Bundeswehr : Kommando war ein Lotto-Sechser

Ein offenes Ohr für jeden Soldaten: Jürgen-Joachim von Sandrart hat stets den direkten Kontakt zu seinen Untergebenen gesucht.
Ein offenes Ohr für jeden Soldaten: Jürgen-Joachim von Sandrart hat stets den direkten Kontakt zu seinen Untergebenen gesucht.

Für die Heerestruppen im Land steht ein Führungswechsel an: Jürgen-Joachim von Sandrart geht zur Nato

svz.de von
27. Januar 2016, 21:00 Uhr

Die Kartons sind gepackt. Im Büro von Jürgen-Joachim von Sandrart sind keine Bilder mehr von der Ehefrau oder den vier Kindern zu finden. Von der Wand lächeln lediglich Bundespräsident Joachim Gauck und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Der Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 41 „Vorpommern“ räumt den Platz für seinen Nachfolger Oberst Oliver Kohl, der ab jetzt die Geschicke der Heeressoldaten in Norddeutschland leiten wird. Auf Jürgen-Joachim von Sandrart wartet eine neue Aufgabe im Hauptquartier der Nato im belgischen Mons.

Von Sandrart fällt der Abschied sichtlich schwer. Das Kommando über die Männer und Frauen in Neubrandenburg, Hagenow, Torgelow, Viereck, Eutin und Havelberg war für ihn wie „ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl“. „Ich habe das, wofür ich ursprünglich ausgebildet wurde – was meine Vorstellung vom Soldat sein und vom Offizier sein war – tatsächlich umsetzen dürfen“, sagt der 53-Jährige. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat er es gelebt und geliebt, das gemeinsame Üben, das gemeinsame Vorbereiten auf Einsätze, das gemeinsame Anpacken in der Flüchtlingsversorgung. Angesicht der Größe des Gebiets, auf das die Panzergrenadierbrigade 41 verteilt ist, stellt er klar: „Man muss die Begegnung suchen und sich nicht an den Schreibtisch flüchten.“

Insgesamt blickt er positiv auf seine Zeit als Brigadekommandeur zurück. Besonders gerne erinnert er sich an den Auftrag, den die Brigade 2014 zu erfüllen hatte: In einer großen Lehrübung haben 3500 Soldaten die Fähigkeiten des deutschen Heeres auf dem Truppenübungsplätzen Bergen und Munster (Niedersachsen) präsentiert. „Das war ein gemeinsamer Kraftakt mit einem großartigen Ergebnis.“ Allerdings kam es im Zuge der Übung zu einem schweren Verkehrsunfall, bei dem ein Soldat des ehemaligen Logistikbataillons 142 Basepohl beide Unterschenkel verlor. Inzwischen sei er laut von Sandrart aber wieder soweit genesen, dass er mit Prothesen als Soldat tätig sein kann: „Bei aller Schwere dieses Schicksals, für einen jungen Soldaten ist das doch toll zu sehen, wie man daraus wachsen kann und wie ein System Bundeswehr das zusammen mit der Familie wieder hinkriegen kann.“

Familie – das scheint ein ganz besonders wichtiger Aspekt im Leben von Jürgen-Joachim von Sandrart zu sein. Doch wie lässt sich eine Familie aufbauen, wenn man alle zwei bis drei Jahre den Arbeitsort wechselt? „Zunächst mal danke ich dem lieben Gott, dass er mir meine tolle Frau an die Seite gestellt hat“, antwortet der scheidende Brigadekommandeur, der in diesem Jahr Silberhochzeit feiert. Seit acht Jahren wohnt das Paar mit seinen vier Kindern im niedersächsischen Stade.

Von Sandrart selbst kennt das Leben als Sohn eines Soldaten. Sein Vater Hans-Henning von Sandrart, einst Inspekteur des Heeres und damit oberster Vorgesetzter dieser Teilstreitkraft, wurde ebenfalls spätestens alle drei Jahre an einen anderen Arbeitsort geschickt. Er selbst habe achtmal die Schule gewechselt, erinnert sich Jürgen-Joachim von Sandrart. Dies wollte er seinen Kindern ersparen.

In diesem Punkt ist leichte Kritik am Arbeitgeber herauszuhören: Attraktivität für die Familie bedeute auch, darüber nachzudenken, wie der Übergang in andere Schulsysteme möglich ist. Und er fügt hinzu: „Eine Wochenend-Ehe ist bei der Option Wochenend-Ehe oder Nicht-Wochenend-Ehe die deutlich schlechtere.“

Er selbst war in mehreren Auslandseinsätzen – in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo und auch in Afghanistan. Bei der Erinnerung an Letzteren im Jahr 2011 wird die Stimme des sonst so kraftvoll sprechenden Kommandeurs ein wenig leiser. Er berichtet von einer bitteren Erfahrung: Am 28. Mai 2011 erlebte er ein Attentat der Taliban hautnah mit. Zwei seiner Kameraden und mehrere Afghanen starben, andere wurden schwer verletzt. Den Einsatz an sich, bei dem er und ein Team aus acht verschiedenen Nationen afghanische Soldaten beraten und begleiten sollten, bezeichnet er trotz allem als eine seiner schönsten militärischen Erfahrungen. „Aber wir haben viermal vor dem lieben Gott gestanden.“

Zweifel an der Wahl seines Berufes hat Jürgen-Joachim von Sandrart gerade aufgrund solcher Erlebnisse nicht. „Wenn Sie mal in Afghanistan waren, wenn Sie mal auf dem Westbalkan waren, wenn Sie in Afrika waren oder wenn Sie sich das Elend der Flüchtlinge angucken, dann wissen Sie, dass wir im irdischen Paradies leben. Es ist also alles wert, dazu beizutragen, dass das weiter so bleibt“, sagt der Soldat.

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