Renft-Musiker Christian Kuno Kunert : Klein-Otto und die „Ringelbeats“

Christian Kuno Kunert bei seiner Buchlesung in der Galerie 'ebe' in Parchim.
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Christian Kuno Kunert bei seiner Buchlesung in der Galerie "ebe" in Parchim.

Der ehemalige Renft-Musiker Christian Kuno Kunert feiert seinen 65. und startet eine Karriere als Roman-Autor

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22. Mai 2017, 05:00 Uhr

Ein Sonntagvormittag in der Galerie "ebe" in Parchim. Im großen Ausstellungsraum sind alle Plätze besetzt. Am Lesepult sitzt der Autor Christian Kuno Kunert, liest Ausschnitte aus seinem jüngst erschienenen Debüt-Roman. Der heißt "Ringelbeats" und handelt nicht, wie von vielen hier versammelten Rock-Fans erwartet, von der legendären Rockband, in der Kunert vor Jahrzehnten eine wichtige Rolle spielte. „Warum sollte ich über Renft einen Roman schreiben?“, fragt Kunert in die Runde. Und beantwortet die Frage gleich selbst: „Dann hätte ich ja gar nichts mehr zu erzählen!“ Mit 19 Jahren wurde der ehemalige Thomaner Christian Kunert als Keyboarder Kuno in die Klaus Renft Combo aufgenommen. „Ich war der Jüngste in der Band, hatte am Anfang keine Ahnung, was da auf mich zukommen sollte. Klaus Renft wurde in Leipzig und Umgebung die Nase genannt. Er war ein echtes Schlitzohr und hatte ein Gespür für begabte junge Talente.“

Tatsächlich verstand es der Bandleader, den Nachwuchs zu begeistern und fest an seine im DDR-Underground berühmte Band zu binden. Bereits 1958 absolvierte der 16-jährige Klaus Jentzsch erste musikalische Auftritte, gründete die Klaus Renft Combo. Der Mädchenname seiner Mutter wurde zum späteren Markenzeichen des DDR-Rock. In den 60er Jahren erlebte die zuerst an anglo-amerikanischen Vorbildern orientierte Band alle Höhen und Tiefen des DDR-Kulturbetriebs. Nach einem Spielverbot im Jahre 1965 schlüpfte Bandleader Renft für einige Zeit in der in Leipzig aufstrebenden Singebewegung unter, traf dort spätere Weggefährten wie Kurt Demmler und Gerulf Pannach. Bei der Stasi war die Renft-Combo berüchtigt, wurde seit 1964 unter dem Decknamen “Wanderer” observiert. Der zweite Frühling der DDR-Rockmusik begann 1969. Er bescherte der Klaus Renft Combo zunächst ein Personal-Karussell. Das ständige Wechselspiel brachte jedoch kreative Höhenflüge, die bemerkenswerte Songs hervorbrachten. Renfts alte Singeklubpartner steuerten Texte bei. Sie waren meilenweit besser und tiefgründiger als alle Schlager der Konkurrenz. Mit der Besetzung Kuno, Cäsar, Monster, Pjotr & Jochen Hohl stabilisierte sich das Bandgefüge um Bandleader Renft und setzte ab 1972 zum Höhenflug an. Treue Fans folgten der Band seit Jahren von einem sächsischen Landgasthof zum anderen. Als im Jahr 1973 die erste Amiga-LP unter dem schlichten Titel „Klaus Renft Combo“erschien, ging die Band buchstäblich durch die Decke, ließ selbst starke Konkurrenz wie die Puhdys alt aussehen.

Den kreativen Höhepunkt in der kurzen Geschichte der „legendären“ Renft-Besetzung bildet die 1974 unter dem abgekürzten Bandnamen „Renft“ veröffentlichte zweite LP. Sie ist der Meilenstein des DDR-Rock der 70er Jahre, vergleichbar in seiner Wirkung mit dem Sgt. Pepper-Album der Beatles. Den großen Erfolg konnten auch Verbot und staatlich verordnete Auflösung nicht verhindern.

Kunert landete im Stasi-Knast, wurde nach West-Berlin abgeschoben und machte dort im Duo Pannach & Kunert weiter. Er arbeitete für Film, TV und Bühne und nahm nach dem Fall der Mauer auch temporär am einsetzenden Renft-Revival teil. 2006 verlor Kunert sein Hörvermögen.

„Die Musik ist mir mittlerweile abhanden gekommen.“ kommentiert Kunert, der bei öffentlichen Auftritten nun nur noch Texte liest und spricht. In Parchim macht er eine Ausnahme. Er singt als Zugabe die berühmte „Rockballade vom kleinen Otto“. Ein kurzer, um so bewegender Moment in einem Künstlerleben, das gerade zu einem neuen Höhenflug ansetzt.

Kunert feierte am Sonnabend seinen 65. Geburtstag. Sein Roman „Ringelbeats“ ist laut eigener Beschreibung „ein Märchen voller Realität, gewürzt mit etwas Irrsinn und dem unvermeidlichen Ernst des Lebens.“ Das höchst unterhaltsame Buch erzählt von einer Zeit, „an die sich manch einer gern und andere nur mit Grausen erinnern, von der aber noch nicht abschließend geklärt ist, ob es sie wirklich gegeben hat.“ Ganz typisch Christian Kuno Kunert.


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