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Bundesweites Pilotprojekt : Kellnern lernen im Winter

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Für die nächsten drei Winter kann Margret Beccard nach vielen Jahren Ungewissheit mal wirklich planen. Die 52-Jährige aus Wredenhagen gehört zu den 49 Frauen und Männern, für die ein bundesweites Pilotprojekt begann.

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erstellt am 01.Nov.2013 | 09:46 Uhr

Waren | Für die nächsten drei Winter kann Margret Beccard nach vielen Jahren Ungewissheit mal wirklich planen. Die 52-Jährige aus Wredenhagen (Kreis Mecklenburgische Seenplatte) gehört zu den 49 Frauen und Männern, für die gestern ein bundesweites Pilotprojekt der Bundesagentur für Arbeit mit ungelernten Arbeitskräften in der Tourismusbranche begann. "Sonst wäre ich über Winter wohl wieder arbeitslos gewesen", sagt Beccard, die eigentlich Agraringenieurin ist, aber in einem Hotel am Müritz-Nationalpark als ungelernte Servicekraft arbeitete. Kein ungewöhnlicher Lebenslauf an der bei Touristen beliebten Seenplatte, wie sich bei allen Teilnehmern des Pilotprojektes zeigt.

"Sie sind bundesweit Pioniere in dieser Ausbildungsform", erläutert Ellen Grull von der Neubrandenburger IHK, die die Maßnahme zusammen mit der Arbeitsagentur und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Mecklenburg-Vorpommern entwickelte. Die Frauen und Männer im Alter zwischen Anfang 20 und Mitte 50 werden in Waren über drei Wintersemester hinweg bis 2016 zu Fachkräften für Hotels und Gaststätten qualifiziert. Das Projekt nutzt vielen: Die Teilnehmer würden von November bis April nicht arbeitslos, und die 14 Firmen bekämen geschulte Fachkräfte. Die Arbeitsagentur, die fast 100 Prozent der Kosten trägt, könne so Bildung finanzieren und müsse nicht nur Arbeitslosengeld zahlen.

"Diese Form der Bildung ist ideal: In der Saison sind die Arbeitskräfte in ihren Firmen, in der besucherschwachen Zeit werden sie geschult und gehen den Firmen nicht verloren", erläutert Gerd Schröter vom Dehoga-Landesverband.

Mike Breck, gelernter Pflanzenbauer, ist seit Jahren bei einem großen Schifffahrtsunternehmen beschäftigt und musste - wie seine Frau - die Winter immer anderweitig überbrücken. "Im Umgang mit den Gästen und beim Servieren müsste ich noch einiges lernen", gibt er zu. Das kann Tourismusexperte Schröter nur bestätigen. "Wir haben noch immer ein Qualitätsproblem." Viele Häuser könnten von der Ausstattung als Vier-Sterne-Einrichtung zertifiziert werden, aber wenn die Bedienung nicht stimme, gebe es mit den Gästen Ärger. So belässt es Schröter mitunter lieber bei "einem Stern weniger".

"Ich will meine Kenntnisse erweitern, die Techniken ausfeilen", erklärt Agraringenieurin Beccard, die auch vier Kollegen mitgebracht hat. Mit dem Abschluss in der Tasche habe sie größere Chancen, auch in anderen Häusern. Vielleicht gibt es auch eine bessere Bezahlung, das sei aber nicht ihr erstes Ziel. Neben dem theoretischen Unterricht werden die Teilnehmer ihre Kenntnisse wöchentlich in Lehrküchen und -restaurants auch gleich anwenden.

"Wir haben eine Studie erarbeitet, dass besser qualifizierte Arbeitskräfte in ihrem Leben rund 300 000 Euro mehr verdienen, was sich auch auf ihre Altersversorgung auswirkt", erklärt Kornelia Gruel von der Arbeitsagentur.

Durch die sehr auf den Sommer fixierte Tourismussaison im Nordosten steigt ab Herbst auch die Arbeitslosenquote immer stark. Die Region Mecklenburgische Seenplatte hatte zuletzt mit 12,7 Prozent eine deutlich höhere Erwerbslosenquote als bundesweit und im Landesdurchschnitt, der bei 10,6 Prozent lag.

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