Weltkulturfest Schwerin : Kreativer Geist mit Klarinette

Matthias Schorn mag keine Schubladen, es sei denn, man legt Bestecke hinein.
Matthias Schorn mag keine Schubladen, es sei denn, man legt Bestecke hinein.

Der Wiener Philharmoniker Matthias Schorn öffnet Grenzen in der Musikwelt

svz.de von
30. Juni 2016, 12:00 Uhr

Ein Weltkulturfest feiern die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im Schweriner Residenzensemble vom 1. bis zum 3. Juli. Völlig unterschiedliche Ensembles präsentieren eine weltumspannende Klangpalette. Verständigung durch Berührung mit Musik. Dafür steht Matthias Schorn, der 2013 Preisträger in Residence der Festspiele war und ein Protagonist des Festes ist. Er steckt Musik nicht in die Schubfächer E wie ernst oder U wie unterhaltend. Für ihn gibt es gut oder nicht gut. Viel unterwegs, führte der vielseitige Musiker ein Interview per Smartphone mit Manfred Zelt.

Herr Schorn, Sie spielen Soloklarinette bei den Wiener Philharmonikern und auch international, Sie haben ein Ensemble für Kammermusik und mit PalmKlang ein eigenes Festival gegründet, was treibt den Spitzen-Bläser an, auch Crossover zu agieren, ihr Können für Volksmusik und sogenannte Weltmusik einzusetzen?
Schorn: Mich treibt meine Leidenschaft kreativ zu sein, über das Übliche und Grenzen hinauszugehen, diese Passion kann ich damit ausleben. Klassik zu spielen und auch Volksmusik, das befruchtet sich gegenseitig. Wenn ich von einer Volksmusikprobe in die Oper komme und „La Traviata“ spiele, merke ich, dass ich mit neuer Energie spiele. Auch umgekehrt befördert die Erfahrung mit einer Sinfonie, genau zu intonieren, das Musizieren von Weltmusik. Ich sehe mich als kreativen Geist, und dazu gehört mehr als nur Noten zu reproduzieren. Deshalb auch das eigene Festival, um Ideen zu realisieren, wofür sonst keine Gelegenheit war. Das alles kostet Kraft und bringt Kraft zurück. Das fügt sich für mich zum reichhaltigen musikalischen Leben.

Sie spielen auch im Ensemble „Faltenradio“, was will unsdieser lustige Name sagen, was ist Ihr Credo mit dieser Formation?
Wir vier Mitglieder der Band haben vereinbart, das Geheimnis, was „Faltenradio“ bedeutet, nicht zu lüften. Es gibt mittlerweile viele Spekulationen, ich lade Sie ein, dabei kräftig mitzuwirken. Unser Credo aber ist: Wir wollen die Musik nicht trennen in E- und U-Musik. Wir haben Schubladen nicht gern, es sei denn, man legt Bestecke hinein. Wir möchten, dass wir ein Menuett von Mozart so musikantisch spielen wie einen Salzburger Ländler und diesen so ernst und kunstvoll wahrnehmen wie ein Mozart-Menuett. Wir wollen von der alten Musik über die Beatles, Jazz, Klezmer bis zur Klassik alles unvoreingenommen und bestmöglich spielen. Dieses Ensemble war nicht geplant, es ist uns einfach passiert, wie es oft mit den schönen Dingen so ist.

Volksmusik, da rümpft mancher Klassikfreund die Nase, ist das arrogant, und wie definieren Sie Volksmusik?
Es darf jeder die Nase rümpfen, worüber er möchte. Ich vertraue auf mein herzensgebildetes Publikum, und da gibt es genügend selbstbestimmte und kluge Menschen. Unter dem Begriff Volksmusik geistert seit Jahrzehnten etwas durch die Medien und wird verkauft, was mit Volksmusik gar nichts zu tun hat: der minderwertige Schlager Das ist einfach ein Irrtum. Volksmusik gibt es überall auf der Welt. Sie ist oft Gebrauchsmusik, Tanzmusik, wird gesungen. Sie ist vor allem eine Musik, die nicht zwingend den Umweg über den Kopf sucht, sondern direkt zum Herzen und in die Beine gehen darf.

Zugespitzt: Ist das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker sozusagen Volksmusik in Luxus-Ausgabe?
Wenn Sie die letzten drei Worte streichen, antworte ich mit einem kräftigen Ja. Es ist Tanzmusik im konzertanten Rahmen, viele Melodien sind im Gedächtnis der Menschen eingebrannt: Donauwalzer oder Radetzky-Marsch und andere Stücke der Strauß-Dynastie werden gepfiffen wie Gassenhauer. Das finden Sie auch beim Schlaflied von Brahms oder Liedern von Schubert. Das ist ein schöner Schnittpunkt zwischen Kunstmusik und Volksmusik – bitte ohne Schubladen-Denken.

