Schwalbe restauriert : Knattervogel im Wohnzimmer

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Fotos: mili

Thomas Dilewsky aus Lützow hält ein Stück DDR-Geschichte in Ehren: Eine restaurierte Simson-Schwalbe steht bei ihm direkt neben dem Sofa

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25. Juli 2014, 12:00 Uhr

Sie wird verehrt, geliebt und penibel gepflegt: Die Schwalbe. Das Moped aus DDR-Zeiten ist 50 Jahre nach Produktionsstart im thüringischen Suhl zum Kultobjekt avanciert – in Ost und West. Kein Wunder also, dass so mancher Besitzer seinem hübschen Vögelchen ein angemessenes Nest baut. So auch Thomas Dilewsky. Der Lützower bewahrt seinen Zweirad-Klassiker nämlich nicht in einer rumpeligen Garage, einer alten Scheune oder gar im Freien, am Straßenrand, auf. Nein, der 45-Jährige hat sich seine Schwalbe ins Haus geholt. In einer Wohnung über seinem Restaurant „Der Schwedenkönig“ in Gadebusch steht das gute Stück – im Wohnzimmer, direkt neben der Couch. „Hier bekommt sie keine Kratzer“, erklärt er.

Übertriebene Zweirad-Liebe? Nicht unbedingt. Der Grund: Dilewsky beherbergt keine gewöhnliche Schwalbe. Sein Moped ist ein besonders schickes Exemplar mit Eigenheiten, die nicht zur Simson-Grundausstattung gehören. So fehlt unter anderem die markante Schwalben-Narbe auf den Schutzblechen und der Sitz ist verkürzt. Die Gabeln sitzen auf edlen Weißwandreifen und das Nummernschild ist nicht wie üblich hinten, sondern in Anlehnung an Harley Davidson an der Seite angebracht. Zudem verleihen verchromte Verzierungen den auf Hochglanz polierten Flitzer in Schwarz ein hochwertiges Aussehen. „Ich habe die Schwalbe vor drei Jahren einem Gadebuscher abgekauft und von Grund auf restaurieren lassen“, sagt Dilewsky. Der 45-Jährige nutze den Roller, um für sein Restaurant zu werben. Deshalb prangen an den Seiten des Gefährts auch die Internetadresse des „Schwedenkönigs“. Wenn es seine Zeit zulässt, stellt Dilewsky das Prunkstück auf Motorradmessen aus und zeigt es auf Treffen des Gadebuscher Simson Clubs.

Das Moped sieht aber nicht nur gut aus, es ist auch voll funktionsfähig. Denn Dilewsky will damit irgendwann in den Urlaub fahren. „Ich habe den Traum, mir in rund fünf Jahren ein Wohnmobil zu kaufen – mit einer Rampe hinten dran. Da soll sie drauf. Dann kann ich morgens mit ihr – tuff, tuff – zum Bäcker fahren“, erzählt er.

Mit einer Schwalbe zu verreisen, ist für Dilewsky nicht neu. Bereits in seiner Jugend sei er im Sommer mit seiner eigenen Maschine samt Zelt auf dem Gepäckträger an die Ostsee gebraust. „Mit 16 Jahren habe ich eine Schwalbe bekommen. Sie war ahorngelb“, erinnert er sich. „Damit bin ich überallhin unterwegs gewesen, vor allem aber zum Angeln.“ Dafür sei sie perfekt, so der Lützower. „Die Schwalbe ist ja eigentlich als Moped für die Frauen auf dem Land gebaut worden. Sie ist geländetauglich und die Beine sind vor Regen und Dreckspritzern geschützt. Das war auch auf dem Weg zur Disco praktisch“, erzählt er.

Und die Motorleistung sei auch nicht schlecht. Bis zu 3,7 PS sorgen dafür, dass die Schwalbe mit mehr als 60 Kilometern pro Stunde schneller fährt als andere Zweiräder in der gleichen Klasse. „Sie hat einen kleinen, aber starken Motor. Der ist nicht wasser-, sondern luftgekühlt, wie bei Motorrädern. Für die Mittel, die zu DDR-Zeiten zur Verfügung standen, war das Ingenieurskunst“, so Dilewsky. Außerdem seien der knatternde Klang und der Geruch der Abgase einfach unverwechselbar. Der 45-Jährige kann daher nachvollziehen, warum der DDR-Klassiker neue Anhänger findet und sich Schwalbe-Fahrer von einst neu in den Knattervogel verlieben.

Einige bleiben ihrem Liebling auf zwei Rädern sogar fast ein Leben lang treu. Das kann auch Dilewsky bestätigen. Seine Simson-Clique aus Jugendtagen, mit der er viele Ausfahrten unternommen habe, stehe auch heute noch zu dem kultigen Roller. Zwar sei der Großteil – wie auch Dilewsky – längst auf modernere Zweiräder umgesattelt, die Hälfte von ihnen sei aber auch regelmäßig mit ihren Schwalben unterwegs. Und die, wie sollte es anders sein, werden verehrt, geliebt und penibel gepflegt.

Geschäft mit Ersatzteilen

Die Simson-Werke im thüringischen Suhl stellten von 1964 bis 1985 rund eine Million Schwalben her.  Anfang der 1990er Jahre wurde das Unternehmen von der Treuhand geschlossen, 3500 Mitarbeiter verloren ihre Jobs.

Ebenfalls um die Wendezeit erwarb die MZA Meyer-Zweiradtechnik GmbH die Lizenz an der Marke Simson, technische Zeichnungen und Maschinen der ehemaligen Werke. Die Firma, die 2013 ihren Sitz von Kassel nach Suhl verlegt hat, produziert und verkauft auch heute noch Ersatzteile. Damit ist die ehemalige DDR-Marke noch immer ein Wirtschaftsfaktor. Schätzungen zufolge sind gegenwärtig rund eine halbe Million Simson-Zweiräder unterwegs.

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