Nach Missbrauchsfällen : Kirche predigt Achtsamkeit

Nach dem Missbrauchsskandal, der seit 2010 die katholische Kirche bundesweit erschütterte, setzt diese verstärkt auf Vorbeugung. Dazu gehört kein gemeinsames Duschen von Kindern und Betreuern im Zeltlager und

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27. Juni 2012, 10:21 Uhr

Schwerin | Keine besonderen Geschenke für den Lieblingsministranten, kein gemeinsames Duschen von Kindern und Betreuern im Zeltlager, keine "herausgehobenen, intensiven freundschaftlichen Beziehungen" zwischen Erziehern und Schutzbefohlenen. Nach dem Missbrauchsskandal, der seit 2010 die katholische Kirche bundesweit erschütterte, setzt das katholische Erzbistum Hamburg verstärkt auf Vorbeugung.

Erzbischof Werner Thissen, zu dessen Diözese auch die 40 000 Mecklenburger Katholiken zählen, hat eine "Präventionsordnung" erlassen, die künftig in allen 95 Pfarrgemeinden, den 315 Sozialeinrichtungen und 24 Schulen seines Bistums gelten soll. Gestern wurde sie in Hamburg der Öffentlichkeit vorgestellt. Für Vorpommern, das in der katholischen Kirche zum Erzbistum Berlin gehört, hatte Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki bereits im April ein Dokument in Kraft gesetzt.

"Unser Ziel ist die Verhinderung von sexueller Gewalt in unseren kirchlichen Einrichtungen und die Förderung einer Kultur der Achtsamkeit", so die Präventionsbeauftragte des Erzbistums, Mary Hallay-Witte. Spätestens bis Ende 2013 sollen alle 400 Priester, Diakone und pastoralen Mitarbeiter des Erzbistums eine zweitägige Schulung zur Vorbeugung von sexuellem Missbrauch absolviert haben. Auch die meisten der 6000 Caritas-Mitarbeiter in der Erzdiözese sollen entsprechende Fortbildungen durchlaufen, und in Jugendverbänden, wie dem BDKJ, sollen rund 500 ehrenamtliche Gruppenleiter weiterqualifiziert werden.

In Mecklenburg werden die Fortbildungen künftig von der im Verein "Dunkelziffer e.V." engagierten Opferberaterin Carmen Kerger-Ladleif geleitet werden. "Wir wollen gezielt das Know-How der Opferverbände nutzen", so Hallay-Witte. Geistliche, Jugendmitarbeiter, Lehrkräfte an kirchlichen Schulen und Erzieher in Kindertagesstätten sollen ferner alle fünf Jahre ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Und in der Kinder- und Jugendarbeit engagierte Ehrenamtliche sollen in einer Selbstverpflichtung dokumentieren, dass sie keine Sexualstraftaten begangen haben.

Wie Hallay-Witte betonte, gilt die neue Präventionsordnung auch für erwachsene Schutzbefohlene etwa in Behinderteneinrichtungen. "Eine Studie der Universität Bielefeld zeigt, dass 20 bis 34 Prozent der Frauen mit Behinderungen in Kindheit und Jugend sexuellen Missbrauch durch Erwachsene erlebt haben." Der Beauftragte für Fragen der sexuellen Gewalt an Minderjährigen und Personalreferent der Erzdiözese, Domkapitular Ansgar Thim, zufolge seien dem Erzbistum seit Beginn des Missbrauchsskandals rund 50 Verdachtsfälle bekannt geworden. In 38 Fällen halte das Erzbistum die Beschuldigungen für so glaubhaft, dass die Opfer für die von der Deutschen Bischofskonferenz beschlossenen "Anerkennungsleistungen" in Betracht kommen: Dabei handelt es sich um eine Zahlung von 5000 Euro sowie die Übernahme von Therapiekosten "in Anerkennung des erlittenen Leids". Alle Fälle seien an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden, aufgrund von Verjährung oder Tod des Beschuldigten liefen derzeit jedoch gegen keinen Priester Ermittlungen.

In MV leben etwa 53000 Katholiken

40000 Katholiken leben im Mecklenburger Landesteil, der zum Erzbistum Hamburg gehört, und 13000 in Vorpommern, das zum Erzbistum Berlin gehört. In Mecklenburg treffen sie sich in 25, in den letzten Jahren oft zu größeren Einheiten fusionierten Pfarrgemeinden zum Gottesdienst, im Dekanat Vorpommern des Erzbistums Berlin gibt es 26, meist weit kleinere Gemeinden. Im ganzen Bundesland betreibt die katholische Kirche 20 Kindertagesstätten und drei katholische Schulen.

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