zur Navigation springen

Was ist gerecht? Wie wichtig ist Freiheit? : Kluft zwischen Volk und Volksvertretern

vom

Die Wertvorstellungen von Bürgern und Politikern gehen zunehmend auseinander. Mandatsträger aus Bund, Ländern und Kommunen halten abstrakte Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität für besonders wichtig.

svz.de von
erstellt am 30.Jul.2013 | 02:58 Uhr

Die Wertvorstellungen von Bürgern und Politikern gehen zunehmend auseinander. Mandatsträger aus Bund, Ländern und Kommunen halten abstrakte Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität für besonders wichtig. Die Bevölkerung setzt dagegen eher auf konkrete Tugenden wie Ehrlichkeit, Respekt oder Zuverlässigkeit. Das ergab eine aktuelle Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die gestern vorgestellt wurde. Die Studienleiter warnten Politiker davor, die Bodenhaftung zu verlieren, und rieten ihnen, "vom Planeten Politik" herunterzukommen.

YouGov hatte zwischen Anfang Juni und Mitte Juli in mehreren Etappen mehr als 1000 Volksvertreter aus Bund, Ländern und Kommunen und mehrere tausend Bürger befragt, um die Wertvorstellungen von Bürgern und Politikern zu vergleichen. Bereits 2011 hatte das Institut eine solche "Wertestudie" veröffentlicht. Damals hatten beide Seiten - Bürger wie Politiker - angegeben, dass Ehrlichkeit bei ihnen ganz oben auf der Werteskala steht. Bei der Bevölkerung war das Votum aber weit eindeutiger ausgefallen als bei den Mandatsträgern. In der aktuellen Umfrage rangiert Ehrlichkeit bei den Bürgern immer noch weit vorne. Bei den Mandatsträgern streiten neben Ehrlichkeit dagegen die Gemeinschaftswerte Solidarität und Gerechtigkeit um den ersten Platz.

"Ich habe mich gefragt, ob viele Politiker hier als Antwort in ihren Parteiprogrammen geblättert haben, so abstrakt kommen mir die Antworten teilweise vor", sagte Joachim Klewes. Er ist Leiter der Stiftung Change Centre Foundation, die an der Studie beteiligt war. Die Mandatsträger nennen an vorderster Stelle eher abstrakte Werte wie Gerechtigkeit (63 Prozent), Freiheit (53 Prozent) und Solidarität (51 Prozent). Bei den Bürgern sind die Präferenzen weniger eindeutig, kein Wert erreicht die 50-Prozent-Schwelle. Gerechtigkeit etwa wird auch von den Bürgern häufig genannt (43 Prozent). Ihnen ist laut Studie aber vielmehr ein Kanon von konkreteren Werten wichtig - wie Respekt (44 Prozent), Ehrlichkeit (41 Prozent), Familie (39 Prozent), Zuverlässigkeit (33 Prozent) oder Toleranz (31 Prozent).

Der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann, ebenfalls Initiator der Studie, betonte, es gebe durchaus Überschneidungen im Werteverständnis von Bürgern und Politikern, sie lebten nicht in "vollständig unterschiedlichen Welten". Grundsätzlich stellten die Forscher aber fest, dass die Unterschiede im Werteverständnis zwischen dem Volk und seinen Volksvertretern größer werden. "In der Summe sehen wir, dass die Schere auseinandergeht", sagte YouGov-Vorstand Holger Geißler. Für die Politiker bestehe dabei die Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren.

"Werte-Diskrepanzen kommen immer dann zustande, wenn die Lebenswirklichkeiten sich stark unterscheiden. Ich fürchte, das ist zwischen Politikern und Bürgern oft der Fall", sagte Klewes. "Die Volksvertreter müssen näher an ihr Volk rücken, dann kommt man auch in den Werten zusammen." Gerade der Wahlkampf im Bund und in mehreren Ländern in diesem Jahr biete viel Gelegenheit für Abgeordnete, Bürger direkt zu treffen und ihnen zuzuhören. "Die Politik muss runter vom Planet Politik und wieder stärker auf den Planet Erde zurückkommen."

Der Abstand zwischen Bürgern und ihren Vertretern ist laut Studie je nach Partei unterschiedlich groß: SPD und Linke sind demnach wertemäßig am weitesten von ihren Anhängern entfernt, die FDP ist ihren Wählern hier am nächsten. Einig sind sich Bürger und Abgeordnete allerdings an anderer Stelle: Beide Seiten meinen, dass vor allem Eltern, Erzieher und Lehrer in der Gesellschaft Werte vermitteln und weniger Politiker und schon gar nicht Experten und Prominente. Eine weitere Übereinstimmung: Bevölkerung und Politiker sind der Ansicht, dass Werte in den vergangenen fünf Jahren grundsätzlich unwichtiger geworden sind. Die Bürger (55 Prozent) sind noch etwas häufiger dieser Meinung als die Mandatsträger (39 Prozent).

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen