Spitzentreffen in Rostock : Kohle raus, Wind rein ins Netz

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Nach Kostensenkung will Windbranche Ausbauziele ausweiten

svz.de von
17. Mai 2017, 05:00 Uhr

Bewegung im Windfeld auf See: Nach den drastisch zusammengestrichenen Ausbauplänen für Windkraftanlagen in Deutschland probt die Branche den Aufstand. In der Debatte um hohe Kosten für regenerativen Strom hatte Ex-Bundeswirtschaftsminister Siegmar Gabriel (SPD) vor einem Jahr die bisherige Förderung neuer Windkraftanlagen auf ein Modell auf Basis von Ausschreibungen umgestellt. „Ein gravierender Systemwechsel“, ärgert sich Andree Iffländer auch ein Jahr später noch – ohne Vorwarnung, gegen alle Planungen, gegen den Vertrauensschutz, aber mit verheerender Wirkung. Nach teuren, jahrelangen Entwicklungen der privaten Wirtschaft habe der Bund kurzerhand die Ausbaupläne drastisch gekürzt, ist Iffländer noch immer über den Umgang mit der Branche sauer: „40 Prozent weniger im Offshore-Bereich – das war nicht in Ordnung“, blickt der Vorstandschef des Branchennetzwerkes WindenergyNetwork im Vorfeld der heute in Rostock beginnenden zweitägigen Zukunftskonferenz Wind & Maritim zurück, zu dem 300 Fachleute aus dem In- und Ausland erwartet werden. Keine Chance für viele Projekte, die über Jahre mit hohem Aufwand entwickelt worden seien. Iffländer: „Man kann nicht alle zwei Jahre einen Systemwechsel vollziehen.“ Der Kurskorrektur hat inzwischen handfeste Auswirkungen: Erste Unternehmen hätten hunderte Entlassungen vornehmen müssen, in anderen gerate die Auslastung in Gefahr.

Den Windmüllern reichts: Inzwischen bekommt die Branche die Kosten immer besser in den Griff. Bei der ersten Ausschreibung der Bundesnetzagentur für Offshore-Windparks in der Nordsee waren jüngst drei Projekte unter den Gewinnern, die ohne Subventionen auskommen wollen. Wenn Mecklenburg-Vorpommern neue Offshore-Windparks dichter an die Küste lassen würde, wäre es auch hierzulande möglich, dass neue Anlagen auf See ohne Beihilfen auskommen könnten. Durch immer größere Turbinen, höhere Stückzahlen und innovative Technologien ließen sich die Kosten immer weiter reduzieren. Die bisherigen Kostensenkungen hätten die „Erwartungen übertroffen“, meinte Iffländer: „Die Technologie ist wettbewerbsfähig geworden.“ Für die Branche Zeit, die Ausbaupläne wieder zu erweitern. Das jetzt bis 2030 auf 15 Gigawatt Leistung gedeckelte Ausbauziel für Offshore-Anlagen müsse angesichts der Kostensenkungen durch immer größere und effektivere Windkraftwerke und der im Abkommen von Paris vereinbarten Klimaschutzziele „realistisch angepasst werden“ – auf 20 Gigawatt bis 2030 und 30 Gigawatt bis 2035. Auch an Land müsse man zulegen. Der Ausbau der Windkraft auf zwei Prozent der Landesfläche sei machbar, sagte Iffländer. Mit den bisherigen Plänen werde Deutschland die in Paris vereinbarten Klimaschutzziele „bei weitem verpassen. „Wir können nicht Klimaschutzziele vereinbaren und uns dafür feiern lassen und machen eine Energiewende, die dazu nicht passt.“ Iffländer: „Wir müssen die Windkraft daher deutlich ambitionierter ausbauen“ – auch die Netze. Dort gebe es Engpässe, die den Ausbau der Windkraft erschwerten.

Kohle raus, Wind rein: Für Entspannung könnte die zügige Abschaltung der klimaschädlichen Kohlekraftwerke sorgen. Bislang sei der Anteil des Kohlestroms viel zu hoch, der die Netze zu Lasten des Öko-Stroms immer wieder verstopft. Iffländer: „Wir brauchen eine Strategie für den Kohleausstieg.“ Die fehle aber noch wie vor. Dabei könnte Deutschland in zehn Jahren kohlestromfrei sein. Derzeit gebe es aber noch 20 Gigawatt Kohlestrom im Netz. Ziel müsse es sein, jedes Jahr zwei Gigawatt vom Netz zu nehmen. Iffländer: „Die Dreckschleudern müssen vom Netz, um die freiwerdenden Kapazitäten für erneuerbare Energien zu nutzen.“ Darum kümmere sich die Politik aber zu wenig. „Nicht der Strom aus erneuerbaren Quellen verstopft die Netze, sondern der Kohlestrom.“

Die Branche will auf dem Rostocker Spitzentreffen die Politik auffordern, bestehende Möglichkeiten für eine schnellere Energiewende stärker zu nutzen. Dazu gehörten beispielsweise auch Überlegungen, angesichts der derzeitigen großen Steuerüberschüsse den Mehrwertsteuersatz für Öko-Strom von 19 auf 7 Prozent zu senken, schlug Iffländer vor: „Wie Trinkwasser gehört Strom zum Grundbedarf. Wasser wird aber nur mit sieben Prozent besteuert.“ So könnte die Akzeptanz für die Windkraft deutlich gesteigert werden. Bislang sei in Deutschland der Steuer- und Abgabenanteil mit 55 Prozent am Strompreis viel zu hoch.

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