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Wismar/Warnemünde : Kreuzfahrer will Schiffe in MV bauen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Für Werftengruppe Nordic Yards könnte Engagement von Genting Hong Kong zum rettenden Anker werden

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2016 | 05:00 Uhr

Der Flaggenwechsel auf neu gebauten Schiffen ist auf Werften ein traditionelles Ritual. An Mecklenburg-Vorpommerns drei großen Werftstandorten in Wismar, Warnemünde und Stralsund hat sich in jüngerer Vergangenheit eine neue Tradition hinzugesellt: der Wechsel des Werfteigners. Allein die Herkunft der bisherigen Besitzer wirft ein illustres Bild auf die bewegte Schiffbaugeschichte der letzten 25 Jahre im Nordosten. Westdeutsche, norwegische, dänische und russische Investoren gaben sich die Klinke in die Hand. Nach aktuellen Medienberichten verdichten sich die Anzeichen, dass derzeit ein Interessent aus Asien an die Tür klopft. Das Unternehmen Genting Hong Kong (GHK) plane, die drei Seewerften der in russischer Hand befindlichen Schiffbaugruppe Nordic Yards zu übernehmen.

Bei Genting Hong Kong handelt es sich um einen Mischkonzern, der bis vor einem halben Jahr mit Schiffbau reinweg nichts zu tun hatte, ergo über keine Erfahrungen in dieser speziellen maritimen Produktionssparte verfügt. Genting Hong Kong ist seit mehr als zwei Jahrzehnten vor allem in der Freizeit-, Hotel- und Kreuzfahrtbranche unterwegs. Seit kurzer Zeit steuert das Unternehmen einen expansiven Kurs in der Kreuzschifffahrt. Jahrelang war Star Cruises als klassische Kreuzfahrtreederei das Aushängeschild. Jetzt fokussiert sich Genting verstärkt auf den gehobenen Bedarf im Cruise-Geschäft. Im Frühjahr des vergangenen Jahres übernahm GHK komplett die US-amerikanische Crystal Cruises, die im Luxus-Segment angesiedelt ist. Wenige Zeit später wurde Dream Cruises aus der Taufe gehoben. Die neue Firmentochter zielt auf zahlungskräftige Premiumkunden. Die ersten zwei Schiffe der Reederei, die „Genting Dream“ und die „World Dream“, sollen 2016 und 2017 auf Fahrt gehen. Die beiden Kreuzliner für jeweils 3300 Passagiere werden derzeit auf der Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg gebaut.

Crystal Cruises verfügt bisher über lediglich zwei Luxus-Schiffe. Nach Übernahme der Reederei kündigte GHK an, die Crystal-Flotte in den nächsten Jahren massiv aufzustocken. Dazu wurden unter anderem die neuen Geschäftssegmente Crystal River Cruises und Crystal Exclusive Class Ocean Cruises gegründet. In der zügigen Umsetzung der Pläne stieß das offenbar finanzstarke Unternehmen GHK jedoch auf ein externes Problem. Weltweit sind die Werften an zwei Händen abzuzählen, die überhaupt in der Lage sind, große Kreuzfahrtschiffe zu bauen, die vom Schiffstyp her sehr komplex und in der Ausstattung sehr anspruchsvoll sind. Anders als in den konventionellen Schiffbausparten wie Container- und Massengutfrachter sind die Werftkapazitäten für Luxusliner stark ausgelastet. Allein die deutsche Meyer Werft hat aktuell 28 große Kreuzfahrtschiffe und Fähren im Auftragsbuch stehen.

Um die eigenen Expansionspläne nicht zu gefährden, haben die GHK-Manager die Flucht nach vorn angetreten. Im September 2015 kaufte sich Genting Hong Kong mehrheitlich bei der Lloyd Werft in Bremerhaven ein und übernahm schließlich die traditionsreiche Werft an der Weser zum Jahreswechsel 2015/16 zu 100 Prozent. Im Gepäck hatten die asiatischen Kreuzfahrtspezialisten gleich einen ganzen Packen an Schiffbauaufträgen. Gleich mehrere Luxusliner (jeweils mehr als 100 000 BRZ) und Flusskreuzfahrt-Schiffe sollen für die Crystal-Gruppe bei Lloyd neu gebaut werden. Die Bremerhavener Schiffbauer besitzen langjährige Erfahrungen insbesondere beim Umbau und im Fertigbau von Schiffsprojekten. So entstanden vor etlichen Jahren drei neue Kreuzfahrtschiffe für Norwegian Cruise Line. Sie wurden an der Weser fertiggebaut. Die Schiffsrümpfe waren zuvor auf anderen Werften, vor allem in Osteuropa, auf Kiel gelegt worden.

Ein ähnliches Produktionsszenario könnte sich jetzt unter der Ägide von GHK auch für die drei Nordic-Yards-Standorte abzeichnen. Für die Crystal-Schiffe würden Schiffsrümpfe oder einzelne Sektionen in Warnemünde, Wismar und Stralsund vorgefertigt und dann zur Lloyd Werft verbracht. Ein technologisch nicht einfach handhabbarer Prozess, der aber schon innerhalb der Meyer-Werften-Gruppe zwischen den Standorten Papenburg und Warnemünde (Neptun Werft) praktiziert worden ist.

Weit schwieriger wird die Frage zu beantworten sein, wie der nötige Ausbau der Kapazitäten in Bremerhaven gelingt. Die Belegschaft dort müsste auf 700 Mitarbeiter verdoppelt werden. In Summa kämen die avisierten vier deutschen GHK-Standorte dann auf 2100 Beschäftigte. Zum Vergleich: Auf der Meyer-Werft arbeiten nach Firmenangaben derzeit 3300 festangestellte Schiffbauer.

Für die angeschlagene Werftengruppe Nordic Yards – bis dato stehen unter anderem 500 Entlassungen zur Debatte – könnte sich das Genting-Engagement als rettender Anker erweisen. Täglich verschärft sich die wirtschaftliche Situation der Werftengruppe. Denn seit das französische Unternehmen Alstom bei Nordic Yards im Februar 2013 die Offshore-Konverterplattform „DolWin gamma“ in Auftrag gegeben hatte, hat das Unternehmen sich vergeblich um neue Order bemüht. Lediglich Schiffsreparaturen und kleinere Bauaufträge wie ein Ponton für den Seehafen Rostock kamen in die Auftragsbücher. Zu wenig, um drei große Werften wirtschaftlich unterhalten zu können. Alle Träume und strategischen Visionen von Firmeneigner Vitaly Yusofov, Nordic Yards auf arktistaugliche Spezial- und Serviceschiffe sowie den Bau von Konverterplattformen für Offshore-Windparks auszurichten, zerschellten an den harten Realitäten des Marktes und jüngsten politischen Barrieren. Weltweit rückläufige Auftragseingänge für Schiffsneubauten und Überkapazitäten im asiatischen Schiffbau haben den Wettbewerbsdruck enorm erhöht. Der drastische Preisverfall für Rohöl hat die Offshore-Industrie arg in die Bredouille gebracht, und ein Ende der Russland-Sanktionen ist nicht absehbar.

Die ungewöhnliche Strategie des Kreuzfahrtveranstalters Genting Hong Kong, Kreuzfahrtschiffe im eigenen Haus zu bauen, könnte die Nordic-Yards-Standorte vor einem drohenden Aus bewahren.

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