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400 Jahre alte Promotions-Schrift : Kepler kehrt nach Stralsund zurück

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Stralsund bekommt eine 400 Jahre alte Druckschrift des berühmten Astronomen Johannes Kepler zurück. Der New Yorker Buchhändler Hill wird sie am Dienstag persönlich übergeben.

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erstellt am 10.Apr.2014 | 11:52 Uhr

Ganz Stralsund, so scheint es, freut sich auf den „Kepler“. Noch vor Ostern soll die 400 Jahre alte Promotions-Schrift des weltbekannten Astronomen in die Hansestadt zurückkehren. Damit wäre eine der vielen Wunden geschlossen, die der verhängnisvolle Verkauf der historischen Gymnasialbibliothek vor zwei Jahren aufriss. Gleichwohl bleiben Blessuren – und offene Fragen.

Für 182 000 Euro bot der New Yorker Buchhändler Jonathan A. Hill Anfang des Jahres die „Mysterium Cosmographicum“ des Johannes Kepler und zwei weitere seiner Schriften im Internet an. Sie stammten aus einem Konvolut von gut 600 Schriften, die die Stadt 2012 nach einigem Hin und Her an den bayerischen Buchhändler Peter Hassold für gerade einmal knapp 10 000 Euro verkauft hatte.

Der Appell an sein buchhändlerisches Gewissen, aus dem großen Fehler der Stadt kein Kapital zu schlagen, bewog Hill offenbar, die Schriften für jene mutmaßlichen 44 000 Euro an Stralsund zurück zu geben, die er selbst dafür bezahlt hatte. Die Volksbank Stralsund wird den Rückkauf finanzieren.

Auch andere Kostbarkeiten sind inzwischen zurück in der Hansestadt. Burkhard Kunkel streicht über einen abgegriffenen hellbraunen Einband, öffnet die beiden seitlichen Schnallen und schlägt vorsichtig den Buchdeckel auf. „Diese Kostbarkeit hat die Universität Basel für uns vom Markt genommen“, erzählt der städtische Beauftragte für die historischen Bücher der Stadt. Die griechisch-lateinische Bibel gehörte dem Stralsunder Poeten Zacharias Orthus (1530-1579). Auch die Bayrische Staatsbibliothek ersteigerte einen einzigartigen „Türkendruck“ aus dem 16. Jahrhundert und überließ ihn der Hansestadt. Die Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel steuerte eine „Biblia Tamulica“ bei, die bis 2012 in Stralsund zuhause war. Und der Pastor Holger Roggelin brachte aus seiner Wahlheimat in den USA eine Festschrift vorbei, die 1839 zu Ehren eines Stralsunder Schulrats verfasst wurde. Er hatte sie bei einer Internet-Auktion erworben.

Burkhard Kunkel bastelt an einem Netzwerk von Archivaren und Bibliothekaren, in dem sich Stralsunder Bücher verfangen sollen. Ständig durchforstet er einschlägige Internetseiten nach Exemplaren mit dem kleinen Stempel, der die Gymnasialbibliothek als frühere Besitzerin ausweist. 45 000 Euro aus dem Stadtsäckel hat Kunkel bis 2015 zur Verfügung, um bibliophile Schätze zurückzukaufen. 18 Bände sind bereits nach Stralsund zurückgekommen. Aber viele Bücher fehlen noch, darunter eine einzigartige Mond-Studie des Danziger Astronomen Johannes Hevelius und eine Schrift des berühmten Mathematikers Leonhard Euler. Kunkel brauche noch 585 Bände, „um die Identität der Gymnasialbibliothek wieder herzustellen“, sagt er. Er sagt nicht, dass es sich um Bücher handelt, die im Juni 2012 an Hassold verkauft wurden. Die Bücher wurden kistenweise nach Bayern gebracht, eine detaillierte Liste gibt es nicht.

Offenbar verkauften die einstige Leiterin des Stadtarchivs, Regina Nehmzow, und ihr Vorgänger bereits vorher zahlreiche Bücher aus den historischen Beständen. Die Stadt schweigt dazu und verweist auf die Staatsanwaltschaft, die gegen Nehmzow wegen Untreue ermittelt. Weder Hassold noch Nehmzow wollen mit den Medien reden. Nehmzow, die in Greifswald Germanistik und Geschichte studierte und an der Sektion Marxismus-Leninismus promovierte, beruft sich auf einen gerichtlichen Vergleich mit der Stadt, durch den sie nach ihrer fristlosen Kündigung wieder eingestellt wurde.

Kunkel appelliert an die „Ehrenhaftigkeit und die Vernunft“ der Buchhändler, Antiquare und Sammler, weitere Bücher zurückzugeben, die über Hassold auf den Markt gelangt sind. Für den Verkauf der Gymnasialbibliothek hat er einen Vergleich parat: „Das war so, als wenn man auf dem Kirchturm einen Sack Federn entleert hätte.“ Kunkel ist Optimist: „Wenn genügend Leute mitmachen, kann man sie alle wieder aufsammeln.“

130 000 Bücher hat die Stadt inzwischen zum Restaurieren ins Zentrum für Bucherhaltung nach Leipzig geschickt. Zurückgeholt werden sie erst, wenn ein neues modernes Depot ausgebaut ist.



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