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Neues Denken für MV : Keine Zukunft ohne Arbeit und Gemeinschaft

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Aus der Onlineredaktion

Soziologe André Knabe regt neues Denken für Mecklenburg-Vorpommern an – „eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Europas“

svz.de von
erstellt am 15.Jan.2017 | 09:00 Uhr

Es ist ein Teufelskreis: Bevölkerungsschwund – schlechter werdende Lebensbedingungen – Abwanderung – noch mehr Bevölkerungsschwund. „MV ist eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Europas“, sagt André Knabe vom Lehrstuhl für Makro-Soziologie der Uni Rostock. „Hier passieren bestimmte demografische Prozesse jetzt schon, während sie in anderen Regionen noch bevorstehen. Deshalb gibt es hier viele Menschen, die Probleme haben.“

Diese Prozesse nahmen schon vor 30 oder 40 Jahren ihren Anfang – die Folgen sind erst heute zu spüren. „Es gibt hierzulande dünn besiedelte Regionen ohne nennenswerte Kaufkraft, Wirtschaft zieht sich zurück, Infrastruktur und Beratungsangebote nehmen ab, weil es – auf den Einzelnen gerechnet – immer teurer wird, sie aufrechtzuerhalten.“ Dennoch möchten viele Bewohner ländlicher Gebiete nicht in die Stadt ziehen.

Vielleicht haben sie Angehörige zu betreuen, sie besitzen ein Haus als letztes Eigentum, oder sie wollen ihre Kinder nicht aus vertrauter Umgebung reißen. „Dazu kommt Scheu vor dem Unbekannten“, hat Knabe in vielen Interviews gehört. „In ihrem Dorf kennen sie die Menschen – das ist ihnen sicherer als irgendwohin zu gehen, wo sie ganz auf sich gestellt wären.“

Dafür nehmen viele in Kauf, keine wirkliche Perspektive zu haben. „Soziale Anerkennung bekommt man in dieser Gesellschaft hauptsächlich durch Erwerbsarbeit“, sagt der Soziologe. „Dabei gibt es auch andere Tätigkeiten, die Anerkennung bringen sollten, soziales Engagement zum Beispiel.“ Während die Menschen in den Städten sich oft in Begegnungszentren treffen, wo es auch sozialpädagogische Angebote gibt, fehlt dies im ländlichen Raum. Dabei könnten etwa geschlossene Dorfkneipen wieder geöffnet werden, mobile Teams von Sozialpädagogen könnten helfen, wieder etwas auf die Beine zu stellen. Daraus würde sich eine Dynamik entwickeln, damit die Leute besser mit ihrer Situation leben können, meint Knabe.

Mancherorts gibt es tatsächlich schon solche Aktivitäten. Ein Beispiel ist das Pfarrhaus in Ziegendorf bei Parchim, dem engagierte Frauen neues Leben eingehaucht haben. Oder der Dorfladen in Bernitt bei Bützow: Dort können die Bewohner der großflächig verteilten Ortsteile seit Dezember wieder einkaufen – hauptsächlich regionale Produkte –, Postsendungen aufgeben oder einfach Bekannte treffen und miteinander reden. Idealerweise sollte genau aus solchen Initiativen ein sozialer Arbeitsmarkt entstehen, indem die ehrenamtlichen Strukturen professionalisiert werden. Daneben müssten auch geringer qualifizierte Jobs staatlich gefördert werden.

„Politik denkt oft nur kurzfristig – bedacht auf eine schnelle Wirkung. Da kommen negative Botschaften nicht gut an. Auf langfristige Probleme zu verweisen, wird gern vermieden.“ Nötig seien Analysen, tragfähige Handlungskonzepte und vor allem eine Kontrolle, ob und wie diese wirken. „Die ausschließliche Ausrichtung auf kurzfristige, eindimensionale Programme halte ich für gefährlich. Ebenso die Polarisierung in Zentrum und Peripherie, in starke und schwache Gebiete. Wenn es immer mehr Leute gibt, die sich abgehängt fühlen, treten sie nach unten. Sie müssen gehört und mitgenommen werden. Warum sind sie so frustriert, welche Probleme haben sie? Das geht nur mit ihnen zusammen, nicht über sie hinweg.“

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