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Konzert: Friends-Projekt : Klassisches Woodstock in Hasenwinkel

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Auf dem das Schloss Hasenwinkel steht Beethovens Quintett für Klavier und Bläser auf dem Programm. Matthias Schorn durchmischt seine mehr als 20 Konzertprogramme für die dreimonatige Festspielzeit.

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erstellt am 10.Jul.2013 | 11:42 Uhr

Hasenwinkel | "Woodstock" prangt es in großen Buchstaben auf dem braunen T-Shirt von Josef Reif. Love, peace and happiness liegen in der heißen Sommerluft, die jungen Menschen auf dem grünen Rasen geben sich ihrer künstlerischen und friedliebenden Seite hin. Doch Bethel ist weit, 44 Jahre nach dem legendären Festival spielt die Musik nicht auf einer Farmwiese im US-Bundesstaat New York, sondern in - Hasenwinkel auf dem Schlossrasen. Und auch Josef Reif gibt sich nicht dem Gedenken an das große Hippie-Treffen hin, vielmehr erinnert das Shirt des Wiener Hornisten an das diesjährige "Woodstock der Blasmusik" in der beschaulichen oberösterreichischen Prärie des Innviertels.

Abgeschieden liegt auch das Schloss Hasenwinkel, nur dass in der mecklenburgischen Idylle eben weder Funk noch Soul auf dem Programm stehen, sondern Beethovens Quintett für Klavier und Bläser. Zumindest an diesem Mittag, denn Matthias Schorn, der diesjährige Preisträger in Residence der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (FMV), hat seine mehr als 20 Konzertprogramme für die dreimonatige Festspielzeit vielfältig durchmischt. Natürlich auch für sein "Friends"-Projekt, für das der Klarinettist gleich 20 musikalische Freunde ins Schloss eingeladen hat: Inzwischen zum Seminarhotel umgewandelt, hat die Nordmetall-Stiftung als Hausherr und FMV-Sponsor das Herrenhaus den Musikern für eine Woche überlassen, damit sie hier von morgens bis abends für ihre fünf Konzerte in den kommenden Tagen proben können.

"Du bist jetzt der Prinzipal von Hasenwinkel", hat Intendant Matthias von Hülsen den 30-Jährigen augenzwinkernd zum Auftakt in den vorübergehenden Adelsstand erhoben und angesichts des Traumwetters auch eine Vorhersage gewagt: "Rabbits Corner zeichnet sich dadurch aus, dass alle hier nur ungern wieder abreisen mögen." Und angesichts der romantischen Verwunschenheit Hasenwinkels scheint es in der Tat gut möglich, dass der eine oder andere Musiker vor lauter Begeisterung seinen Aufenthalt hier noch verlängert bis zum Open Air-Konzert des Pianisten-Kollegen Jonathan Gilad mit der Polnischen Kammerphilharmonie in neun Tagen im Schlosspark.

Aktuell indes heißt es erst einmal, eifrig zu proben - und das keineswegs nur in den wohl bekannten Bahnen von Mozart bis Mahler. "Mir ist das musikantische Element sehr wichtig", beschreibt Schorn den dramaturgischen Leitgedanken für sein "Friends"-Projekt. "Ich möchte in jedem Programm möglichst viele verschiedene Facetten der Musik aufzeigen." Ein Anspruch, der gelegentlich auch den Meister des schlanken, dunklen Klangs selbst ins Schwitzen bringt: Nicht etwa im Schubert-Oktett oder in der Kammerfassung von Mahlers Vierter, nein, es ist eine "Miniatur" von und mit Georg Breinschmid, die Schorn nicht ganz so locker aus dem schwarzen Holz fließen will. Was indes nicht an den Tönen liegt, sondern am vertrackten Jazz-Rhythmus: Ist doch sein "Freund" am Kontrabass mittlerweile vor allem in den Jazz-Clubs zu Hause und eine Zählzeit im Jazz swingt nun einmal anders als in der Klassik.

Gut, dass da neben Breinschmid mit dem Tastenvirtuosen Jarkko Riihimäki, Trompeter Thomas Gansch und Geiger Benjamin Schmid noch weitere Jazz-erprobte Musiker mit von der Partie sind. "Eigentlich bräuchten wir hier einen Schlagzeuger, der so ein Schüttelding bewegt", rätselt Oboistin Marie-Luise Modersohn angesichts der "Bourgeoise"-Suite des Briten Malcom Arnold über die Tempo-Frage. Zum Glück sitzt solch einer im Proben-"Publikum" und weiß auf Nachfrage sogleich Rat: "Es könnte ein bisschen ruhiger sein, ein wenig mehr laid back", meint Thomas Lechner. Locker und entspannt wirkt der Percussionist auch selbst - dabei ist der Schlagwerker der Wiener Philharmoniker nach der Absage Martin Grubingers ziemlich kurzfristig in Hasenwinkel eingesprungen. Und muss sich hier nun gleich in die Uraufführungsnoten eines Quartetts von Gansch einarbeiten! Doch der 27-Jährige tänzelt locker hinter seinem Marimbaphon, lässt sich sogar von einem fliegenden Schlegel-Wechsel an die Trommel nicht aus der Ruhe bringen. "Ich kann nur sagen: Tausend Dank - ich bin sehr froh, dass Du das machst", sagt sein Orchesterkollege Schorn entsprechend glücklich.

Zumal sich Lechner selbst bei der Jam-Session kurz vor Mitternacht auf der Cajon nicht aus dem Rhythmus bringen lässt, als Breinschmid und Riihimäki eine ausgelassene Rumba aufs Parkett legen. Ein kleiner Vorgeschmack auf das Konzert heute Abend, wenn es in Zippendorf heißt: "Schorny spielt auf", und neben der Klassik vor allem Blues, Folk und Pop den Strandpavillon s(ch)wingen lassen. "Saugeil!" befindet der "Gastgeber" denn auch und reicht ein Tablett frisch gezapfter Biere in die Runde - "das ist wegen der Intonation und des Rhythmus…". Mag Woodstock auch weit sein: Entspannter und künstlerisch erfüllender als hier in Hasenwinkel kann es damals im Kreis von Janis Joplin und Jimi Hendrix garantiert nicht gewesen sein.

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