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25 Jahre Lichtenhagen - Teil 1 : „Keine Zeit, Angst zu haben“

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Aus der Onlineredaktion

Teil 1: 1992 war Wolfgang Richter Ausländerbeauftragter Rostocks. Die Ohnmacht von damals beschäftigt ihn noch heute

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erstellt am 22.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Für Wolfgang Richter ist es beinahe unmöglich. Oft fährt er an dem Haus vorbei, auf der Stadtautobahn in Richtung Ostsee oder zurück ins Rostocker Zentrum. Und fast nie schafft er es: einfach so daran vorbeifahren. Wie ein Reflex, ein schmerzhafter dazu. Er sieht mehr als die 30 Meter hohe Fassade, verziert mit drei überdimensionierten Sonnenblumen. Er sieht die Bilder vom 24. August 1992.

Wolfgang Richter kommt gegen 20 Uhr zum Sonnenblumenhaus, Aufgang Nummer 19, das Wohnheim der Vietnamesen. Er fühlt sich sicher. Geschützt durch das Haus, geschützt von der Polizei, die in der Nähe ist. Und die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber, Stein des Anstoßes, nur einen Aufgang weiter in der Nummer 18, ist seit ein paar Stunden geräumt. Er ist verabredet mit einem Fernsehteam des ZDF, das erste, das sich für die Opfer interessiert. Endlich, denkt er, der Ausländerbeauftragte. Im sechsten Stock werden Kameras aufgebaut, die Gespräche vorbereitet. Draußen ist es vergleichsweise ruhig, nicht wie in den letzten Tagen, als draußen ein Mob wütete, es Steine hagelte, untermalt vom Applaus der Anwohner und Sprechchören: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus.“ „Wir kriegen euch alle.“

Richter geht zum Fenster. Er will nur mal schauen. Was er sieht? Die Polizei ist nicht mehr da. Wenig später geht es wieder los. Jugendliche mit Steinen in den Händen, den Sprechchören auf den Lippen, dahinter Erwachsene, die zuschauen und sie gewähren lassen. Molotowcocktails fliegen auf das Haus, es fängt an zu brennen. Richter eilt hinunter ins Erdgeschoss zur Pförtnerloge. Er wählt die Nummer der Polizeiinspektion in Lütten-Klein. Niemand wird kommen. Richter, das Team des ZDF, Vietnamesen und Deutsche, insgesamt 150 Menschen, sehen dabei zu, wie schwarzer Rauch immer weiter aufsteigt, Stockwerk für Stockwerk, es nach Qualm riecht, das Feuer ihnen den Weg nach draußen versperrt. Richter probiert es noch mal, 45 Minuten später. Jetzt bei der Feuerwehr. Seine Stimme vibriert, Worte wie aus dem Maschinengewehr.
„Ja, passen Sie auf, ich erkläre es Ihnen ganz in Ruhe. Mecklenburger Allee 19.
„Ja.“
„Das Wohnheim der Vietnamesen.“
„Ja.“
„Dort sind 150 Menschen drin, 150 Vietnamesen! Die Polizei hat sich zurückgezogen.“
„Ja.“
„Die Chaoten haben unten das Haus angesteckt.“
„Ja.“
„Die Gase kommen schon hoch, und sie kämpfen sich Stockwerk um Stockwerk hoch. Hier muss sofort, sofort Feuerwehr her und ganz viel Polizei!“

Chronologie: Eskalation der Gewalt

10.12.1990

Es treffen die ersten 120 Asylbewerber in der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen ein, darunter 20 Erstbewerber und 98 bereits in den alten Ländern registrierte und per Quote zugewiesene Flüchtlinge.

1991

Rund 1800 Asylsuchende durchliefen die ZAST. In den Kommunen tauchen die ersten Schwierigkeiten mit der Unterbringung der Bewohner auf. In der ZAST beginnt sich der Bewerberstrom zu stauen.

1992

Im Frühjahr steigen die Zahlen sprunghaft an, insbesondere durch den unkontrollierten Flüchtlingsstrom aus Rumänien. 50 bis 70 Asylbewerber stehen täglich vor der Tür.

Etwa 200 Menschen, zumeist Roma, lagern auf dem Rasen vor der ZAST. Ein Zeltlager am Stadtrand von Rostock wird errichtet. Im Juni-Monatsbericht des Innenministeriums heißt es: „Die in der Gemeinschaftsunterkunft Rostock-Hinrichshagen aufhältigen ausländischen Flüchtlinge konnten durch die ZAST statistisch nicht erfasst werden.“

Juni 1992

Im Juni stehen 394 Quoten-Bewerbern 1364 Erstbewerber gegenüber.

