Köpfe statt Körbe für MV

<fettakgl>Die ersten druckfrischen Exemplare </fettakgl> von 'Dritte Generation Ost'  halten einige der  30 Autorinnen und  Autoren in den Händen, die  in dem Buch persönliche Erfahrungen in Ost und West schildern. <foto>Christoph-Links-Verlag</foto>
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Die ersten druckfrischen Exemplare von "Dritte Generation Ost" halten einige der 30 Autorinnen und Autoren in den Händen, die in dem Buch persönliche Erfahrungen in Ost und West schildern. Christoph-Links-Verlag

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26. März 2013, 10:53 Uhr

Sie sind die aus der Zwischenzeit - die letzte Generation der untergehenden DDR, die erste im wiedervereinigten Deutschland. Aufgewachsen mit Eltern, denen die bekannte Welt - geliebt oder ungeliebt - verloren ging, und die den Kindern auf dem Weg in die neue Zeit eher schlecht als recht zur Seite stehen konnten. Insgesamt wird ihre Zahl auf rund 2,4 Millionen geschätzt, Frauen und Männer der Jahrgänge 1975 bis 1985. Ein Teil von ihnen hat begonnen, sich mit ihrer Geschichte, einer "Transformationserfahrung", zu beschäftigen - unter dem Namen "3te Generation Ostdeutschland" beleuchten sie die Vergangenheit und stellen die Frage, was sich daraus gegenwärtig und künftig ergibt. Darunter Adriana Lettrari, geboren 1979 im mecklenburgischen Neustrelitz. Heute ist sie als Vertreterin der "3ten Generation Ostdeutschland" im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus zu Gast. Dort wird die Frage diskutiert, wie Wendekinder Zukunft gestalten können.

Manche dieser Wendekinder fühlen sich wie innerdeutsche Migranten. Adriana Lettrari sagt: "Wir haben ja auch diese Migrationserfahrung, obwohl wir nicht in ein Land gegangen sind, sondern das Land über uns gekommen ist." Sie war acht Jahre als, als ihre Familie von Neustrelitz über Stationen in Riesa und Hagenow - "Mein Vater war bei der Armee." - nach Rostock zog. Dort wuchs sie auf und machte ihr Abitur. Danach folgte sie dem Rat ihrer Mutter, einem "ganz typischen DDR-Muster": Erst einmal eine Berufsausbildung, zum Studium ist danach immer noch Zeit. Adriana Lettrari ging nach Schwerin und wurde in zweieinhalb Jahren Verlagskauffrau. Auf der Berufsschule in Hamburg sagte sie jedem, der es wissen wollte: "Ich komm aus Rostock, das ist das ostdeutsche Hamburg."

Tatsächlich hängte sie noch ein Studium ran: Politik und Kommunikationswissenschaft in Berlin. Als ein Auslandssemester zur Diskussion stand, entschied sie sich gegen die "noch mehr kapita listischen Verhältnisse" in den Vereinigten Staaten und ging für ein halbes Jahr nach Afrika. "Dort empfand ich mich sehr stark als Europäerin." Als ein Projekt die Studentin nach Brüssel, ins Zentrum Europas, rief, wurden wiederum die einzelnen Regionen des Staatenbundes wichtig. "Dabei wurde mir mein merkwürdiger Bezug zur Heimat klar, eine unklare, irgendwie vernebelte Beziehung." Darüber wollte sich Adriana Lettrari bei Gelegenheit Klarheit verschaffen.

Der Stein des Anstoßes traf sie via Mattscheibe. Zunächst an einem Sonntagabend: Bei Anne Will saßen der Ost-Sozialdemokrat Wolfgang Thierse und verschiedene Vertreter des westdeutschen Altherrenklubs, um über den Osten und die Vergangenheitsbewältigung zu räsonieren.

