zur Navigation springen

Größte Rückrufaktion Deutschlands : Klick – und weg ist die dicke Luft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bei VW läuft die größte Rückrufaktion der deutschen Automobilgeschichte. Händler sind zuversichtlich. Betroffene fragen sich: Bleibt die Leistung der Fahrzeuge erhalten?

svz.de von
erstellt am 22.Feb.2016 | 05:00 Uhr

Der KfZ-Mechaniker verlegt Kabel in den Motor und den Innenraum des Autos. Danach ein kurzer Blick auf den Rechner und ein paar Klicks, bis die Verbindung zum Fahrzeug aufgebaut ist. Dann geht der Mechaniker weg, betreut andere Kunden für ungefähr 20 Minuten – und schon ist es beseitigt: das manipulierte Programm, das die Abgaswerte beschönigt und VW in die Krise gestoßen hat.

So beschreibt ein Mitarbeiter von VW den Rückruftermin von betroffenen Kunden. Seinen Namen nennen will er aber nicht. Auch durfte unsere Redaktion auf Nachfrage kein Autohaus besuchen, um sich den Vorgang einmal anzuschauen. Aber alles wäre super, sagten sie.

Seit dem 27. Januar läuft der VW-Rückruf, der größte aller Zeiten: Der Autobauer aus Wolfsburg muss deutschlandweit bei 2,4 Millionen Fahrzeugen nachbessern. In Mecklenburg-Vorpommern sind 35 000 bis 45 000 Autos mit VW-Diesel-Motoren des Typs EA 189 unterwegs, in denen der Konzern wissentlich ein illegales Programm eingebaut hat, um zu vertuschen, dass die Aggregate mehr Stickoxyde ausstoßen als erlaubt. Ende des Jahres soll alles wieder in Ordnung sein; alle Motoren sich dann innerhalb der Norm bewegen. Der Plan von Volkswagen: Die betroffenen Fahrzeuge werden per Chargen in die deutschlandweit 2175 autorisierten Werkstätten gerufen; geordnet nach Hubraum und Modell. Bis zum August alle Fahrzeuge mit 1,2-Liter- oder 2-Liter-Motoren, danach folgen die 1,6-Liter-Maschinen, bei denen der Austausch des Programms nicht ausreicht. Zusätzlich müssen die Werkstätten noch ein Bauteil einsetzen. VW informiert die Halter mit zwei zeitlich versetzten Schreiben. Im ersten eröffnen die Wolfsburger dem Kunden, dass sein Fahrzeug betroffen ist. Im zweiten folgt die Aufforderung, mit einer autorisierten Werkstatt einen Termin auszumachen.

Fahrer des Amarok kennen den Ablauf schon: Der Kleinlaster ist das erste Modell, das VW zurückrief. Laut Angaben des Konzerns seien 4300 der 8000 in Deutschland zugelassenen Amaroks bereits mit dem neuen Programm ausgestattet. „Bislang verlief alles ohne Probleme“, sagt Christina Birne, Geschäftsführerin des Autohaus Birne in Bad Doberan. Ihre Werkstatt hat in den letzten drei Wochen 20 Amaroks umgerüstet. Das seien nicht viele Fahrzeuge, erzählt sie, aber der Kunde habe sowieso die Möglichkeit, sich die VW-Werkstatt für den Rückruf auszusuchen.

In MV gibt es 34 VW-Händler und 11 autorisierte Servicebetriebe, also 45 Anlaufstellen für die manipulierten Modelle. Jeder Betrieb wird sich rein rechnerisch um 800 bis 1000 Fahrzeuge kümmern müssen. Kein Problem, glaubt Birne. Auch nicht, dass ab Ende Februar der beliebte Passat mit zwei Litern Hubraum das neue Programm verpasst bekommt. Die Kapazitäten seien verfügbar, es dauere ja nur ca. 20 Minuten. Und wenn der Halter nicht warten will, stelle ihm das Autohaus ein Fahrzeug, ein Taxi oder Fahrkarten für den Bus. „Viel zeitintensiver sind die Gespräche mit dem Kunden“, sagt Birne. „Sie wollen genau wissen, was mit dem Auto passiert. Zum Beispiel, ob sich nach dem Update die Leistung verschlechtert?“

Träte dieser Fall ein, kann der Kunde vom Händler eine Minderung einfordern. Denn: Juristisch sei die Abgasaffäre als ein Mangel der Kaufsache anzusehen, erklärt Matthias Wins, Jurist bei der Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern.

„Der Händler bekommt also rechtlich die Möglichkeit, den Mangel zu beheben.“ Sein Tipp: Das Fahrzeug vor und nach dem Anpassen kontrollieren lassen, um seine Rechte zu wahren. Es sei nämlich der Kunde, der nachweisen müsse, dass das Fahrzeug nach dem Update mit schlechteren Werten fährt als vorher. Der ADAC hat bereits reagiert. Für seine Mitglieder testet der Automobilclub stichprobenartig, ob sich das Verhalten der Autos mit neuem Programm zum Schlechten verändert. „Wir wollen damit nicht VW ärgern“, sagt Christian Hieff, Pressesprecher vom ADAC Hansa, „sondern prüfen, ob der Verbrauch oder die Motorleistung gleich bleibt.“ Getestet werden soll deutschlandweit über drei bis vier Wochen mit zehn Fahrzeugen, auf öffentlichen Straßen und dem Prüfstand. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) testet das Verhalten der Fahrzeuge ebenfalls, allerdings schon vorher. Denn erst, wenn das KBA nach den Tests sein Okay gibt, darf VW die betroffenen Modelle in die Werkstatt rufen. Der richtige Weg, findet Christina Birne. Wenn jetzt wieder irgendetwas falsch liefe, sagt sie, „dann können wir unsere Autohäuser schließen. Die Beziehung zum Kunden wäre nicht mehr zu kitten.“

Übrigens: Für das Aufspielen des neuen Programms erhält jede Werkstatt pro Fahrzeug 60 Euro, ohne Mehrwertsteuer; der zeitliche Mehraufwand durch Dokumentation und Gespräche mit dem Kunden nicht mal eingerechnet. Bei diesem Aufwand, meint der VW-Mitarbeiter, sei der Betrag lächerlich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen