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Kopfschuss mit Folgen : Klage nach Polizeipanne in Lutheran

vom
Aus der Onlineredaktion

Mann wird von Polizei mit einem Kriminellen verwechselt und angeschossen – jetzt fordert er Schmerzensgeld

svz.de von
erstellt am 18.Okt.2017 | 06:00 Uhr

Der bei einem umstrittenen und aufsehenerregenden Polizeieinsatz in der Nähe von Parchim durch einen Kopfschuss schwer verletzte Mann hat die Hansestadt Hamburg auf Schmerzensgeld und Schadenersatz verklagt. Die Forderungen beliefen sich auf mindestens 90 000 Euro, teilte der Anwalt des Geschädigten, Benjamin Richert, gegenüber unserer Redaktion mit. Sein Mandant habe durch grob fehlerhafte und widerrechtliche Diensthandlungen mehrerer Beamter ein Auge verloren und sei seit dem Zwischenfall Anfang 2016 schwerbehindert, sagte Richert weiter.

Der missglückte Polizeieinsatz im Dorf Lutheran (Ludwigslust-Parchim) hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt: Der junge Mann war am 12. Februar in einem geliehenen Auto unterwegs, als er in Lutheran von zwei zivilen Polizeifahrzeugen eingekeilt wurde. Beamte des Mobilen Einsatzkommandos der Hamburger Polizei hatten ihn mit einer in der Hansestadt gesuchten Rotlichtgröße verwechselt, die verhaftet werden sollte.

Der missglückte MEK-Einsatz in Lutheran sorgte bundesweit für Schlagzeilen
Der missglückte MEK-Einsatz in Lutheran sorgte bundesweit für Schlagzeilen Foto: Michael-Günther Bölsche
 

Der Mann soll das Auto stark beschleunigt und ein Einsatzfahrzeug vor sich gerammt haben. Ein Polizeibeamter vor diesem Fahrzeug sei, so die Staatsanwaltschaft, von dem Wagen erfasst und am Knie verletzt worden. Ein anderer Polizist habe zwei Warnschüsse abgegeben, ein dritter schließlich „in Nothilfe“ auf den Autofahrer geschossen. Die Polizeikugel traf ihn am Kopf, er lag mehrere Tage im Koma.

Anwalt Richert weist die Darstellung der Staatsanwaltschaft zurück. Sein Mandant habe erst an einen Verkehrsunfall, dann an einen Überfall geglaubt, erklärte er. Die Beamten seien nicht als Polizisten erkennbar gewesen. Sie hätten Leder- und Armeejacken sowie Sturmhauben getragen. „Der Fluchtreflex wurde durch die Polizei selbst provoziert“, kritisierte Richert. Sein Mandat habe in Notwehr gehandelt. „Er hatte Angst um Leib und Leben“, sagte Richert. Der Polizei-Einsatz sei völlig mangelhaft vorbereitet und durchgeführt worden. Die Beamten seien sich unter anderem gar nicht sicher gewesen, ob in dem Wagen auch wirklich der Gesuchte sitzen würde. Den Zugriff der Spezialeinheit bezeichnete Richert als durch nichts zu rechtfertigenden Gewaltexzess. „Der Beamte hätte nicht schießen dürfen“, so der Rechtsanwalt.

 

Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft in Schwerin handelte der Beamte rechtmäßig. Die Ermittlungen gegen den Schützen wurden bereits eingestellt. Gegen den verletzten Autofahrer wurde dagegen im August vergangenen Jahres Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte erhoben.

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