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Mecklenburg-Vorpommern

11. Dezember 2017 | 01:33 Uhr

Kommissar Facebook hat bereits 9000 Helfer

vom

svz.de von
erstellt am 05.Jan.2012 | 06:23 Uhr

Rostock | "Dringend Zeugen gesucht!!! Polizeipräsidium Neubrandenburg bittet um eure Mithilfe. 53-jährige Frau wurde nach einem räuberischem Diebstahl schwer verletzt. Bitte teilen! Besonders im Raum Neubrandenburg." Mit solchen Fahnungsaufrufen geht die Landespolizei Mecklenburg-Vorpommerns seit September vergangenen Jahres im sozialen Online-Netzwerk Facebook auf Verbrecherjagd. Jetzt kann das Landeskriminalamt (LKA) zwei Fahndungserfolge melden.

Im August und September hatte eine Serie von Raubüberfällen Neubrandenburg verunsichert. Es waren vor allem Frauen, die auf der Straße angesprochen, zusammengeschlagen und beraubt wurden. Vier der insgesamt sieben Opfer mussten im Krankenhaus stationär behandelt werden.

Dem Fahndungsaufruf auf der Facebook-Seite der Polizei kamen 142 Nutzer nach und verbreiteten den Steckbrief der Täter an Freunde weiter.

Stralsunder wurde festgenommen

"Danach gingen zahlreiche Hinweise bei der Kriminalpolizei Neubrandenburg ein, die halfen, die drei Täter zu stellen", berichtet Polizeisprecherin Synke Kern im LKA. Drei Neubrandenburger aus der Oststadt im Alter von 25, 26 und 27 Jahren wurden festgenommen. Die mutmaßlichen Täter befinden sich in Untersuchnungshaft. Auch die Aufklärung mehrerer Sexualstraftaten im November in Stralsund unterstützte die Facebook-Seite erfolgreich. Ein 18-jähriger Stralsunder wurde festgenommen. Geholfen habe die neue Art der Öffentlichkeitsfahndung auch bei bei der Suche nach Vermissten, so Frau Kern.

"Noch ist unser Facebook-Auftritt ein Pilotprojekt", erklärt Michael Schuldt, Sprecher des LKA. Zur Begrüßung heißt es auf der Seite: "Die Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern möchte sich künftig mit Zeugenaufrufen, Vermisstenmeldungen, Fahndungen und Hinweisen an die Facebook-Gemeinschaft wenden." Darunter folgen aktuelle Polizeimeldungen, Stellenangebote und Kommentare von Nutzern.

"Ein entscheidender Vorteil dieser Seite sei, dass junge Leute angesprochen werden können, die auf traditionellen Wegen eher schwerer zu erreichen sind", sagt Schuldt. Außerdem würden sich über soziale Online-Netzwerke Informationen wesentlich schneller und weiter verbreiten.

Fahndungsaufrufe auf eigenen Homepages der Polizei sind seit Jahren üblich. Die Nutzerzahlen sind allerdings nicht mit denen der sozialen Netzwerke vergleichbar. Mehr als 9000 Anhänger der Facebook-Gemeinde haben seit September den Bottom "gefällt mir" auf der Polizei-Seite gedrückt sind damit in ständiger Verbindung mit Kommissar Facebook in Mecklenburg-Vorpommern. Jeder dieser Nutzer hat in der Regel zahlreiche weitere "Freunde". Wenn nur ein Teil von ihnen die Fahndungshinweise zur Kenntnis nehme, führe dies zu einer noch nie da gewesenen Verbreitung von Fahndungsaufrufen, meint Schuldt.

Nach dem aktuelle "Social Media-Atlas 2011" der Beratungsgesellschaft "Faktenkontor" hat zwischen Boizenburg und Ueckermünde jeder zweite Einwohner (52 Prozent) soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder StudiVz für sich entdeck. Gravierende Unterschiede gibt es dabei zwischen jung und alt. Bei den acht- bis 21-Jährigen haben 75 Prozent ein eigenes Profil im Web 2.0. Bei den 17- bis 20-Jährigen liege die Quote bei über 90 Prozent. Gepflegt wird die Facebook-Seite im LKA in der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Pressestelle. Schuldt muss täglich die Seite mit neuen Meldungen und Aufrufen aktualisieren und auf Einträge anderer reagieren. Ausdrücklich weisen die Fahnder die Facebook-Nutzer darauf hin, dass Hinweise zu Straftaten nicht über die öffentliche Kommentarfunktion der Seite abgegeben werden dürfen. Dafür werden Adressen und Telefonnummern der ermittelnen Polizeidienststellen angegeben.

Die Polizei ist vom Erfolg ihres Pilotprojektes überzeugt. "Viele sind motiviert, zu helfen", sagt Michael Schuldt. Natürlich gebe es Scherzbolde, aber erst wenige Kommentaren habe man löschen müssen.

Daten landen auf Servern in den USA

Doch der Polizei-Auftritt ist heftig umstritten. Vor allem Datenschützer äußern Bedenken. "Wir haben der Polizei empfohlen, auf die Nutzung von Facebook zu verzichten, unsere Empfehlung wurde leider ignoriert", sagt Gabriel Schulz, stellvertretender Datenschutzbeauftragter Mecklenburg-Vorpommerns. Grund: Sämtliche Facebook-Daten laufen über bei Servern in den USA. Dort können sämtliche Informationen über Nutzer der deutschen Polizei-Seite eingesehen, gesammelt und ausgewertet werden. Facebook könne über Nutzungsanalysen umfassende Profile von Menschen erstellen, die sich beispielsweise für Fahndungsaufrufe interessieren oder Hinweise an die Polizei geben wollen, befürchten Datenschützer. Facebook ist ein Unternehmen, dass nach amerikanischem Recht verpflichtet ist, ermittelnden Behörden wie dem FBI bei Aufforderung alle Daten zur Verfügung zu stellen.

Die Zukunt des Pilotprojektes in Mecklenburg-Vorpommern steht deshalb in den Sternen. Ob die Polizei künftig weiter über Facebook fahnden darf, entscheidet sich voraussichtlich nach Gesprächen der Innenminister von Bund und Ländern Anfang 2012. Voraussichtlich im Februar stehe das Thema auf der Agenda des Arbeitskreises Polizei und Innere Sicherheit der Innenminister.

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