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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 04:48 Uhr

Museum Schwerin : Keine heiligen Kühe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Staatliches Museum Schwerin lädt unter dem Titel „Reise nach Indien“ zu einer Begegnung mit moderner Kunst aus und über Indien

von
erstellt am 26.Feb.2015 | 11:50 Uhr

Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an Indien denken? Yoga und Ashram? Kamasutra und Kerala? Indische Küche und heilige Kühe? Räucherkerzen und Fakire? Vergessen Sie es. Das alles werden Sie in der neuen Ausstellung im Staatlichen Museum so nicht finden – oder allenfalls als Souvenir im Museumsshop.

Die Ausstellung „Reise nach Indien“, die heute Abend eröffnet wird, ist die erste mit asiatischer Kunst in Schwerin seit 1883, als Herzog Albrecht ein Jahr nach Eröffnung des Museums dort ethnografische Mitbringsel seiner Reisen nach China, Indien und Thailand präsentierte. Eine Sensation für die Schweriner. Heute, 132 Jahre später, steht nicht volkskundliche Exotik im Mittelpunkt, sondern moderne Kunst aus und über Indien.

Eigentlich plante das Museum seit Längerem, Arbeiten des Fotografen Thomas Florschuetz und des Malers Alf Löhr in einer gemeinsamen Ausstellung zu konfrontieren. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass die Kunst beider sehr von Reisen nach Indien beeinflusst wurde.

Um nicht nur allein den europäischen Blick auf Indien mit seiner düsteren kolonialen Vergangenheit zu zeigen, machten sich Gerhard Graulich und seine Mitkuratorin Adina Christine Rösch mit der indischen Kunstszene vertraut. Dabei stießen sie auf „unglaublich faszinierende“ moderne Künstler und wählten zwei von ihnen – Sakshi Gupta und Sudarshan Shetty – für das Schweriner Indien-Projekt aus. Hinzu kam die deutsche Fotografin Renate Graf, die seit einigen Jahren auf dem Subkontinent fotografiert.

Entstanden ist so eine Ausstellung, die durchaus zu den Raritäten nicht nur in der deutschen Kunstwelt zu bewerten ist. Denn chinesische und afrikanische Kunst werden schon seit einiger Zeit in immer neuen Ausstellungen präsentiert. Von indischer Kunst hörte man eher selten. So beweist Schwerin einmal mehr, dass man auch von den Rändern des Kunstbetriebes aus hellwach auf bislang unterbelich- tete Kunstströmungen blicken kann.

Was ist nun in Schwerin zu sehen? 50 Arbeiten von fünf Künstlern, wie sie unterschiedlicher kaum sein können und die dennoch miteinander zu reden, zu träumen, ja zu schmunzeln scheinen und zu einer virtuellen Reise ins ferne Indien einladen: Videos, Malerei, Fotografie, Skulptur und Konzeptkunst.

Gleich im ersten Raum taucht der Besucher in die überbordende Farbenwelt Indiens ein. Alf Löhr bannt in seinen riesigen Acrylgemälden das Leuchten des noch immer geheimnisvollen Subkontinents, der bis heute niemanden unberührt lässt. Gegenüber hängen Fotografien von Thomas Florschuetz, in denen er sich auf andere Weise mit indischen Farben auseinandersetzt. Es sind Rückenansichten von Männern in gestreiften, einfarbigen oder karierten Hemden.

Dazwischen auf dem Boden eine seltsame Metallskulptur der Inderin Sakshi Gupta, die in dieser wie in weiteren Arbeiten Zivilisationsabfälle in neue Zusammenhänge und Formen bringt. In diesem Fall Metallplättchen, die Blasen, Wolken oder Hirn darstellen könnten.

Der anschließende, kleine Altarraum gehört passenderweise der noch relativ unbekannten Fotografin Renate Graf, obwohl sie mit einem weltbekannten Künstler verheiratet ist – Anselm Kiefer. Von Renate Graf liegen fünf ihrer Fotobücher aus der Serie „Reise nach Indien“ aus. Man darf sie ruhig in die Hand nehmen und in den oft magischen Schwarz-Weiß-Fotografien blättern, die im Spannungsfeld von Profanem und Religiösem von Opfer- und Totenritualen erzählen, vom Leben in Kalkutta oder dem der indischen Arbeiter.

Um von den Werken Sakshi Guptas eine weitere herauszugreifen: Besonders berührt die kleine Betonplastik eines Elefanten, der einen überlangen Rüssel um seinen Leib schlingt. Der Elefant, den wir gemeinhin als riesig und stark sehen, wirkt in dieser Miniaturausgabe und mit dieser Rüsselgeste hilflos und verletztlich.

Sudarshan Shetty, einer der wichtigsten Konzeptkünstler Indiens, spielt in seinen Arbeiten mit Motiven des Reisens, auch der ohne Wiederkehr, wofür in der Ausstellung ein lebensgroßes Büffelskelett aus Aluminium steht, besser liegt. In einem großen Schrein dreht sich ein Stapel Koffer, die man erst beim Näherkommen durch ausgesparte Blumenmuster im Holz erkennen kann. So wie man oft erst nicht auf den ersten Blick den wahren Kern einer Sache oder eines Menschen zu durchdringen vermag. Wenn überhaupt.

So erging es auch den beiden Indien-Reisenden in E.M. Forsters Roman „Eine Reise nach Indien“, die der Ausstellung den Titel lieferte. Die Helden dieser Reise scheiterten daran, dieses faszinierende, alte, junge, verstörende, laute, religiöse und bunte Land zu verstehen. All diese Attribute stehen auch für diese neue „Reise nach Indien“. Es liegt an jedem selbst, welches der vielen Indien er wie in dieser Ausstellung zu entdecken vermag.

 

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