Bildergalerie: Pokemon Nachtwanderung : Kopfunten-Jagd im Smartphonelicht

Handy in der Hand, Kopf gesenkt: So ziehen die Pokémon-Jäger durch Schwerin.
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Handy in der Hand, Kopf gesenkt: So ziehen die Pokémon-Jäger durch Schwerin.

Mit der Smartphone-App „Pokémon-Go“ lassen sich überall in der realen Welt kleine Kreaturen finden. In Schwerin trafen sich am Freitag 300 Menschen zur gemeinsamen Jagd nach Sonnenuntergang

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07. August 2016, 20:45 Uhr

„Ey, Augen nach vorne“, ruft noch ein Passant und springt von seinem Fahrrad. Ohne Vorankündigung strömt Freitagabend plötzlich eine Gruppe von 300 Menschen in die Mecklenburgstraße in Schwerin. Den Kopf gesenkt, den Blick fest auf das Handy gerichtet. Unbeirrt ziehen sie über den Boulevard. Die meisten gehen der Gruppe lieber aus dem Weg, gucken verwundert. Nur Manfred Fiebrig aus Greifswald ist neugierig. „Spielen Sie dieses Pokémon? Darf ich mal sehen?“, fragt der 75-Jährige einen der Kopfunten-Menschen. Der nickt, zeigt ihm kurz sein Handy. Auf dem Bildschirm hüpft ein Monster auf und ab. Dann läuft er weiter. Bloß nicht den Anschluss verlieren. „Daran sieht man, dass wir im 21. Jahrhundert leben“, sagt Fiebig.

 

Zombieartig schlurft die Masse weiter Richtung Schloss. Nur hier und da bleiben vereinzelt Jäger stehen. Drehen ihr Handy nach links und rechts. Der 18-jährige Jan-Ole Knape, Level 20, ist immer noch baff. Zum zweiten Mal hat der Schweriner eine Pokémon-Go-Jagd auf die Beine gestellt. Über Facebook rief er zu der Nacht-Wanderung auf. „Plötzlich standen da 200 Menschen“, erinnert er sich an seine erste Tour. „Dabei bin ich gar nicht so der intensive Spieler. Mir ging es eher um das Gemeinschaftsgefühl.“ Dass diesmal noch mehr kamen, findet Jan-Ole super. „Je mehr Spieler wir sind, desto mehr Lockmodule können wir aktivieren, die die Pokémon anziehen“, erklärt der Gymnasiast.

Seit knapp einem Monat ist auch in Mecklenburg-Vorpommern das Pokémon Go Fieber ausgebrochen. Bei dem Spiel erscheinen kleine Taschenmonster auf dem Handy-Bildschirm, die man fangen und dann gegeneinander antreten lassen kann. Dazu muss man sich jedoch erst in die Nähe des Monsters begeben. Das Besondere: Die kleinen Kreaturen erscheinen durch den Bildschirm im direkten Umfeld. Über die reale Welt wird quasi eine virtuelle Welt gestülpt. Nur Spieler können sie sehen. Alle anderen sehen nur auf das Smartphone starrende Passanten.

Pokémon-Fans spenden Blut
Die Blutspende-Abteilung des Klinikums Dortmund profitiert von der öffentlichen Begeisterung für das Online-Spiel „Pokémon Go“. In den vergangenen Tagen habe man vermehrt Pokémon-Spieler begrüßt, die sich auf der Suche nach den virtuellen Monstern in der örtlichen Blutspende eingefunden hätten, teilte der Sprecher des Klinikums am Freitag mit. Der Grund: Dort befindet sich ein sogenannter Poké -Stop, an dem die Nutzer des Smartphone-Spiels Bälle für die weitere „Jagd“ laden können. Einige Spieler waren bei ihrem Besuch spontan zur einer Blutspende bereit.

Auf dem Alten Garten wird gerade Aida aufgeführt. Jan-Ole hat sich für heute eine Strecke von mehr als zehn Kilometern überlegt: Vom Bahnhof, um den Pfaffenteich, durch die Mecklenburgstraße zum Schloss und dann durch den Schlossgarten und um den Faulen See. Dass die Strecke so lang ist, hat Sinn. „So können wir viele Eier ausbrüten“, erklärt Jan-Ole. Damit eins schlüpft, muss der Spieler im Schritttempo eine bestimmte Kilometerzahl hinter sich bringen.

Aus Jan-Oles Rucksack dröhnen Pokémon-Lieder. Einige Jäger singen mit. Die Texte kennen sie. Langsam wird es dunkel. „Enton“, ruft plötzlich einer aus der Masse. Kurz bleiben ein paar Spieler stehen. Das korpulente Schnabeltier-ähnliche Wesen steht quasi direkt vor ihnen. Im Pokémon-Universum gibt es etwa 700 solcher Kreaturen. Die beliebteste dürfte „Pikachu“ sein – ein kleines gelbes Monster mit einem Schwanz in der Form eines Blitzes.

Straßenbahn extra für die Jäger
Extra für Pokémon-Spieler ist eine Straßenbahn am vergangenen Donnerstag ganz gemächlich durch Düsseldorf gefahren. An Bord des Nostalgie-Waggons saßen 77 Fahrgäste. Sinn der Fahrt mit der „Pokébahn“: Möglichst seltene Monster fangen, Belohnungen an Poké-Stops sammeln und Eier ausbrüten. Dafür eignete sich die langsame Reise mit der Rheinbahn besonders gut, denn damit aus einem Ei ein Pokémon schlüpft, muss der Spieler im Schritttempo eine bestimmte Kilometerzahl hinter sich bringen.

„Das ist ein Kindheitstraum“, sagt Michelle, Level 26. Die 23-Jährige hat ihr Pokémon-Cappy aufgesetzt, unter ihrem Arm klemmt ein Plüschdinosaurier. „Das ist Glurak.“ – Ein Feuer-Pokémon, erklärt die Schwerinerin. „Ich habe seit meiner frühsten Kindheit Pokémon gespielt. Damals noch auf dem Gameboy.“ Das erste Spiel kam vor etwa 20 Jahren heraus. Seitdem hat sich Pokémon zu einem Dauerbrenner mit einer weltweiten Gemeinde aus Millionen Fans entwickelt.

„Ich will möglichst viele fangen“, sagt Benni, Level 16. 50 Taschenmonster hat er bereits. Der 27-Jährige ist mit seinen Freunden extra aus Parchim angereist. „Das ist cool. Einfach geil. Man spricht auch mal mit den anderen, statt nur aneinander vorbeizulaufen.“ Benni ist mit einem extra großen mobilen Akku ausgestattet. Das Spiel frisst viel Strom. Warum er das macht? „Das ist der Jagd- und Sammeltrieb“, meint er.

Inzwischen ist es dunkel. Im Schlossgarten werden die Gesichter der Spieler nur noch vom blauen Schein der Bildschirme angeleuchtet. Pokémon-Jagd-Romantik. „Der Hype lässt irgendwann bestimmt nach“, meint Jan-Ole Knape mit Blick auf die vielen blauen Köpfe. „Spätestens im Winter, wenn es kälter wird. Bis dahin machen wir aber weiter.“

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