In Lichtenhagen wächst der Unmut der Bevölkerung. Rostocks Innensenator Peter Magdanz (SPD): „Wir hatten ernsthafte Hinweise aus der Bevölkerung, dass es in den nächsten Tagen kracht.“

22. August 1992

Gegen 20 Uhr: Vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, in dem sich die Zentrale Aufnahmestelle  befindet, versammeln sich rund 1000 Menschen. Etwa 300 bis 400 von ihnen beginnen, das Gebäude mit Steinen zu bewerfen. Anwohner feuern  Randalierer an. Nur wenige Polizisten sind vor Ort, werden selbst angegriffen und ziehen sich daraufhin zurück.

Später Abend und in der Nacht:  Die Polizei stockt ihre Einsatzkräfte auf etwa 150 Beamte auf, kann die Lage aber nicht entschärfen. Gegen 2 Uhr morgens treffen zur Verstärkung Wasserwerfer aus Schwerin ein, aber erst gegen fünf Uhr morgens hat die Polizei die Situation vorläufig im Griff.

23. August 1992

Gegen Mittag rotten sich erneut Gewalttäter vor dem Sonnenblumenhaus zusammen. Sie erhalten Unterstützung von bundesweit bekannten Rechtsextremen, so etwa vom berüchtigten Neonazi Christian Worch.

Nachmittag und Abend: Am Nachmittag greifen die zumeist jugendlichen Täter erneut die Aufnahmestelle und das Wohnheim an. Bis 20 Uhr haben sich rund 800 Gewalttäter versammelt.

Später Abend und Nacht: Die Angriffe mit Steinen und Molotowcocktails gehen weiter. Auch die Polizei wird angegriffen. Um 22.30 Uhr löst Lothar Kupfer, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, landesweiten Alarm aus. Um 2 Uhr nachts können Polizisten aus Hamburg sowie Beamte des Bundesgrenzschutzes die Ausschreitungen stoppen.

24. August 1992

Nachmittag: Rostock-Lichtenhagen beruhigt sich. Die ZAST wird geräumt, der Stein des Anstoßes.

Abend: Jetzt eskaliert die Lage. 1000 Gewalttäter randalieren am Sonnenblumenhaus, werfen Steine und Brandsätze. Dahinter 3000 Schaulustige. Es fängt an  zu brennen.

Später Abend und in der Nacht: 150 Menschen sind in Aufgang 19, dem Wohnheim der Vietnamesen, eingeschlossen. Das Feuer arbeitet sich Stockwerk für Stockwerk hoch. Die Polizei zieht sich zurück.

25./26. August 1992

Die Ausschreitungen  gehen weiter. Rechte und Anwohner lassen ihrer Wut freien Lauf. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein. Erst am Mittwoch gegen zwei Uhr morgens ist die Lage unter Kontrolle.

 

Richter, 61, steht zwischen den Aufgängen 18 und 19 in der Mecklenburger Allee; Rostocker Wohnblockidylle: Rabatten im Schatten der Platte, Blumen an Balkonen. Das Sonnenblumenhaus. In der Ferne hört man das Rauschen der Autos auf der Bundesstraße 103, niemand scheint abzubiegen in den Stadtteil Lichtenhagen, der an jenem Abend aufhörte, eine Ortsangabe zu sein. Richters einst schwarze Locken sind ergraut, seine Stimme vibriert nicht mehr, die Worte mit Bedacht gewählt, er wirkt nachdenklich. „Ich kann darüber erzählen“, sagt er, „aber die Bilder sind im Kopf.“ Manchmal ist ihm das zu viel. Einer der Gründe, warum er in den letzten Jahren Gespräche zum Thema auch mal absagte. Irgendwann müsse gut sein. Aber nicht zu reden heißt auch zu vergessen. Das kann und will Richter nicht.

