Festspiele Mecklenburg-Vorpommern : Kleine, aber feine Wundertüte

Spaß am Improvisieren:  Jazzcellist Stephan Braun und Percussion-Virtuose Alexej Gerassimez
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Spaß am Improvisieren: Jazzcellist Stephan Braun und Percussion-Virtuose Alexej Gerassimez

Noch bis zum Sonntag lassen die Festspiele MV ihren „Jahrmarkt der Sensationen “ durchs Land touren – ein Spaß für die ganze Familie

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13. Juli 2018, 12:00 Uhr

Der Mann muss Knochen aus Gummi haben: Vor den staunenden Augen der Zuschauer verbiegt Peter Shub seine Finger so sehr, dass schon das Zuschauen weh tut. Dann schlüpft er in seinen Trenchcoat und hängt sich damit samt Kleiderbügel an einer Stange auf. Erstaunte Ausrufe, lautes Lachen und immer wieder Szenenapplaus begleiten den Auftritt des unauffälligen Mannes, der doch ein Weltstar ist: Mit Roman Polanski hat der gebürtige Amerikaner gearbeitet und mit Loriot, im Zirkus Roncalli ist er aufgetreten – und jetzt tourt er mit dem „Jahrmarkt der Sensationen“ der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern durchs Land.

Bereits zum dritten Mal gehen die Festspiele mit einem musikalischen Wanderzirkus auf Reisen – und wieder überraschen sie die Zuschauer und -hörer sowohl mit alten Bekannten als auch mit neuen Gesichtern. Das Besondere daran: „Es sind Künstler, die sich vorher nicht kannten“, erklärt Festspiel-Intendant Markus Fein das Konzept des Jahrmarktes. Flexibel, dialogbereit und aufgeschlossen für Neues müssten sie sein – und Spaß daran haben, ganz nah am Publikum zu arbeiten. Im Preisträger in Residence des vergangenen Jahres, Alexej Gerassimez, fanden die Festspiel-Macher dafür ebenso einen aufgeschlossenen Partner wie im – ebenfalls schon bei den Festspielen preisgekrönten – SIGNUM saxophone quartet und dem Jazzcellisten Stephan Braun. Auch der Jongleur Jay Gilligan, der Clown Peter Shub und Deutschlands einziger Daumenkinograf Volker Gerling nahmen die Einladung in den Nordosten nur zu gern an.

„Natürlich schauen wir im Vorfeld schon, wer zu einander passen könnte. Der Jongleur zum Beispiel zum Percussionisten. Aber letztlich sind es die Künstler selbst, die das Jahrmarktsprogramm gestalten – und dabei auch ganz viel improvisieren“, so der Intendant. Erst am Montag hätten die gemeinsamen Proben angefangen. Die Premiere am Mittwochabend auf dem Rehnaer Klostergelände war so selbst für die Festspielmacher eine kleine, aber feine Wundertüte – in der jeder eine andere Überraschung fand. Für die Einen waren es die Adaptionen bekannter Melodien beispielsweise von Astor Piazzolla und Chick Corea – und ganz besonders Pink Floyds „Wish you were here“ in einer Fassung für vier Saxophone und ein Marimbaphon. Andere lebten bei den Eigenkompositionen der Musiker auf, die ihren Reiz dadurch bekamen, dass auch die Bälle des Jongleurs zu Taktgebern wurden.

Ganz oben in der Gunst des Publikums, das in Gruppen von einer Station zur nächsten über das Klostergelände zog, stand aber Volker Gerling mit seinen Daumenkinos. Er ist ein echter Jahrmarktskünstler und seit 2003 mit seinem Bauchladen bereits 4000 km überwiegend durch Deutschland gelaufen. „Ich reise ohne Geld und lebe nur von dem, was mir Menschen geben, denen ich meine Daumenkinos zeige“, erzählte er – und dass diese Menschen ihm zugleich neue Motive lieferten. Er frage „seine Opfer“ natürlich, ob er sie fotografieren dürfe, verrate ihnen aber nicht, dass er statt einer einzelnen binnen zwölf Sekunden gleich 36 Aufnahmen machen wird. Das merkten sie erst an den wiederkehrenden Klick-Geräuschen der alten Nikon-Kamera: Beinahe jeder reagiere darauf irgendwann, verziehe zumindest das Gesicht oder fange sogar an, etwas vorzuspielen.

Auch in der Natur findet der Berliner Motive für seine Daumenkinos. Und eins hat er 2006 sogar bei der Fußball-Heim-WM aufgenommen – in den letzten Tagen, in denen sich Deutschland Weltmeister nennen darf, ein besonderer Hingucker. Bis zum Sonntag, wenn auch die Fußball-WM enden wird, ist der musikalische Wanderzirkus der Festspiele noch im Land unterwegs: Nach zwei Tagen in Rehna macht er heute Abend im Rostocker Zoo Station. Am Sonnabend gastiert er in Ulrichshusen und am Sonntag in Stolpe bei Anklam. Für die beiden Wochenend-Termine gibt es noch Restkarten.

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