotherapie – die Schwerinerin quält sich tapfer durch alle Maßnahmen, die ihr helfen, so lange wie möglich selbstständig zu bleiben. Noch kann sie sich auch in einem Nebenjob etwas zu ihrer Rente dazuverdienen. Und, für sie ganz wichtig: Noch kann sie Auto fahren. „Mobil zu bleiben und etwas mit meinen Freundinnen unternehmen zu können, ist mir sehr wichtig.“ Überhaupt wären die beiden Sabrinas, Susi und Petra ihr eine ganz wichtige Stütze – an guten wie an schlechten Tagen.

Pläne mache sie keine, sie lebe in den Tag, sagt Kristina Knop – und verrät dann doch, dass sie sehr gerne noch einmal in den Urlaub fahren würde. Vielleicht nächstes Jahr, wenn das Auto abgezahlt ist. Noch einmal in die USA – das wäre ihr Traum. Dafür kämpft sie.

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