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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 14:23 Uhr

Diabetes : Krankenhaus mit Spaßfaktor

vom

Am Klinikum Karlsburg lernen kleine Diabetiker in den Sommerferien, besser mit ihrer Krankheit klarzukommen.

svz.de von
erstellt am 10.Aug.2014 | 09:00 Uhr

Greifswald Die rasende Reporterin heißt  nicht  Karla  Kolumna, sondern  Ronja.  Und die   rast  höchstens,  wenn sie sich darüber ärgert, dass  es nichts zu berichten gibt:  „Es ist  nichts  los  in  Karlsburg…“

Nichts  los  in Karlsburg? Das Publikum  weiß es  besser. Denn schon dieser Zirkusauftritt  in  der Turnhalle  des zwischen  Anklam  und Greifswald  gelegenen Dorfes ist  etwas  Besonderes.   40 Kinder und Jugendliche  zwischen   sieben und  17  Jahren, die einen  Teil  ihrer  Sommerferien  im Herz-  und  Diabeteszentrum  verbringen,  haben  dafür  einen ganzen   Tag  lang  mit  den  Profis vom  Leverkusener Zirkus  Zappzarap  geübt. Herausgekommen ist eine Show  mit  Feuerschluckern und   Fakiren,   Jongleuren  und menschlichen  Pyramiden, mit  Akrobaten und lustigen Clowns wie  der „Reporterin“  Ronja.

Bei  zu  viel  Bewegung  droht  Unterzuckerung
Eltern und   Großeltern,  Klinikmitarbeiter  und  Dorfbewohner  sind   davon begeistert.  „Dabei  darf  man  nicht   vergessen,  dass die  Kinder alle  ein  Handicap  haben“,  betont Kinderärztin Dr.  Elke Gens.  „Bei  so  viel  Bewegung  kann es   ganz  schnell  passieren, dass die  Mädchen und Jungen unterzuckern.“

Was  in  solchen Situationen zu  tun  ist  oder  besser noch, wie sie  eine Unterzuckerung  von  vornherein  vermeiden,  lernen die   Kinder   während ihres jeweils zwölftägigen Aufenthalts  in  dem  schon  zu  DDR-Zeiten  auf  die  Behandlung  des  Diabetes   spezialisierten Klinikum.

Justus,   der  schon  zum zweiten  Mal  einen  Teil  seiner  Sommerferien   in Karlsburg   verbringt, weiß  darüber ziemlich  genau Bescheid:   „Ich kann  selbst  bei   1,9  noch  Fahrrad  fahren“,  erklärt  der   Stralsunder selbstbewusst –  normal, so  schiebt  er  hinterher,  sei   ein Blutzuckerwert  von   sechs.  „Wenn  ich unterzuckert  bin,    merke  ich  das  daran,  dass   mir  schwummrig  wird. Dann nehme  ich  Traubenzucker. Oder   ich  darf  richtige Cola  trinken“,  erzählt  er. Auf „richtige Cola“  zu  verzichten,  fällt  dem  Neunjährigen  schwer – „wir dürfen  normalerweise nur   zuckerfreie   trinken,  aber  die  schmeckt  einfach  nicht  so“.

Seit  er   drei  Jahre  alt  ist,  ist  Justus  Diabetiker. Damals   hätte  er  „ganz  viel  gegessen  und  getrunken“ – und  das   würde er  auch heute  noch  tun.   Um  die  Nahrung   verarbeiten  zu   können,  braucht   sein Körper   Insulin,  das er nicht  mehr  allein   herstellen  kann.  Justus   bekommt  es   über  eine   Pumpe,  eine   Art   elektronische  Dauerspritze. 

Ronja  dagegen   hat  einen  Pen,  mit  dem sie sich  selbst   vor dem  Essen    Insulin  in  eine  Falte  am Bauch  spritzt.  „Das  ist    gar  nicht  schlimm“,  sagt  die  Siebenjährige  tapfer.  Schlimmer seien  dagegen die   zerstochenen  Fingerkuppen aus  denen  zur   Bestimmung  des  aktuellen  Blutzuckerwertes  mehrmals  am Tag  ein  Bluttröpfchen   entnommen wird.   In Karlsburg  allerdings haben die  Finger  Schonzeit, „hier  wird das  Blut  aus    einem  Ohrläppchen genommen“,  erklärt Evelyn Düwier. Sie  ist   schon  seit   1982 eine  der  Erzieherinnen  am  Klinikum,  die  sich  speziell   um die    kleinen  Patienten   und ihre   Beschäftigung kümmern.

