Knigge für Volljährige

von
29. September 2020, 19:00 Uhr

Seit Kurzem bin ich 18 Jahre alt. Volljährig. Angeblich bin ich jetzt „erwachsen“, aber so ganz sicher bin ich mir da noch nicht. Denn ehrlicherweise fühle ich mich nicht anders seit meinem Geburtstag. Enttäuschend.

Wenn ich an Ereignisse denke, die mich erwachsener gemacht haben, erinnere ich mich leider eher an Momente, in denen ich mich klein gefühlt habe. Momente, in denen ich gezwungen war, mich erwachsener zu verhalten als ich eigentlich bin.
Ich war elf Jahre alt, als ich zum ersten Mal damit konfrontiert wurde, dass jemand mich ausschließlich auf meinen Körper und mein Geschlecht reduzierte. Um niemanden zu schockieren, werde ich nicht ins Detail gehen. In den letzten Jahren wurde es massiv: Ich wurde beleidigt, belästigt und bedroht. Passiert ist es in der Schule, im Museum, auf der Straße, im Club oder im Internet. Überall. Ständig.
Von jungen Mädchen und Frauen wird oft erwartet, dass sie mit solchen traumatischen Erfahrungen professionell umgehen lernen, als würde es eine Knigge-Anleitung dazu geben. Für mich war die Konsequenz, dass ich lange das Älterwerden mit diesem Druck verknüpft habe, derartige Situationen professionell zu meistern. Ich möchte „reif“ sein, weil ich viel gelernt habe und aktiv neue Erfahrungen machen möchte. Und nicht, weil zu viele Menschen Frauen nicht respektieren und alle verunsichert sind, wie damit umzugehen ist. Ich habe auch noch nicht verstanden, wie ich handeln soll. Weglächeln und professionell weitermachen scheint das Problem nicht zu lösen. Wenn ich aber Grenzüberschreitungen aufzeige, dann soll ich „die Kirche im Dorf lassen“.

Für meinen nächsten Lebensabschnitt werde ich selbst darüber entscheiden, wie viel Kind ich noch sein möchte und wie viel Erwachsene. „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch“, wusste schon Erich Kästner. Zum Geburtstag wünsche ich mir eine vernünftige Debatte über dieses Problem. 18 wird man schließlich nur einmal im Leben.




zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen