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Filmkunstfest 2014 : „Kleines Festival schöner als große“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Filmkunstfest 2014: Was man merken kann, wenn man nichts merkt, und wie eine kaputte Stimme der Stimmung keinen Abbruch tut

svz.de von
erstellt am 11.Mai.2014 | 20:53 Uhr

Zwei große Namen des deutschen Films prägten dieses 24. Filmkunstfest MV besonders, auch wenn sie nicht das taten, was sie eigentlich von Berufs wegen tun.

Andreas Dresen, einer der erfolgreichsten Filmregisseure seiner Generation, rockte mit dem Schauspieler Axel Prahl den ausverkauften großen Saal des Schweriner Festivalkinos Capitol mit Liedern von Gundermann bis Rio Reiser. Zudem sprach er im Rahmen einer gleichfalls übervollen Veranstaltung in der Sparkasse über sein Leben mit dem Autor Hans-Dieter Schütt, der das Buch „Glücks Spiel“ über Dresen geschrieben hat. Auch Dresen selbst kann schreiben, wie er mit einer Erzählung über eine denkwürdige Nacht in Moskau bewies.

Der andere Name: Hanna Schygulla, Fassbinder-Muse und Darstellerin unsterblicher Frauenfiguren in „Die Ehe der Maria Braun“ oder „Lili Marleen“. Sie nahm als Ehrenpreisträgerin den Goldenen Ochsen für das Lebenswerk entgegen. Aber nicht das, und wir wollen uns diesen Kalauer nicht verkneifen, machte die große Schygulla sprachlos, sondern eine ganz gemeine Bronchitis. Sie kam dennoch nach Schwerin, wohnte schweigend der deutschen Erstaufführung des poetischen Dokumentarfilms über ihr Leben bei und lieh sich bei der gestrigen Lesung aus ihrer Autobiografie „Wach auf und träume“ die warme Stimme der Schweriner Schauspielerin Brigitte Peters. Bei der Preisgala am Sonnabend aber hauchte sie dann doch fast stimmlos ins Mikrofon: „Stimme kaputt, aber nur kurz. Danke!“ Um dann noch ein Kompliment hinzuzufügen: „Kleines Festival oft schöner als große.“ Stehende Ovationen für eine gerührte Hanna Schygulla.

Bevor wir den neuesten Klatsch aus der Filmbranche erzählen wollen, die nüchterne Bilanz eines guten Filmfestjahrgangs mit kinofreundlich schlechtem Wetter. Nach Angaben des neuen Festivalchefs Volker Kufahl kamen an den sechs Tagen Dauerkino von früh bis spät mehr als 15 000 Zuschauer und damit gut 1000 mehr als 2013. „Ich war angetreten, verloren gegangenes Vertrauen in das Filmkunstfest zurückzugewinnen“, so Kufahl. „Das ist unserem Team gelungen. Ich bin sehr glücklich über die Publikumsresonanz auch für die Nebenreihen außerhalb der 40 Beiträge im Spiel-, Dokfilm- und Kurzfilmwettbewerb.“ Das große Interesse etwa für die Defa-Reihe über Wendekinder, bei der zum Teil Protagonisten von damals dabei waren, oder der ausverkaufte Filmabend mit Herbert Köfer in der Schweriner Volkszeitung zeige, dass dieser Teil der Filmgeschichte zum Festival auch künftig unbedingt dazugehören muss. Auch die Filme des Gastlandes Türkei wurden ebenso wie die Dokfilme mit großem Interesse angenommen.

Zur „moderaten und vorsichtigen Weiterentwicklung“, so Kufahl, gehören auch Überlegungen über eine mögliche internationalere Ausrichtung des Festivals. Das beim nächsten, dem 25. Jubliläumsfilmfest, auch wieder einen Festivalclub haben sollte.

Was konnten wir den Filmleuten am Rande des Festivals ablauschen? Andreas Dresens neuer Film „Als wir träumten“ über eine Leipziger Jugendgang zur Wendezeit wird bald Premiere haben. Auch Christian Schwochows Film „Bornholmer Straße“, eine Komödie über die Nacht der Maueröffnung mit Charly Hübner, ist fertig. Und Odine Johne, die bezaubernde Gewinnerin des Nachwuchsdarstellerpreises wird mit ihrem Preisgeld in die USA fliegen, um in Palm Springs ihren Film „Nocebo“ zu präsentieren.

„Wie Sie merken, merken Sie nichts“, freute sich Kultusminister Matthias Brodkorb bei der Eröffnungsgala über ein Filmkunstfest in ruhigem Fahrwasser. Auch wenn wir ihm grundsätzlich ungern zustimmen. Der Mann hatte Recht.

 

Spielfilmwettbewerb

„Risse im Beton“, Regie Umut Dag, Hauptpreis „Der Fliegende Ochse“ (10 000 Euro)

„Viktoria – A Tale of Grace and Greed“, Regie Men Lareida, NDR-Regiepreis (5000 Euro)

„Jack“, Regie Edward Berger, Publikumspreis, gestiftet von der Schweriner Volkszeitung (2500 Euro)

„Zeit der Kannibalen“, Regie Johannes Naber, Preis für beste Musik- und Tongestaltung (3000 Euro)

„Anderswo“, Regie Ester Amrami, FIPRESCI-Preis der Jury der deutschsprachigen  Filmkritik (undotiert)

„Poka – heisst Tschüss auf Russisch“ Regie Anna Hoffmann: Förderpreis der Defa-Stiftung (4000 Euro)

Darstellerpreis: Murathan Muslu  in „Risse im Beton“,  gestiftet von Sky (3500 Euro)

Nachwuchsdarstellerpreis: Odine Johne in „Nordland“, gestiftet von den Stadtwerken Schwerin (2500 Euro)

Dokumentarfilmwettbewerb: „Zum Beispiel Suberg“, Regie Simon Baumann, gestiftet von der Sparkasse Mecklenburg-Schwerin (5000 Euro)

Kurzfilm-Wettbewerb: „Kann ja noch kommen“, Regie  Phillip Döring, Preis der Landeshauptstadt (4000 €)
 

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