Damals war er Ansprechpartner für Rostocks Ausländer. Mittler wollte er sein zwischen ihnen und der Politik. Helfen. Zuhören. Aufmerksam machen. Berichterstatten. Meist aber fühlte er Ohnmacht. Im Sommer 1991 informierte er den Oberbürgermeister: Draußen in Lichtenhagen, im Sonnenblumenhaus, wo Vietnamesen mit arbeitslosen Deutschen zusammen in einem Block wohnen, und mittendrin die Aufnahmestelle für Asylbewerber – „Ich habe gesagt, dass Gewalttätigkeiten bis hin zu Tötungsdelikten nicht auszuschließen sind. Nie habe ich mir vorstellen können, dass so etwas passiert, was dann ein Jahr später hier war.“

Die Ohnmacht ist wieder da. Richters Stimme wird schärfer, er erzählt vom „hirnlosen Hin und Her“ zwischen dem Rostocker Senat und der Politik in Schwerin. Die Stadt argumentierte damals: Die Aufnahmestelle gehört dem Land und somit auch jedes Problem, das daran hängt. Das Land meinte: Die Asylbewerber vor dem Sonnenblumenhaus, für die drinnen kein Platz ist, die deshalb davor campieren; sie sind obdachlos – und somit Sache Rostocks. Richter schüttelt energisch den Kopf. Es hätte Sozialarbeit gebraucht, Perspektive auf Arbeit, eine größere Unterkunft. Damals wie heute, so findet Richter: Integration ist vor allem, einen klaren Plan zu haben, wie man mit denen umgeht, die neu in einem Land sind.

Ein ausgetretener Pfad führt vom hinteren Teil des Sonnenblumenhauses zum Stadtteiltreff an der Güstrower Straße. Man bekommt alles, wenn man nur will: der Fachmarkt für Raumgestaltung, der Discounter, die Drogerie, der Handy-Laden, der Paket-Shop, der Friseur, die Imbissbude. 1992 war da die Kaufhalle, sonst viel freie Fläche. Damals nahm man sich alles, was man brauchte. Wolfgang Richter zeigt auf die Balkone im Erdgeschoss des Blocks, unter den Vorsprüngen schliefen die Flüchtlinge. In der Kaufhalle nebenan wurde geklaut. Weil es keine Toiletten gab, wurden Büsche oder Bäume aufgesucht. Es wurde gebettelt.

Richter ist sich dessen bewusst, wenngleich er sagt: „Da muss man sicherlich aufpassen.“ Er stellt Gegenfragen. Was macht man, wenn keine Toiletten da sind; gegen die sich Rostocks Innensenator Peter Magdanz mit der Begründung stellte, man würde die Zustände am Sonnenblumenhaus sonst legalisieren? Wenn es keine Finanzierung für den Lebensunterhalt gibt? Es sollen keine Entschuldigungen sein, für niemanden. Das ist ihm wichtig. Unzumutbar waren die Zustände für alle; die Geflüchteten aus Osteuropa, die Vietnamesen, sie waren „selbstverständlich unzumutbar für die deutschen Anwohner“.

Als in Lichtenhagen die Steine flogen, war Wolfgang Richter jeden Tag da. Er blieb sich treu. Er wollte doch Mittler sein. Helfen. Zuhören. Aufmerksam machen. Berichterstatten. Er wurde selbst zum Opfer. Nach seinen beiden Notrufen versuchten Vietnamesen, eine schwere und verschlossene Tür aufzubrechen, die zum Dach führte. Sie nahmen sich eine Eisenstange, es dauerte eine Stunde. Das Feuer war immer näher gekommen. Keine Polizei. Keine Feuerwehr. Mit geduckten Körpern gingen sie übers Dach, damit die Randalierer unten nicht mitbekamen, dass sie geflohen waren. „Oft werde ich gefragt, ob wir Angst hatten oder Panik“, erzählt Richter. „Aber wir hatten ja keine Zeit, Angst zu haben. Wir mussten selber etwas tun. Es war eine bemerkenswerte Ruhe.“ Erst nach ihrer Flucht nach unten, als sie vor dem Sonnenblumenhaus standen, begannen sie zu verstehen. Sie heulten.

Mit dem Abstand von 25 Jahren ist Richter überzeugt: Lichtenhagen war ein Pogrom. Menschen hetzten gegen Ausländer, erzeugten eine Stimmung, die keinen anderen Begriff zulässt. Egal ob Roma, Sinti, die Aufnahmestelle für Asylbewerber oder das Wohnheim der Vietnamesen; bewusst nahmen die Täter in Kauf, dass Menschen sterben könnten, deren „Schuld“ es in ihrem Denken war, nicht deutsch zu sein. Deshalb will Richter nicht aufhören, darüber zu sprechen.

<p>Am 24.  August 1992  berichtete unsere Zeitung  in großer Aufmachung.</p>

Am 24.  August 1992  berichtete unsere Zeitung  in großer Aufmachung.

 

Und morgen lesen Sie: Wie Vietnamesen die Krawallen erlebten

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