Insektensterben : Krabbeltierchen auf dem Rückzug

Eine Biene sammelt Pollen auf einer Blüte: Ohne Insekten gäbe es kein Obst und Gemüse.
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Eine Biene sammelt Pollen auf einer Blüte: Ohne Insekten gäbe es kein Obst und Gemüse.

Mehr Respekt vor dem Insekt: MV stellt Schutz-Strategie vor und drängt auf Ursachenforschung

svz.de von
20. April 2018, 12:00 Uhr

Abgang der Krabbeltiere: In Mecklenburg-Vorpommern und anderen Regionen Deutschlands ziehen sich immer mehr Insekten zurück. „Die Situation ist sehr bedenklich“, meinte Umweltminister Till Backhaus (SPD) gestern vor einem Expertentreffen bei einem Parlamentarischen Abend in der Berliner Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommerns. Es spreche sehr wenig dafür, dass das Insektensterben ein nur kurzfristiges Phänomen sei, hatte er im Vorfeld erklärt. Über das genaue Ausmaß stochern Experten aber noch immer im Dunkeln.

Studienergebnisse ließen aufhorchen: Verschiedene Erhebungen gehen von einer drastischen Reduzierung der Insektenarten und Einzelindividuen mit dramatischen Folgen für die von Insekten abhängigen Vogelarten aus. Eine Langzeit-Studie von Hobby-Entomologen aus Krefeld in 63 Schutzgebieten hatte einen deutlichen Rückgang der Zahl der Fluginsekten ergeben. Besonders gefährdet seien Falter, Heuschrecken und Schwebefliegen, leitete das Bundesumweltministerium aus den Angaben ab. Für Ex-Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) gab es keine Zweifel: „Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, findet danach kaum noch Insekten an der Windschutzscheibe“, erklärte sie und brachte damit die Fachwelt auf.

Panikmache, sagen Experten. Zwischen Landwirten, Umweltschützern und Fachleuten ist ein Streit über das Ausmaß des Insektensterbens in Deutschland entfacht. Es gebe allenfalls Indizien dafür, dass es auch in Mecklenburg-Vorpommern Verluste bei den Insektenpopulationen gäbe, mahnte Joachim Vietinghoff, stellvertretender Chef des Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (LALLF) in Rostock Sachlichkeit in der Debatte an. Auf alle Fälle sei es aber nicht zu belegen, dass allein die Landwirtschaft für den Rückgang der Insekten verantwortlich sei. So werde beispielsweise der Rapsglanzkäfer inzwischen seit Jahren massiv bekämpft. Dennoch trete er in jedem Jahr immer wieder in gleicher Stärke auf. Lichtsmog, zerschnittene Lebensräume, Versiegelung, Klimaveränderung: Insektensterben „ist nicht das Problem der Landwirtschaft, sondern ein Problem der Veränderung der Lebensräume“, meinte Vietinghoff. Kritik auch von den Landwirten: Eine „überhitzte Debatte“, meinte Bauernpräsident Detlef Kurreck gestern. Wegen der „dünnen Faktenlage“ sei es unzulässig, die Gründe für einen Insektenrückgang allein auf die Landwirtschaft zu verkürzen. „Wo früher noch Kühe standen, fehlen den schweren Schmeißfliegen im Schutzgebiet heute vielleicht einfach nur Kuhfladen“, so Kurreck.

MV fordert jetzt Aufklärung: Umweltminister Backhaus kündigte gestern eine Insektenschutz-Strategie „Mehr Respekt vor dem Insekt“ an. Mit seinem Drei-Punkte-Plan fordert er u. a. eine intensive Insektenforschung, um auf der Grundlage von Daten und Fakten reagieren zu können. Dazu sollte Deutschland ein wissenschaftliches Monitoringzentrum einrichten. In MV könnte eine Servicestelle Insektenschutz entstehen. Notwendig seien verlässliche Langzeitstudien und industrieunabhängige Grundlagenforschung, unterstützte Bauernpräsident Kurreck die Pläne. Backhaus forderte von den Bauern indes eine Abkehr von der Großflächenstruktur – „wir brauchen mehr Hecken, Brachen und breite Feldränder“, sagte er: „Mecklenburg-Vorpommern muss von einem flächendeckenden Nektarband durchzogen werden.“ Kosten für die Insekten-Strategie: 2,6 Millionen Euro.

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