Rostocker Wissenschaftler : Klimawandel auch an der Ostseeküste spürbar

 Meeresbiologe Prof. Ulrich Bathmann
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Meeresbiologe Prof. Ulrich Bathmann

Wissenschaftler aus Rostock warnt vor Überschwemmungen, Wirbelstürmen und Hitzewellen

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02. Juni 2017, 21:00 Uhr

„Ich hoffe darauf, dass die US-Amerikaner überzeugt davon sind, weiter gegen den Klimawandel zu kämpfen.“ Ulrich Bathmanns Fassungslosigkeit schwingt mit jedem seiner Worte mit. Der Meeresforscher vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) schaut besorgt auf die aktuellen Entwicklungen in den USA: Am Donnerstag verkündete US-Präsident Donald Trump, dass die Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Pariser Abkommen zum globalen Klimaschutz aussteigen werden. Klimaforscher wie Bathmann können darüber nur den Kopf schütteln. „Die USA sind weltweit der zweitgrößte Produzent von Klimagasen und damit ein wichtiger Partner in dem Prozess, das Klimasystem zu stabilisieren“, erklärt der Wissenschaftler. Er fürchtet die Effekte des Ausstiegs, unter anderem Mehrausgaben für Staaten, die sich für den Klimaschutz einsetzen. „Der Ausstieg der USA aus dem Abkommen könnte zudem einen Schneeballeffekt auslösen. Weitere Staaten könnten dem Beispiel folgen.“

Dabei seien die Folgen des Klimawandels bereits deutlich spürbar. In den vergangenen 100 Jahren konnten Forscher einen Anstieg der Durchschnittstemperatur von etwa 0,8 Grad messen. Bis zum Jahr 2100 rechnen sie mit einem Anstieg von bis zu 6,5 Grad, wenn nichts dagegen unternommen wird. Jedoch könnten bereits ab zwei Grad schwerwiegende Folgen auftreten: Jahrhundertfluten, Dürren, Wirbelstürme. Auch der Wasserspiegel der Ostsee steigt wärmebedingt – „stärker als im globalen Mittel“, sagt Bathmann. Dies hänge mit tektonischen Veränderungen in Skandinavien zusammen: Die Skandinavische Platte hebe sich alle 100 Jahre um bis zu einen Meter. Weil das Magma unterhalb des Erdmantels dabei nach Norden wandert, kommt es vor allem im südlichen Küstenbereich der Ostsee zu einer Landsenkung. Flutkatastrophen sind die Folgen. Neue Küstenschutzkonzepte müssten entwickelt werden, möglich wäre laut Barthmann zum Beispiel die Einrichtung von temporären Überflutungsbereichen.

Im Kontext des Klimawandels stünden Forscher grundsätzlich vor der Herausforderung, die natürlichen Veränderungen des Klimas von denen durch den Menschen herbeigeführten Veränderungen zu unterscheiden, erklärt Bathmann. Das IOW ist an Modellstudien des Intergovernmental Panels on Climate Change (IPCC) beteiligt. Die Institution der Vereinten Nationen trägt den wissenschaftlichen Stand der Klimaforschung zusammen und bewertet das Voranschreiten des Klimawandels sowie die Gefährdungspotenziale, die von der Erderwärmung ausgehen. Das IOW habe dabei die Aufgabe, regionale Auswirkungen abzuschätzen. „In der Ostsee ist ein deutlicher Anstieg von Pflanzenmeersalzen nachweisbar, ausgelöst durch den Einsatz von Düngemitteln an Land. Dadurch kommt es zu einer erhöhten Produktion von Algen, und die wiederum zehren Sauerstoff“, beschreibt Bathmann. Dadurch entstünden in den tiefen Ostseebecken sauerstoffarme Gebiete, in denen höhere Lebewesen wie Fische nicht überleben können. „Sauerstoffarme Gebiete gab es schon immer, aber sie sind deutlich mehr geworden.“

Seit 1880 messen Klimaforscher einen kontinuierlichen Anstieg von Kohlenstoffdioxid (CO2) in der Erdatmosphäre. „Wenn sich CO2 im Wasser ablässt, entsteht Kohlensäure. Der ph-Wert sinkt und das Wasser wird saurer. Dies beeinträchtigt kalkbildende Organismen wie Korallen oder Plankton“, verdeutlicht Bathmann. „Aus unseren Beobachtungen ziehen wir zahlreiche Hinweise, dass menschliche Aktivitäten das System Erde verändern.“

Auch der Rostocker Meteorologe Reiner Tiesel beobachtet Veränderungen. „Die subtropische Hochdruckzone hat sich nach Norden verschoben. Die Jahresmitteltemperatur ist in 20 Jahren um 0,4 Grad angestiegen. Das ist ein eindeutiges Zeichen für eine thermische Klimaveränderung.“ Die steigenden Temperaturen hätten ihren Preis: Hitze- und Trockenperioden, Gewitter, schwere Sturmböen, unwetterartige Regenfälle. „Selbst Tornados, auch über der Ostsee, bilden sich infolge des höheren Wärmepotenzial intensiver und öfter aus als früher“, sagt Tiesel.

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