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Individuelles Geschirr aus MV : Knochenjob am Töpferofen

vom
Aus der Onlineredaktion

Ohne regionale Tonvorkommen produzieren in MV hundert Töpfer individuelles Geschirr. In Rusch fährt Regine Schönemann zweimal im Jahr den Holzbrandofen hoch.

Ohne Tradition oder regionale Tonvorkommen produzieren im sandreichen Mecklenburg-Vorpommern rund hundert Töpfer individuelles Geschirr. In Rusch bei Schwerin fährt Regine Schönemann, seit 30 Jahren Töpfermeisterin und im Lewitzdörfchen Rusch bei Schwerin zu Hause, zweimal im Jahr – im Frühling und Dezember – den selbst gemauerten Holzbrandofen im Garten hoch – auf über tausend Grad. Eine Woche dauert so ein Freibrand, bis die Keramik zum Gebrauch bereit ist. Dann öffnet die Meisterin gespannt den Ofen, um das fertige Geschirr ans Licht zu holen. Ein halbes Jahr anstrengender Töpferarbeit stecke in der einen Kubikmeter großen Brennkammer. Die Ofenöffnung sei jedes Mal eine Überraschung, sagt sie. Hunderte handgefertigte Keramiken wie Teller, Tassen, Töpfe, Kannen brennt und glasiert sie gleichzeitig unter freiem Himmel – ein ganzes halbes Jahr Arbeit vereint im Feuer. Grit Büttner hat sie beobachtet:

 

Die letzten sechs Monate: Bestellungen trudeln ein, aus Mecklenburg, Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein. Auch Bierkrüge und große Kannen werden diesmal geordert. Schönemann dreht die Stücke in kräftezehrender Handarbeit über Monate auf der Töpferscheibe, bemalt alles mit flüssigem, farbigem Porzellan, bringt Stempeldrucke auf. Nebenher legt sie den Holzvorrat an für das große Brennen: Harte Eiche und weiche Fichte werden in passgerechte Leisten gespalten. Später im Ofenloch dürfen keine Löcher bleiben, damit das Feuer gleichmäßig und stetig prasselt.

Montag: Einen ganzen Tag braucht Schönemann, das rohe Tonzeug in die einen Kubikmeter fassende Brennkammer übereinander zu türmen. Nichts darf kippen oder zu eng stehen. „Entscheidend ist, den Flammen Platz zu lassen.“ Genutzt wird ein Regalsystem aus leichtem Siliziumkarbid, jenem Stoff, aus dem hitzebeständige Schutzschilde für Raumkapseln bestehen. Der Einbau des Brenngutes erfordert vollen Körpereinsatz der kleinen schmalen Frau. Ist der Ofen mit der Rohware befüllt, wird er dicht zugemauert mit vier Schichten Schamott- und Ziegelsteinen.

Dienstag und Mittwoch: Heizen, heizen, heizen. Schönemann und ein, zwei Freunde lösen sich am pottheißen Feuerloch ab, das nun ohne Pause zwei Tage lang mit Holz beschickt wird. Kalter Wind bremst sie immer wieder aus, die Temperatur im Ofen steigt langsamer als sonst auf über tausend Grad. Endlich springt der „Fuchs“ aus dem Schornstein: Leuchtend rot schießt die Brennflamme durch den Abzug. „Der ganze Ofen glüht!“, ruft Schönemann. Früher hätten Dorfbewohner schon mal die Feuerwehr alarmiert, mittlerweile aber kennen sie die Brand-Rituale der Töpferin.

Donnerstag: Die Temperatur im Ofen misst Schönemann auf traditionelle Weise - mit Tonkeilen, den sogenannten „Segerkegeln“, die bei einer bestimmten Gradzahl schmelzen und umkippen. Fallen die Anzeiger für die 1280-Grad-Marke, beginnt das „Sintern“, das Aushärten der Keramik. „Der Scherben brennt dicht.“ Geduld beim Heizen sei gefragt, die Oberflächen dürften sich nicht zu schnell schließen, sonst entstünden Blasen.

Schließlich geht es an die Glasur: Kiloweise grobkörniges Salinensalz, vermischt mit Sägemehl, wirft die Meisterin in die Feuerung. „Die Flamme reißt Späne und Salz mit sich, das Natrium reagiert mit dem Silizium und Quarz des Tons, dabei entsteht ein Glas, die Glasur eben.“ Der „Fuchs“ – die Rauchgas-Flamme auf dem Dach – färbt sich von der Salzwolke grasgrün.

Welcher Scherben an welchen Stellen wieviel Salz abbekommt, entscheide allein das lodernde Feuer. „Am Ende sieht jedes Stück anders aus.“ Salz und Ascheflug brächten eine lebendige Farbigkeit, die mit Elektroöfen nicht erreicht werde. „Jeder Topf, jede Tasse wird zum Unikat.“

Der Ofen wird ununterbrochen geheizt. „Wenn der letzte Kegel fällt, sind 1320 Grad erreicht.“ Schönemann legt Holz nach, um die Temperatur noch ein, zwei Stunden zu halten. Dann verschließt sie das Feuerloch. Geschafft! Es beginnt die Abkühlphase, die bis zum Ende der Woche dauert.

Samstag: Die Ofentemperatur fällt, die Spannung steigt. „Das ist wie Weihnachten und Ostern an einem Tag!“ Schönemann weiß, ein halbes Jahr Arbeit steckt in der Brennkammer, die nun geöffnet werden soll. Unter den staunenden Blicken ihrer Besucher baut die Meisterin nach und nach eine seitliche Mauer ab: „Das ist jedes Mal Überraschung pur!“

Aufatmen: Ordentlich stehen Schalen, Tassen, Krüge mit glasig glänzendem Überzug in Reih und Glied. Die Keramiken sind gelungen und - bis auf ganz wenige Ausnahmen - ohne Fehl und Tadel.
 

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erstellt am 19.Mai.2017 | 12:00 Uhr

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