Interview : Klares Ja zur Kondompflicht

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Bezahlter Sex ohne Gummi ist jetzt verboten - Aber wer kontrolliert das eigentlich?

svz.de von
07. September 2017, 08:00 Uhr

Ein neues Gesetz soll Prostituierten mehr Schutz bieten. Doch wie sinnvoll sind die neuen Regeln? Die Leiterin einer Beratungsstelle für Prostituierte in Rostock, Sandra Kamitz, erklärt im Gespräch mit Udo Roll, wo die Probleme liegen.

Was halten die Prostituierten von dem neuen Gesetz, dass sie besser vor Ausbeutung und Zwang schützen soll?

Momentan treffen wir in Rostock eher auf verunsicherte und ängstliche Klientinnen. Da sich die Frauen selbst nicht als schutzbedürftig sehen, sind sie momentan aufgrund des erhöhten Aufwandes und der vielen offenen Fragen hauptsächlich überfordert. Vor allem für Sexarbeitende, die keinen Wohnsitz in der BRD haben, aber regelmäßig hier arbeiten, ist das neue Gesetz eine große Herausforderung.

Ist denn erkennbar, ob sich die Situation für Frauen in der Sexbranche verbessert?

Das ist zurzeit schwer einzuschätzen. Unklar ist zum Beispiel in MV wie viele Anlaufstellen es für die Pflichtberatungen geben wird. Wir würden es begrüßen, wenn die Anmeldung flächendeckend möglich wäre und nicht nur an einem oder zwei Standorten.

In staatlicher Pflichtberatung, Registrierung und Kontrolle sehen wir als parteiliche Beraterinnen aber langfristig keine Verbesserung der Situation von Sexarbeiterinnen.

Warum nicht?

Die verpflichtende Anmeldung mit Ausweis und Passfoto kommt aus unserer Sicht einem Zwangsouting gleich. Eine zweite wichtige Frage für uns ist der Datenschutz.

Wir wissen aktuell nicht, was mit den erhobenen persönlichen Daten der Sexarbeiterinnen passiert. Diese Unklarheiten könnten dazu führen, dass Prostituierte vielleicht erwägen, sich nicht anzumelden. Grundsätzlich kritisieren wir, dass das Gesetz die gesellschaftliche Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen in keiner Weise berücksichtigt und sie pauschal zu Schutzbedürftigen erklärt werden.

Was wären Alternativen?

In der Arbeit mit Prostituierten spielt Vertrauen eine enorm wichtige Rolle. Die finanziellen Mittel für die Einrichtung der Behörden sollten besser in ein flächendeckendes kostenloses, freiwilliges und anonymes Beratungs- und Hilfsangebot für Prostituierte fließen. Dazu gehören auch konkrete Arbeitsstandards und eine Gewerkschaft aber auch staatlich geförderte Ausbildungsprogramme für Ausstiegsmotivierte.

Wie geht die Branche mit der Kondompflicht um?

Das ist ein großes Thema in der Szene. Prinzipiell begrüßen die Prostituierten die Kondompflicht. Sie können Wünsche nach ungeschütztem Sex jetzt ganz klar mit dem Hinweis ablehnen, dass das illegal wäre.

Aber wer kontrolliert das?

Das ist der Haken an der Sache. Kommt die Polizei oder kontrolliert das Ordnungsamt - diese Fragen stellen wir uns auch. Paradox ist, dass uns Sexarbeiterinnen berichten, nun häufiger Anfragen nach ungeschütztem Sex zu erhalten.

Aus unserer Sicht wäre es sinnvoll, potentielle Kunden über die Kondompflicht mit einer Aufklärungskampagne zu informieren. Dann würde die gesamte Verantwortung nicht allein bei den Prostituierten liegen.

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