Beim  Frühstück  beginnt die  Wissensvermittlung
„Ein Ferienlager  ist  das  hier  aber nicht, auch  wenn den Kindern  in  der Freizeit eine  Menge  geboten  wird.  In erster  Linie  aber  sind sie  hier,  damit  ihr  Stoffwechsel   optimiert  und  eventuelle Begleiterkrankungen   diagnostiziert  werden   können“,  betont  Kinderärztin  Gens. Der  Tag   beginnt  für  die Mädchen  und  Jungen stets  mit  einer  Blutzuckermessung, und wie  auf  anderen  Krankenhausstationen auch, gibt  es  eine    ärztliche  Visite. Beim  Frühstück  beginnt  dann   schon  die   Wissensvermittlung:  „Ein Brötchen,  dessen beide   Hälften  mit  Nutella   oder  Marmelade   bestrichen  sind,   hat  vier  Broteinheiten“,  erklärt Evelyn Düwier   den  jüngeren   Kindern.

Den  Kohlenhydratgehalt ihrer  Nahrung in Broteinheiten (BE) umzurechnen,  ist  für  die jungen Diabetiker  lebenswichtig, weil sich  daran  bemisst , wie  viel  Insulin  sie  sich  spritzen müssen.  Einfluss  darauf haben aber  auch  persönliche   Faktoren sowie  die   körperliche Aktivität.  „Erst  Zwölfjährige bekommen das allein   hin“,  weiß  Kinderärztin  Elke Gens.  „Bei  den Kleineren  sind  da die  Eltern gefragt,  die wir  deshalb  auch  einweisen.“

Die     Größeren  werden  in Karlsburg  von Schwester  Dana  Alexiewicz   geschult.  Die  Rechenaufgaben, die  sie  stellt,   würden  einem Mathematiklehrer  alle  Ehre  machen: „Wie  viele   Einheiten  Insulin musst  du  spritzen,  wenn  du  einen  Blutzuckerwet  von  12,2   hast,  dein  Korrekturfaktor  3,0  ist,  du  eine  Mahlzeit  mit      vier  BE  essen  willst,  dein  BE-Faktor   2,0  ist  und du  einen  Blutzuckerwert   von  6,0  erreichen  willst?“ Auf das  Ergebnis –   zehn   Einheiten –   kommen  fast  alle  in  der Runde.  Mit  anderen Fragen  des   Wissenstests,  den Dana  Alexiewicz   schreiben  lässt,  gibt  es  da  mehr  Probleme.  „Hier  müssen wir  noch  mal    nachschulen“, sind   die  Schwester  und  Kinderärztin  Gens  sich  einig.

Erst   Ferienkind, jetzt  Ferienhelfer
Ronja  muss  die  komplizierten Rechenwege noch nicht   kennen.  Sie verlässt  sich   zu Hause  auf   ihre  Mutter, wenn  es  um die  richtige  Dosierung  des Insulins  geht. „Mama   ist  selbst seit  sie   elf  ist Typ-I-Diabetikerin“, erzählt  die  Siebenjährige, die in Lenzersilge  in der   Prignitz   zu  Hause ist. Erst vor  ein  paar Monaten hat das  Mädchen von  seiner  Krankheit  erfahren. Ihre  Mama  sei  stutzig  geworden,  dass  sie so  viel   pullern  musste.  Zur   Einstellung  waren Mutter   und  Tochter dann gemeinsam in Karlsburg. Nun   ist  Ronja  allein  da –  und hat  dennoch  kein Heimweh. „Hier  ist  so  viel  los,  schwärmt sie.   Am besten  finde  ich die  Disco.“ Justus  dagegen schwärmt von  den  Ausflügen zum Indoorspielplatz  und   in  den  Kletterwald –  und  den  tollen Betreuern.

Maik  Schwebke ist  einer  von  ihnen. Bis  er 17  wurde,  war der Rüganer  jahrelang  selbst  Ferienkind  in  Karlsburg. Jetzt,  mit   19,  kümmert  sich  der  angehende  Altenpfleger um die  Kleinsten –  und   nutzt  die  Zeit    im  Klinikum  selbst  für  einen medizinischen  Check. Denn auch  er   ist   Typ-1-Diabetiker. Zusammen  mit  den  acht  anderen   Helfern  beschäftigt  er  die  Kinder  in  ihrer   Freizeit und beobachtet,  ob es  ihnen   gut  geht.  „Außerdem  sind  wir  für  die  Blutzuckermessungen   zuständig.“ Einen Draht  zu  den  Kleinen findet  er  schnell:  „Diabetes  verbindet“,   sagt  der  junge Mann   ganz  ohne  Pathos.  Der  kleinen   Ronja zum   Beispiel  kann  er   zeigen, dass auch  seine   Fingerkuppen  ganz  rau  und  zerstochen  sind – „das  ist  doch   gar  nicht  schlimm“.

Und Ronja   lässt  sich  gern  ablenken.  Als Reporterin  im Zirkus Zappzarap hat  sie übrigens   für  die  „nachrichtenarme Zeit“  in  der  Karlsburger  Zirkusarena  eine   ganz  eigene  Lösung  gefunden: Sie  animiert   ihre  Mitspieler, mit  ihr  auf  eine  Brücke  zu steigen  und  sich  gemeinsam   in  die  Tiefe  zu  stürzen. Als  es  ernst  wird,  springen  alle  Kinder –  nur  Ronja  bleibt  stehen. Jetzt  hat  auch sie   wieder  etwas  zu  berichten…

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