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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 21:39 Uhr

Kluge Köpfe ziehen vorbei

vom

Positive Bilanz: Ein Jahr nach der Öffnung des Arbeitsmarktes für osteuropäische EU-Bürger lässt sich festhalten: Deutschland hat nicht alles, aber vieles richtig gemacht. Ein Ansturm von Billiglöhnern ist ausgeblieben.

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erstellt am 29.Apr.2012 | 10:16 Uhr

Ein Jahr nach der Öffnung des Arbeitsmarktes für osteuropäische EU-Bürger lässt sich festhalten: Deutschland hat nicht alles, aber vieles richtig gemacht. Ein Ansturm von Billiglöhnern ist ausgeblieben. Stattdessen kommen eher zu wenige, aber gut qualifizierte Migranten aus den anderen EU-Staaten des Ostens. Sie helfen der deutschen Wirtschaft, ihren hohen Fachkräftebedarf zu decken. Und schwarz gearbeitet wird in der Bundesrepublik nach der Grenzöffnung auch weniger. Manche Experten und Wirtschaftsvertreter hätten sich mehr gewünscht. Sie werfen trotz der guten Nachrichten einen Blick zurück im Zorn.

Vor Jahren habe die Bundesrepublik eine Riesenchance verpasst, die besten Köpfe ins Land zu locken. Tatsächlich sind Millionen migrationswillige Osteuropäer kurz nach der EU-Erweiterung nach Großbritannien und Skandinavien ausgewandert, die ihre Arbeitsmärkte schon 2004 öffneten. Welche Emotionen Zuwanderung wecken kann, zeigt derzeit die Schweiz. Die Regierung in Bern hat soeben eine Kontingentierung der Migration aus Osteuropa beschlossen, weil rechte Populisten Front gegen die Einwanderung machen. Die winzigen Zahlen, um die es dabei geht, sprechen Bände: Statt 7000 Arbeitsbewilligungen soll es künftig nur noch 2000 im Jahr geben. In der Schweiz wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Das aber ist der Mechanismus, nach dem Populismus funktioniert und vor dem auch andere EU-Länder inklusive Deutschland nicht gefeit sind.

Die Bundesregierung und die deutsche Politik insgesamt täten daher gut daran, mit dem Thema Zuwanderung verantwortungsvoll und dennoch mutig umzugehen. Niemand im Land, sollte sich auf den frohen Botschaften dieser Tage ausruhen - auch die Unternehmen nicht. Die demografischen Perspektiven für Deutschland sind weiterhin besorgniserregend. Ohne noch mehr und noch bessere Zuwanderer droht Deutschland auch weiterhin langfristig der Abstieg. Deshalb bleibt die Forderung richtig, die starren Strukturen auf dem deutschen Arbeitsmarkt aufzuweichen. Berufs- und Studienabschlüsse von Migranten müssen schneller anerkannt werden. Zu einer echten Willkommenskultur gehört es auch, dass Englisch in deutschen Unternehmen zur gängigen Zweitsprache wird. Und es ist verheerend, wenn hoch qualifizierte Zuwanderer mit fadenscheinigen Begründungen schlechter bezahlt werden als ihre deutschen Kollegen.

Ein Warschauer Wirtschaftsmagazin hat kürzlich eine große Analyse unter der Überschrift "Das Dilemma des polnischen Facharbeiters: Schweiz oder Deutschland?" veröffentlicht. Darin sprachen die Experten eine eindeutige Empfehlung für die Schweiz aus. Dort seien nicht nur die Verdienstmöglichkeiten besser. Auch die Arbeitsvermittlung funktioniere im Gegensatz zu den deutschen Agenturen reibungslos. Zudem würden Schweizer Unternehmen ihren Mitarbeitern sogar Wohnungen stellen und Fortbildungen bezahlen. Die Deutschen dagegen seien auf gut qualifizierte Zuwanderer "schlecht vorbereitet". Kurz: Ein Armutszeugnis. Nur gut also, dass sich die Konkurrenz mit der Schweiz für Deutschland vorerst nicht mehr stellt, weil sich die Eidgenossen mit ihrer Kontingentpolitik selbst aus dem Spiel nehmen. Lernen kann die Bundesrepublik aber sehr wohl von dem ursprünglichen Schweizer Modell. Zuwanderung muss man wollen - dann kommen auch die besten Köpfe. Andernfalls werden die Osteuropäer künftig wohl einfach zu Hause bleiben. Das mag dem einen oder anderen Populisten in Deutschland zwar gefallen. Es ist aber kurzsichtig. Denn auch im Wirtschaftswunderland Polen suchen die Unternehmen dringend Fachkräfte, und die Löhne steigen schnell. Die Konkurrenz schläft nicht.


Hintergrund:
Nur 80 000 Zuwanderer aus OsteuropaKein Ansturm auf den deutschen Arbeitsmarkt: 100 000 Zuwanderer pro Jahr wurden erwartet, lediglich 79 000 Arbeitskräfte aus Mittel- und Osteuropa kamen, berichtete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Dies sei vor allem auf Sprachbarrieren und Unterschiede in den Bildungssystemen zurückführen.


Die stärkste Zuwanderung habe Bayern mit 20 600 Zuwanderern verzeichnet, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 14 800 und Baden-Württemberg mit 11 700 Menschen. Die meisten hätten bei Leiharbeitsunternehmen eine Arbeit gefunden, das Baugewerbe habe 11 000 von ihnen angestellt. Da verhältnismäßig wenige ausländische Arbeitskräfte in Deutschland eine Stelle gesucht hätten, blieben auch die volkswirtschaftlichen Gewinne begrenzt.

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