Balkonsturz: Acht Jahre Haft für den Vater gefordert : „Kind kann nur geworfen worden sein“

Von einem Balkon im dritten Stock des Hauses im Rostocker Blockmacherring soll der Vater die Dreijährige geworfen haben. dpa
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Von einem Balkon im dritten Stock des Hauses im Rostocker Blockmacherring soll der Vater die Dreijährige geworfen haben. dpa

Im Prozess um den Balkonsturz der kleinen Jessie in Rostock fordert die Staatsanwaltschaft acht Jahre Haft für den Vater des Mädchens. Er soll seine dreijährige Tochter über die Brüstung des Balkons geworfen haben.

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12. September 2012, 06:50 Uhr

Rostock | Der Blick geht acht Meter in die Tiefe. Der Moment ist Staatsanwältin Tanja Bittins gut im Gedächtnis. Acht Meter tief! Es ist ein Unterschied, ob man von der Höhe redet - oder ob man sie tatsächlich vor Augen hat. Wie beim Ortstermin im Rostocker Stadtteil Groß Klein, den die Strafkammer des Landgerichts im Laufe dieses ungewöhnlichen Prozesses anberaumt hatte. Warf der 44-jährige Angeklagte seine drei Jahre alte Tochter wirklich über die Brüstung dieses Balkons, von der dritten Etage des Plattenbaus? Die Anklagevertreterin jedenfalls ist davon überzeugt.

In ihrem Plädoyer gestern vor dem Rostocker Landgericht erinnert sie noch einmal an den Augenblick, als sie mit den anderen Prozessbeteiligten auf jenem Balkon gestanden hat, der Ausgangspunkt der Tat gewesen sein soll. Einer „unvorstellbaren“ Tat, wie sie betont. „Papa vom Balkon geschmeißt“ – das soll die Kleine der Passantin gesagt haben, die das Kind im Januar nahezu unverletzt auf dem matschigen Rasen fand. Ein Satz, den es auch gegenüber Nachbarn, Polizei und Notarzt wiederholte. Wie es tatsächlich auf den Rasen gelangte, das freilich hat kein Zeuge beobachtet. Niemand sah das. „Auch mein Mandant nicht“, sagt Rechtsanwältin Katja Milewski. Der sei auf dem Sofa eingeschlafen und als er aufwachte, sei das Kind verschwunden gewesen.

Gutachterin hegt Zweifel

Der Angeklagte, seit der Kindheit Diabetiker, hatte in früheren Vernehmungen von einem Zuckerschock gesprochen. Im Prozess machte er keine Angaben. Die Verteidigerin folgt nun seiner Version. Es gebe nur einen Zeugen – das Kind selbst. Und dessen Aussage, die den Vater gleich im Januar hinter Gitter brachte, zog eine Gutachterin in Zweifel. Nicht eigenes, sondern „Erwachsenen-Erleben“ stecke hinter diesem Satz.

Vielleicht, so vermutet die Anwältin, hat das Kind ja den Nachbarn vom Balkon ein Stockwerk tiefer brüllen gehört. „Ich glaube, der hat sein Kind vom Balkon geschmissen“, habe der nämlich seiner Frau zugerufen, die daraufhin umgehend nach unten lief. Ein Satz, den das Kind aufgegriffen haben könnte. Denn Nachfragen der Gutachterin habe die Kleine vehement verneint – wie etwa die Frage, ob der Vater sie hochgehoben hat. „Ich will zu Papa“, sei schließlich der nächste Satz gewesen, den das Kind damals sagte.

Bis heute sei das Verhältnis gut zwischen Vater und Tochter, betont die Anwältin. Völlig unbefangen laufe sie bei Besuchen im Gefängnis auf ihn zu. „Liebevoll“ - so haben auch Nachbarn den Umgang des Vaters mit seinem Kind beschrieben. Die Eltern lebten zwar getrennt, doch hatte er das Kind oft betreut. Sie jedenfalls hege erhebliche Zweifel an der Schuld ihres Mandanten, sagt die Verteidigerin und fordert Freispruch.

Als „liebevoll“ hat sich der Angeklagte nun während des Prozesses nicht gerade präsentiert. Mehr als einmal brauste er aus nichtigem Anlass auf und fuhr selbst den Vorsitzenden Richter an. Daran erinnert die Staatsanwältin. Nachbarn hatten von Krach aus der Wohnung berichtet, kurz bevor das Unglück geschah. Nicht nur das spricht gegen den Angeklagten. Das Kind sei nicht von allein über die Brüstung geklettert und gesprungen. „Es kann nur geworfen worden sein“, sagt Tanja Bittins.

Als Beweis führt sie die Faserspuren von der Kleidung des Mädchens an, die in den Zweigen des Baumes gefunden wurden. Der stand mehr als zwei Meter vom Balkon entfernt – und rettete dem Kind vermutlich das Leben. Zudem hatten zwei Sachverständige einen Zuckerschock des Angeklagten zur Tatzeit ausgeschlossen.

Karsten T. sei des versuchten Totschlags schuldig, fasst die Staatsanwältin zusammen und fordert eine hohe Freiheitsstrafe: acht Jahre. Das Gericht will das Urteil am Montag verkünden.

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