Schwangerschaftsabbrüche : Kostenlose Pille ist keine Lösung

Wird von jeder zweiten Frau angewandt: die Pille
Wird von jeder zweiten Frau angewandt: die Pille

Modellprojekt ausgewertet: Frauen wollen die Wahl

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20. Juni 2016, 05:00 Uhr

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Mecklenburg-Vorpommern geht zwar leicht zurück, ist aber im bundesweiten Vergleich nach Bremen und Berlin nach wie vor die höchste. Ein signifikanter Rückgang ist auch dann nicht zu verzeichnen, wenn Verhütungsmittel kostenfrei abgegeben werden. Zu diesem Ergebnis kommt ein vom Sozialministerium initiierter und von der Universität Greifswald fachlich begleiteter zweijähriger Modellversuch, der jetzt ausgewertet wurde.

Für jeweils einen Zwölf-Monats-Zeitraum wurden in der Stadt Schwerin und dem ehemaligen Landkreis Demmin an sozial bedürftige Frauen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren kostenlos Verhütungsmittel ausgegeben. 430 Frauen beteiligten sich – „deutlich weniger, als wir ursprünglich angenommen hatten“, so Dr. Sabina Ulbricht vom Institut für Sozialmedizin der Universität Greifswald. Schuld seien u.a. kulturelle und sprachliche Barrieren – „ein Drittel der Frauen, die wir vor dem Schweriner Jobcenter auf das Projekt hin ansprachen, haben uns schlicht nicht verstanden“, so Ulbricht.

Das Gros der beteiligten Frauen verhütete zum Zeitpunkt der Aufnahme in das Modellprojekt mit der Pille, 80 Frauen allerdings auch überhaupt nicht. Während des Projektes hätten sich 129 Frauen für ein anderes Verhütungsmittel entschieden, als sie vorher benutzt haben, so die Greifswalder Wissenschaftlerin. Besonders die Hormonspirale wurde gern gewählt – bis zu 400 Euro hätten die Frauen selbst nicht bezahlen können. Die Pille mit Kosten von monatlich mindestens 14 Euro sei noch am ehesten auch aus dem Hartz-IV-Bezug heraus finanzierbar, so Ulbricht – nur 17,56 Euro aus dem monatlichen Regelsatz stünden schließlich für Gesundheitsartikel zur Verfügung. Doch die Anti-Baby-Pille sei fragil, viele Probandinnen hätten die Einnahme vergessen. Auch im Modellprojekt sei es deshalb zu ungeplanten Schwangerschaften gekommen.

Vor allem 30- bis 35-Jährige, die bereits Kinder hatten, hätten die Spirale gewählt, so die Sozialmedizinerin, „das ist die Altersgruppe, die bislang vom Trend des Rückgangs bei Schwangerschaftsabbrüchen nicht profitiert.“ Ihr Fazit lautet deshalb: „Frauen müssen nicht nur Zugang zur Verhütung, sondern – in jeder Lebensphase neu – auch die Wahl zwischen einzelnen Methoden haben.“ Allein Geld zur Verfügung zu stellen, reiche nicht: In Berlin zum Beispiel gebe es generell für die Zielgruppe des Modellprojekts kostenfreie Verhütungsmittel – dennoch würden dort die meisten Schwangerschaften abgebrochen.

Zu den positiven Effekten des Modellprojektes zählt, dass die beteiligten Frauen dadurch wieder in die medizinische Versorgung hineinkamen. Jede Fünfte war in den letzten vier Jahren zuvor nicht mehr zur Krebsvorsorge beim Gynäkologen.

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