Festspiele MV in Ulrichshusen : Klassik mit Herz und Humor

Das Schloss Ulrichshusen war das Herz des „Pavillon Moderne“.
1 von 5
Das Schloss Ulrichshusen war das Herz des „Pavillon Moderne“.

Die Festspiele MV luden für drei Tage rund ums Schloss Ulrichshusen in den „Pavillon Moderne“ – nicht nur etwas für Eingeweihte

von
29. August 2016, 20:00 Uhr

Wenn ein Weltstar wie Kent Nagano beim Frühstück einen Tisch neben dir sitzt, er am Nachmittag im Saal von Schloss Ulrichshusen von seinen jungen Jahren als dreimal im Jahr arbeitsloser und oft hungriger Dirigent in Boston plaudert und du ihn später gemeinsam mit vielen Gästen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern bei einer ausnahmsweise öffentlichen Probe in der Festspielscheune beobachten kannst, der Maestro locker mit hochgekrempelten Hemdärmeln – spätestens dann weißt du, dass der „Pavillon Moderne“, ein kleines Festival innerhalb der Festspiele, eingefahrene Gleise des klassischen Klassikbetriebs verlassen hat.

Das Format der Pavillons der Jahrhunderte, das Festspielintendant Markus Fein ersonnen hat, ist ein Mix aus Konzerten, Film, Literatur und Bildender Kunst, bei der Musik im Spiegel der Künste ihrer jeweiligen Zeit beleuchtet wird. Am vergangenen Wochenende wurde er eingebettet in die idyllische Landschaft um das Schloss Ulrichshusen als Herz des „Pavillon Moderne“, den Besucher einzeln am Freitag, Sonnabend und Sonntag oder gleich an allen drei Tagen besuchen konnten. Markus Feins Motto – „Wer mehr weiß, hört mehr“ – erfuhr dabei in zehn Veranstaltungen die fantasievollsten Ausprägungen: Gesprächskonzerte mit Werkausschnitten stimmten etwa auf die Abende ein. Das junge, wilde vision string quartet begeisterte mit Schostakowitsch und Gershwin. Die beiden niederländischen Pianisten Luca und Arthur Jussen spielten zu vier Händen Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, ein Ballett, das bei seiner Pariser Uraufführung im Mai 1913 zu einem der größten Skandale der Musikgeschichte avancierte. Unglaublich, welche Töne die beiden jungen Brüder dem Flügel entrissen – als spielte ein ganzes Orchester. Vor diesem Konzert las der Schauspieler Martin Heckmann aus Florian Illies Buch „1913“ und ließ die Geister von Kafka, Stalin, Freud oder Thomas Mann in der Festspielscheune erscheinen.

Bei einem als „Kuriositätenkabinett“ angelegten Sonntagsspaziergang amüsierte sich das Publikum über Hindemiths „Ouvertüre zum Fliegenden Holländer, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt“ (vision string quartet). Das frantic percussion ensemble trommelte im Schlosspark auf Ikea-Tellern, bis nur noch Scherben als Instrumente übrig waren, und bis zum Gürtel im Wasser stehend, entlockten die vier jungen Herren auch allerlei Metallen und Holzgefäßen im Zusammenspiel mit dem Wasser sphärische Klänge. Umjubelter Höhepunkt war das monumentale, sinfonische Mosaik „Turangalila“ von Olivier Messiaen, nach dem Kent Nagano und sein gewaltiges Philharmonisches Staatsorchester Hamburg bejubelt und gefeiert wurden.

Wer vor diesem Pavillon noch geglaubt hatte, die Musik der Moderne sei immer schrill, dissonant und überhaupt todernst, wurde an diesen drei Spätsommertagen eines Besseres belehrt. 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen