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Konferenz mit heiklem Thema: Die Hilfe und das Sterben

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Heringsdorf | Macht es einen Sinn, einem schwerstkranken 85-jährigen Patienten, der im Pflegeheim aus dem Bett gefallen ist, noch ein künstliches Hüftgelenk zu implantieren? Wie viel Kosten kann sich die Gesellschaft in der Altersmedizin leisten? Diese Themen wollen von heute an 500 Mediziner, Philosophen, Theologen, Hospizmitarbeiter und Politiker auf einer internationalen Fachkonferenz der Uni Greifswald in Heringsdorf diskutieren. Es gehe um Ethik in einer alternden Welt, sagt Konferenzleiter Dragan Pavlovic. Zum ersten Mal überhaupt beschäftige sich ein Forum in Deutschland mit jenen Problemen, die sich aus der demografischen Entwicklung und der Kostenexplosion im Gesundheitswesen ergäben.

Die Debatte sei längst überfällig, findet Matthias Gründling, Intensivmediziner am Klinikum in Greifswald. Als Oberarzt sieht sich der 49-Jährige inzwischen fast täglich mit Entscheidungen über Leben und Tod konfrontiert. Die Intensivmedizin habe in dieser Zeit enorme Fortschritte gemacht, konstatiert er. "Als ich auf der Station anfing, starben die meisten unserer Patienten im Stadium der Maximaltherapie." Doch mittlerweile habe die Intensivmedizin einen Stand erreicht, der es ermögliche, auch schwerstkranke Menschen ohne Aussicht auf Gesundung noch sehr lange am Leben zu erhalten. Etwa 80 Prozent derer, die heute auf einer Intensivstation sterben, sterben erst nach Änderung des Therapiestils, weil man z. B. auf künstliche Wiederbelebung verzichtet, die Therapie nicht mehr ausweitet oder einstellt.

Für Wirbel sorgte im Vorfeld die Einladung der Universität an den britischen Ethikprofessor John Harris, der in Heringsdorf einen Vortrag halten soll. In Fachkreisen wird der Experte vor allem als Herausgeber einer Medizin-Ethik-Zeitschrift geschätzt. Wegen seiner oft provokanten Äußerungen sehen ihn Kritiker als Befürworter der aktiven Sterbehilfe.

Grünen-Landeschefin Silke Gajek erinnerte daran, dass Harris in den 70er-Jahren die übersteigerte ethische Frage aufgeworfen habe, ob es nicht richtig sei, einen gesunden, per Zufallslotterie ausgewählten Menschen zu töten, wenn man mit dessen Organen mehrere Menschen retten könnte. Gajek hat inzwischen Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) aufgefordert, ihre Teilnahme am Kongress abzusagen. Kuder lehnt das ab. Dieser Zeitung sagte sie, dem Tagungsthema komme angesichts des demografischen Wandels in Mecklenburg-Vorpommern eine besondere Bedeutung zu. Ein wissenschaftlicher Disput lebe gerade davon, sich auch mit Meinungen auseinanderzusetzen, die man nicht teile.

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erstellt am 22.Sep.2010 | 08:00 Uhr

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