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Kleines Filmfest mausert sich und wagt kontroverse Themen

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erstellt am 03.Aug.2012 | 10:51 Uhr

Ahrenshoop | Entwickelt sich in Mecklenburg-Vorpommern ein weiteres Filmfest? Im Programm der 8. Ahrenshooper Filmnächte und in der Jury finden sich zumindest prominente Namen: Burghart Klaußner, Renate Krößner, André Hennicke, Franziska Petri… "Wir machen einen großen Schritt in diesem Jahr", sagt Stefan Fichtner, der als Künstlerischer Leiter das Programm verantwortet, das vom 8. bis 12. August in der ehemaligen Künstlerkolonie Ahrenshoop zu sehen ist. Es gibt erstmals einen Spielfilm-Wettbewerb, bei dem ein Haupt- und ein Publikumspreis vergeben werden. Eine Konkurrenz zum renommierten Filmkunstfest in der Landeshauptstadt - für das Fichtner bis vor wenigen Monaten als Künstlerischer Leiter tätig war - sei das aber nicht, betont Fichtner: "Bei vielen Filmen hat sich erst lange nach Schwerin entschieden, dass sie nach Ahrenshoop kommen." Sechs Spielfilme gehen ins Rennen. Vier sind Erstlingswerke der Regisseure und Regisseurinnen.

Besonders kontrovers wird sein, das kann man voraussehen: Christian Klandts "Little Thirteen". Er erzählt von der 13-jährigen Sarah. Sie und ihre etwas ältere Freundin Charly können die Jungs schon nicht mehr zählen, mit denen sie im Bett waren. Sex - das ist für die Mädchen der Ersatz für die Nähe, die sie in ihren fragmentierten Familien nicht finden. Und, pardon, die schnelle Nummer und die Gangbang-Partys sind eben die Art von Sex, wie sie ihn aus dem Internet kennen. Aber Gymnasiast Lukas, den Sarah im Internet kennenlernt, ist ganz anders. Zumindest scheint es so… Der Film, der bereits in den Kinos ist, schockiert in Wort und Bild.

Filmemacher Christian Klandt sagt, er sei durch einen Radiobericht auf das Thema gestoßen und habe dann ausgiebig recherchiert. "Das sind Geschichten aus Deutschland, nicht nur aus dem Prekariat, sondern auch aus der Mittelschicht", erzählt der Regisseur, der in Beeskow aufgewachsen ist. Das Geschehen in seinem Spielfilm - Gymnasiasten, die mit selbstgedrehten Porno-Videos handeln, Jugendliche, für die Gruppensex nichts Neues ist, und Mädchen, die mit ihrer Mutter um Männer konkurrieren - beruhe auf realen Vorbildern. "Ich habe von einem Mädchen gehört, das als Fünfjährige seine Mutter mit Männern im Bett gesehen hat - und dann mit elf auf einer Party das erste Mal Sex hatte." Sex werte das Selbstvertrauen der Jugendlichen auf: "Sie sagen sich: In der Schule kann ich nichts, aber im Bett kann ich etwas." Natürlich spiele auch der Konsum von im Internet verfügbaren Filmen eine Rolle: "Die Jungs haben deshalb kein Faible für romantische Stimmungen, weil in den Pornos immer alles hart ausgeleuchtet ist." Was in den Medien als sexuelle Verwahrlosung angeprangert werde, sei Konsequenz eines Mangels: "Was Jugendliche in familiären Beziehungen vergeblich suchen, finden sie in der Sexualität: Sie fühlen Liebe, solange der eigene Körper begehrt wird." Er sei gespannt, wie das Publikum in Ahrenshoop den Film aufnehmen werde, sagt Klandt.

Premieren sind die sechs Wettbewerbsfilme nicht. "Das wäre auch ein bisschen viel verlangt", sagt Festival-Chef Fichtner. Die Filmnächte in Ahrenshoop könnten um Uraufführungen nicht mit den etablierten Filmfesten konkurrieren. Eröffnungsfilm ist "Invasion" von Dito Tsintsadze, einem Psychodrama nicht ohne Humor, in dem ein einsamer Witwer ein paar entfernte Verwandte und deren Anhang bei sich aufnimmt, was natürlich nicht gut ausgeht… Hauptdarsteller Burghart Klaußner ("Das weiße Band") will extra seinen Ostsee-Segeltörn unterbrechen, um den Film vorzustellen.

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