Krank durch Lärm, Staub und Schimmelpilze

<strong>Im idyllisch gelegenen Kreiskrankenhaus Prenzlau</strong> ist Deutschlands erste  umweltmedizinische Klinikfachabteilung  angesiedelt. <fotos>Karin Koslik</fotos>
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Im idyllisch gelegenen Kreiskrankenhaus Prenzlau ist Deutschlands erste umweltmedizinische Klinikfachabteilung angesiedelt. Karin Koslik

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27. Juni 2012, 10:13 Uhr

Prenzlau | Heute Abend wird Anke Moser noch einmal die Kissen aufschütteln. Bettwäsche, Bademäntel und Handtücher hat sie mit Spezialwaschmittel selbst gereinigt. Auch die Dienstkleidung für das Personal und die Kittel für die Besucher haben eine Sonderbehandlung hinter sich. "Inzwischen habe ich schon richtig Routine darin. Um einen Kittel zu bügeln und zusammenzufalten, brauche ich nur noch ein paar Minuten", sagt sie stolz und zeigt auf einen Schrank, in dem sich die akkurat gefalteten Wäschestücke stapeln.

Wenn morgen die ersten Patienten in die erste deutsche Klinikabteilung für Ganzheitliche und Umweltmedizin im uckermärkischen Prenzlau einziehen, ist genau genommen schon seit Wochen alles bereit zum Empfang. Denn offiziell wurde der Fachbereich, der am Kreiskrankenhaus Prenzlau angesiedelt ist, bereits Ende April eröffnet.

Dass es ein Wagnis sein würde, war allen Beteiligten klar. Denn die stationäre Behandlung von umweltmedizinisch Erkrankten wird bisher nicht von den Krankenversicherungen getragen. "Wir hatten schon nach ganz kurzer Zeit an die 20 Anfragen aus ganz Deutschland", so Dr. Uwe Knitter, der als Chefarzt der Fachabteilung vorsteht. "Aber immer, wenn wir darauf zu sprechen kamen, dass der Krankenhausaufenthalt selbst bezahlt werden muss, wurde es kritisch." Neben den langwierigen Voruntersuchungen sei auch dies letztlich ein Grund dafür, dass erst jetzt die ersten Patienten einziehen würden. Dabei sind gesundheitliche Beschwerden, die durch Umwelteinflüsse ausgelöst werden, alles andere als selten: "Fünf Prozent der europäischen Bevölkerung sind umweltmedizinisch belastet", weiß Dr. Knitter. Einer WHO-Studie vom Anfang dieses Jahres zufolge sind sogar 20 Prozent aller Krankheiten und jeder fünfte Todesfall in der Europäischen Union auf Umweltgifte zurückzuführen.

Aus diesen Zahlen schöpft die Geschäftsführung der GLG Gesellschaft für Leben und Gesundheit mbH, zu der die Klinik gehört, auch die Zuversicht, dass schon bald alle sechs Betten kontinuierlich belegt sein werden.

Potenzielle Patienten haben meist schon eine jahrelange Odyssee durch verschiedene Arztpraxen und Krankenhäuser hinter sich. Sie klagen über Beschwerden wie chronische Müdigkeit, tränende Augen, gereizte Schleimhäute, juckende Haut, allergische Reaktionen, Atemwegsbeschwerden oder Abwehrschwäche. "Obwohl sie objektiv krank sind, kann kein Spezialist eine Diagnose stellen", beschreibt Dr. Knitter den Leidensweg dieser Menschen. Umweltmediziner richten nach den beschriebenen Problemen ihre Diagnostik aus. Nach standardisierten Fragebögen ergründen sie das Lebensumfeld der Patienten, dann folgen körperliche Untersuchungen und Laboranalytik. Viele Auslöser kommen für umweltassoziierte Beschwerden in Frage: Stress und Lärm, Innenraumschadstoffe und Umweltgifte, Strahlungen und Magnetfelder sind nur einige Beispiele. "So vielfältig, wie die Auslöser sind, so unterschiedlich sind auch die Therapieansätze", erläutert Dr. Knitter.

Längst nicht immer müsse medikamentös behandelt werden - zumal oft Medikamente die Beschwerden erst auslösten oder verstärkten. Wenn man sie erst einmal erkannt hat, könne man beispielsweise die Beschwerden auslösenden Substanzen zu meiden versuchen. Hilfreich sei es auch, viel zu trinken - "dadurch wird der Durchsatz erhöht und jede Menge schädlicher Substanzen aus dem Körper ausgeschwemmt", so der Mediziner. Der könne sich dann unbelastet wieder erholen. Die Darmschleimhaut brauche zum Beispiel lediglich vier Tage, um sich zu regenerieren, weiß Dr. Knitter, der von Hause her Internist ist. Auch die Leber habe ein enormes Selbstheilungspotenzial.

Um für den (Selbst-)Heilungsprozess beste Bedingungen zu schaffen, wurden in einem Seitenflügel des Prenzlauer Krankenhauses Patientenzimmer, Aufenthalts- und Behandlungsräume nach umweltmedizinischen Gesichtspunkten umgebaut: Lehmwände statt Tapeten, strahlungsarme Elektroinstallationen, moderne Plattenheizkörper und eine spezielle Lüftungsanlage sorgen jetzt für ein gesundes Raumklima. Möbel und Textilien wurden unter umweltmedizinischen Gesichtspunkten ausgewählt, Lösungsmittel und Weichmacher komplett verbannt.

Der Chefarzt betont allerdings auch: "Alle Maßnahmen müssen noch einen Realitätsbezug haben, wir können und wollen die Patienten hier nicht unter eine schadstofffreie Glocke setzen. Unser Ziel ist es, eine schadstoffarme Atmosphäre zu schaffen, in der es dem Patienten besser gehen soll."

Ohnehin könne - und wolle - man niemanden einsperren. "Wir haben hier in Prenzlau so eine saubere Luft und so viele Wälder und Seen in der Umgebung, dass man einfach gesund werden muss", meint Anke Moser, die sich ab morgen als Patientenservicekraft bewähren muss und dann auch therapiebegleitende Angebote unterbreiten wird.

Dass alle, die auf der Station arbeiten wollten, sich schon im Vorfeld das Rauchen abgewöhnen mussten, war für sie kein Problem - weil sie nicht geraucht hat. "Einige Schwestern hatten es da schwerer", so Chefarzt Knitter. Er selbst als Nichtraucher würde sofort merken, wenn jemand dennoch zur Zigarette greifen würde - aber noch hätte er niemanden erwischt. Auch das Parfümierungsverbot hätten alle schon eingehalten, als noch gar keine Patienten da waren. "Wenn ich jetzt Naturkosmetik ohne Duft- und Konservierungsstoffe benutze, dann ist das doch auch für mich selbst gut", meint Anke Moser.

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