"Sie sprachen über die Anderen", so hat es die junge Frau erlebt. Die Frage, wem denn da die Deutungshoheit über ihre Elterngeneration überlassen wird, brachte sie auf. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis fand sie Verständnis. Mehr noch, als kurz darauf im Zuge von 20 Jahren Wende über die neuen Bundesländer berichtet wurde. Schlaglichter fielen auf junge Leute, die an Bushaltestellen rumhängen, rechtsextrem und arbeitslos, mit Drogen und ohne Ambitionen. "Ich habe mich überhaupt nicht wiedergefunden in diesen Darstellungen", sagt Adriana Lettrari. "Gerade in dieser Altersgruppe gab es die meiste Abwanderung und gibt es ganz ganz viele andere, verschiedene Lebensentwürfe."

Wie vielen es ging wie ihr, das zeigte sich ein halbes Jahr später, im Sommer 2010, als Adriana Lettrari und andere erstmals ostdeutsche Auswanderer zum Gedankenaustausch einluden. Die junge Frau erinnert sich an einen langen Abend mit viel Wein und dem Gefühl, als würde ein Wasserhahn bis zum Anschlag aufgedreht. Heraus kamen Geschichten, wie alle Ost-Wendekinder sie auf dem Weg westwärts erlebt hatten. Von dem Unbehagen, mit überforderten Eltern vor einem Geldautomaten oder in einem Handy-Geschäft gestanden zu haben. Von der Zeit, die aus dem gewohnten Rhythmus von "Viertel, Halb, Dreiviertel, Um" gebracht und in "Viertel vor und Viertel nach" zerlegt wurde. Vom Reiz des Neuen einerseits und der Angst davor andererseits. "Das ging so weit, dass sich manche bestimmte Verhaltensweisen bewusst abgewöhnt haben, um nicht als Ostdeutsche identifiziert zu werden", schildert Adriana Lettrari. Von Anpassungsdruck und Verweigerung, vom guten Ankommen und Aufsteigen-Können.

Mehr als 30 Frauen und Männer haben diese Erfahrungen aufgeschrieben und sind mit ihrem Buch "Dritte Generation Ost: Wer wir sind, was wir wollen" gemeinsam auf Lesereise gegangen. Eine Fotoausstellung ist entstanden. Die Initiative der "3ten Generation" hat viel Aufmerksamkeit erlangt, bundesweit und sogar darüber hinaus. Mittlerweile gab und gibt es Kongresse und Forschungsprojekte zu dem Thema, unter anderem unterstützt von der Stiftung Aufarbeitung.

Was die Elterngeneration dazu sagt? "Nachdem die Sorgen um die existenziellen Fragen der Wendezeit lange überwunden sind, bekommen manche Lust auf einen Austausch über die Zeit", schätzt Adriana Lettrari ein. Sieht allerdings auch eine Hürde dabei. "Für die ostdeutsche Seele ist es ein wahnsinnig irritierender Schritt mit einem Thema nach außen zu gehen."

Diese Eigenart haben die Wendekinder hinter sich gelassen. Sie überlegen jetzt, ob und wie ihre Erfahrungen dort helfen könnten, wo sie einst geboren wurden. Zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern. "Strandkörbe. Sanddorn. Alles schön und gut. Aber: Wo bleiben die Köpfe", fragt Adriana Lettrari. Ein Netzwerk soll her, um das Wissen und die sozialen Kontakte von Landeskinder, wo immer sie heute sind, zu Hause zu nutzen. Die Diskussion heute ist ein erster Schritt. Der nächste folgt im Juni auf einer Regionalkonferenz in Rostock - unterstützt vom Sozialministerium und Agentur "MV for you", die Menschen hilft, die zurückkehren wollen. "Ich bin froh, dass es diesmal in Mecklenburg-Vorpommern nicht 100 Jahre später passiert, sondern dass es hier losgeht." Hier, wo Adriana Lettrari einst zu Hause war. "In Rostock an der schönen Ostsee", wie sie heute antwortet, wenn sie gefragt wird.

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