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Mecklenburg-Vorpommern

11. Dezember 2017 | 11:06 Uhr

Krankenakte Ärztemangel

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erstellt am 18.Jan.2012 | 10:24 Uhr

Schwerin | Weite Wege zum Arzt, lange Wartezeiten auf Termine und in der Praxis - daran wird sich in Mecklenburg-Vorpommern trotz des zu Jahresbeginn in Kraft getretenen und von der schwarz-gelben Bundesregierung hoch gelobten "Landarztgesetzes" vorerst kaum etwas ändern. Denn die Regelungen, die bereits gelten, erlauben kaum mehr als ein "Herumdoktern" an Symptomen des Ärztemangels.

Erst bis 2013 wird auf Bundesebene eine neue Ärzte-Bedarfsplanung erarbeitet, erläutert Oliver Kahl, Hauptabteilungsleiter Sicherstellung bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KVMV)im Land. Erst danach lässt sich verlässlich sagen, wo es eine Über- und wo es eine Unterversorgung mit Ärzten gibt. Und erst dann kann auch gezielt etwas für eine gerechtere Verteilung der Ärzte getan werden.

Alte Planung ergibt ein schiefes Bild

Nach den bisherigen, gut 20 Jahre alten Bedarfsplanungs-Richtlinien ergibt sich bei der fachärztlichen Versorgung ein völlig schiefes Bild, denn danach gibt es sogar in unserem Bundesland fast überall zu viele niedergelassene Ärzte. So wird in Neubrandenburg eine 400-prozentige Versorgung mit bestimmten internistischen Leistungen unterstellt - tatsächlich wird unter dieser Kennziffer ein einziger Radiologe erfasst, dessen Einzugsbereich weit über die Stadtgrenzen hinausreicht. Derartige Verwerfungen soll es in der künftigen Planung nicht mehr geben, wenn einerseits Planungsbereiche nicht mehr mit Landkreisen bzw. kreisfreien Städten gleichgesetzt und andererseits demografische Faktoren stärker berücksichtigt werden, betont Kahl. Er geht davon aus, dass es dann nirgends in MV eine Überversorgung mit Ärzten einer bestimmten Fachgruppe geben wird - dafür aber womöglich noch mehr unterversorgte Gebiete.

Bei der Hausärzteplanung, dem größten Sorgenkind, sei bereits vor zwei Jahren ein Demografiefaktor eingeführt worden, so der KV-Experte. Er trägt dem Umstand Rechnung, dass die wachsende Zahl älterer Menschen im Land auch mit einer wachsenden Zahl von Arztkonsultationen einhergeht. Die Folge waren im Land 40 zusätzlich zu besetzende Stellen. Nach neuesten Zahlen sind in MV rund 1200 Hausärzte und rund 1400 Fachärzte in eigener Praxis oder als angestellte Ärzte in Arztpraxen oder Medizinischen Versorgungszentren tätig. Die aktuelle Bedarfsplanung weist über 160 offene Hausarztstellen aus. "Durchschnittlich 16 Hausarztpraxen im Land schließen pro Jahr, ohne dass es einen Nachfolger gibt", so Kahl. "Selbst in Schwerin und Rostock suchen Hausärzte erfolglos Nachfolger." In den nächsten fünf Jahren würde sich die Situation weiter zuspitzen, denn jeder fünfte Hausarzt im Land sei 60 Jahre oder älter, würde also in absehbarer Zeit seine Praxis schließen, so Kahl. Dass bereits jetzt von Ärztinnen und Ärzten im Nordosten deutlich mehr Patienten als in anderen Regionen Deutschlands versorgt werden müssten, machte die Ansiedlung hier nicht attraktiver - das würden auch die sehr guten Honorare im hausärztlichen Bereich nicht wettmachen.

Niederlassung auf dem Land speziell gefördert

Die KVMV versucht dennoch seit längerem, dem Ärztemangel entgegenzusteuern. So können bis zu 50 000 Euro Investitionskostenzuschüsse gezahlt werden, wenn sich Mediziner zur Niederlassung in schlecht versorgten Regionen entscheiden. Das "Landarztgesetz" erlaubt zudem weitere Förderungen aus einem neuen Strukturfonds, in dem im Land 1,2 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Denkbar sei, das Geld für gezielte Weiterbildung, die Gründung von Zweitpraxen oder den Betrieb von Eigeneinrichtungen einzusetzen.

Weitere Ansiedlungs-Anreize für Ärzte verspricht sich die KVMV von der Lockerung der Residenzpflicht für Ärzte - sie müssen ihre Praxis nun nicht mehr binnen 30 Minuten erreichen, könnten also auch in eine Stadt ziehen, die für ihre Familie attraktiver sei. Die ebenfalls im Gesetz vorgesehenen Möglichkeiten, Ärzte an Rehakliniken in unterversorgten Regionen in die medizinische Grundversorgung einzubinden sowie die Umwandlung von Angestelltenverhältnissen in Zulassungen bewertet die KVMV ebenfalls positiv. Erste Ärzte hätten dies bereits beantragt, so Kahl.

Als erfolgversprechend sieht er eine erst im Herbst mit Landkreisen, Städten und Gemeinden geschlossene Vereinbarung an, künftig bei der Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung enger zusammenzuarbeiten. Kernstück sei eine umfassende Datenbank mit Attraktivitätsparametern für das ganze Land, in der sich niederlassungswillige Ärzte über Kindertagesstätten, Schulen, kulturelle Angebote, Sport- und andere Vereine, aber beispielsweise auch über Arbeitsmöglichkeiten für den Ehepartner informieren können.

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