Was bläst sich schwieriger, eine Polka, Jazz, Weltmusik oder die 15 Takte der Soloklarinette aus dem dritten Akt der „Tosca“?
Ach, das kommt auf die Tagesverfassung an. Wenn die nicht gut ist, fällt die Polka genau so schwer wie das große „Tosca“-Solo. Wenn sich die Energie in mir bündelt, fallen Jazz-Improvisationen gar nicht schwer. Musizieren hängt immer auch mit dem persönlichen Befinden zusammen. Alles trägt Schwierigkeiten in sich.

Akademische Perfektion oder musikantische Berührung, was ist Ihr Musizierideal?
Da möchte ich gern einen blinden Ziehharmonika-Spieler aus Salzburg zitieren, der leider verstorben ist. Er hat gesagt: „Zur Vollkommenheit fehlt der Perfektion ein gewisser Mangel“.

Nach diesem Orakel vom Mönchsberg zurück aufs Parkett: Internationale Spitzenorchester haben keine Publikumssorgen, doch in den Provinzen kann der Altersdurchschnitt der Zuhörer bei Sinfoniekonzerten schon Bange machen, was raten Sie, um mehr junge Leute zu interessieren?
Ich rate dazu, dass Menschen klatschen dürfen, wenn ihnen danach ist. Ich rate dazu, dass man niemand zwingen soll, Anzug und Krawatte anzuziehen, nur, weil es in ein klassisches Konzert geht. Klassische Konzerte sollten auch an ungewöhnlichen Orten stattfinden. Ich rate jungen Leuten, sich Ensembles wie „Franui“, „Blechschaden“, „Mnozil Brass“ oder auch „Faltenradio“ anzuhören. Das sind Formationen, die versuchen Barrieren niederzureißen, unmittelbares Musizieren bei höchstem Qualitätsanspruch auf die Bühne zu bringen. Und junge Leute sollten auch mal in eine gute Operninszenierung gehen und sie wie einen spannenden Kinofilm anschauen. Wir als klassische Musiker müssen uns hinter unseren Notenpulten hervorlocken lassen, auf junges Publikum zugehen. Das wird mein künftiges Tun intensiv bestimmen. Ich bin da überhaupt nicht pessimistisch. Alle gute Musik hat einen Zauber, der junge Leute in ihren Bann ziehen kann.

Zu guter Letzt, Sie kennen unterschiedliche Festivals, was ist für Sie das Spezielle bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern?
Die Atmosphäre, die vom Team ausgeht, die Art mit Künstlern umzugehen. Das ist in der Festivallandschaft für mich einzigartig. Und dazu kommt die Landschaft. Die Weite, das Meer haben für mich als Salzburger starke Anziehungskraft. Ich bin glücklich, hier seit über zehn Jahren verbunden zu sein.

Urna Chahar-Tugchi Foto: Yang Wen-Chin
Urna Chahar-Tugchi Foto: Yang Wen-Chin
 

Hintergrund: Weltkulturfest mit mehr als 100 Musikern

In einer erstmaligen Kooperation veranstalten die Festspiele MV und das Mecklenburgische Staatstheater unter Beteiligung des Staatlichen Museums ein dreitägiges Weltkulturfest „Greetings to the Universe“ vom 1. bis 3. Juli anlässlich der Unesco-Welterbe-Bewerbung der Landeshauptstadt. Mehr als 100 Künstler aus 20 Nationen präsentieren ein Programm, das von brasilianischem Bossa Nova über türkische Volksmusik bis hin zu Neuen Koptischen Klängen reicht.

Eröffnet wird es morgen im Staatstheater. Nach dem Expertengespräch „Das Humboldtsche Kabinett: Weltmusiker – Musiken der Welt“ im Konzertfoyer um 17 Uhr, spielen sich am Abend um 19.30 Uhr im Großen Haus der Klarinettist Matthias Schorn und der Jazzbassist Georg Breinschmid mit der brasilianischen Band Ajaduo und der mongolischen Sängerin Urna Chahar-Tugchi um die Welt.

„4 aus 12“ heißt das Motto am Sonnabend. Mit einem großen Wandelkonzert von 11 bis 17.15 Uhr entlang des Residenzensembles stellen internationale Künstler Musiken aus aller Welt vor. Zwischen den Konzerten, um 13.45 Uhr, stimmt Chordirektor Ulrich Barthel mit allen Besuchern auf der Tribüne der Schlossfestspiele deutsche und afrikanische Volkslieder an. Hierzu sind alle gesangsfreudigen Schweriner herzlich eingeladen.

Einen Höhepunkt stellt das Open Air auf der Schwimmenden Wiese dar. Um 19 Uhr trifft die Staatskapelle auf eine Mischung aus Tradition und Moderne und Musiken aus aller Welt – vereint in den New York Gypsy All Stars.

Der Sonntag beginnt um 12 Uhr mit einem Querschnitt durchs Programm des Staatstheaters im Großen Haus. Zum Abschluss präsentiert das Andromeda Mega Express Orchestra um 17 Uhr ebenfalls im Großen Haus ein kosmisches Programm, das von Jazz über Neue Musik und traditionelle Musiken jeder Art bis hin zu sphärischen Klängen aus den Weiten des Alls reicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen