Keine Freude an Schnäppchenpreisen

Hochbetrieb beim  Schlecker-Abverkauf, der  gestern begann. Die Dabeler Filialleiterin Anett Kämper (r.) hat voll zu tun.
1 von 3
Hochbetrieb beim Schlecker-Abverkauf, der gestern begann. Die Dabeler Filialleiterin Anett Kämper (r.) hat voll zu tun.

svz.de von
08. Juni 2012, 07:48 Uhr

Dabel / Warin | Was in den Regalen liegt, kommt raus, aufgefüllt wird hier nichts mehr: Gestern begann auch im Sternberger Seenland der Abverkauf in den Schlecker-Läden. Ab 9 Uhr ist geöffnet; "als wir zehn nach acht kamen, warteten die ersten Kunden schon", erzählt Anett Kämper, die Filialleiterin in Dabel.

Zum Reden bleibt ihr eigentlich keine Zeit, an beiden Kassen stehen die Leute geduldig an, Einkaufswagen und Körbe voll gepackt. Doch so richtig Freude will selbst bei den Schnäppchenpreisen nicht aufkommen. Sigrid Gäbler und Marianne Müller haben gekauft, "was man ständig braucht und sich nun auf Vorrat weglegen kann", wie eine der Frauen aus Dabel erklärt. Sie sind mit dem Fahrrad gekommen, gestern das letzte Mal hierher. "Wir haben regelmäßig in dem Laden eingekauft. Es ist schlimm, dass er zumacht, auch für die Verkäuferinnen. Sie waren immer nett", sagt Marianne Müller.

"Wir leiden ganz doll mit", verrät die Sternbergerin Marion Dührkop, nachdem sie bezahlt hat. "Wir haben auch sonst gelegentlich in Dabel eingekauft, denn die Leiterin ist meine Schwester." Schwager Dieter Kämper hilft beim Einpacken, bringt auch anderen einen leer gewordenen Einkaufswagen. Er kennt einen Großteil der Kunden, hat vor dem Laden zuweilen Schnee gefegt, den Rasen gemäht, ohne Bezahlung, bei Dunkelheit am Feierabend seine Frau abgeholt, wenn es bei ihm passte. Der 58-Jährige arbeitet seit 2008 als Maler bei einer Betonsanierungsfirma in Holland. Kämpers haben in Sternberg ihr eigenes Heim und wollen nicht weg. Und nun stehe bei seiner Frau die Kündigung ins Haus. Über 20 Jahre sei sie bei Schlecker, zuerst in Brüel und nun in Dabel, ein paar Jahre auch im Betriebsrat, seit es den bei der Drogerie-Kette gibt. Wie es beruflich für sie weitergeht, ist völlig ungewiss. Die letzte Alternative wäre, dass beide die Woche über nach Holland fahren, dort gäbe es Arbeit, sagt Dieter Kämper achselzuckend. Begeistert wirkt er bei diesem Gedanken nicht. Zu Hause sei das auch noch gar kein Thema gewesen.

"Ich muss das erst einmal verarbeiten", sagt Anett Kämper, nach außen gelassen wirkend. Viele Kunden hätten versucht, die Verkäuferinnen zu trösten, einige hätten sogar geweint. "Bei uns hat fast durchweg Stammkundschaft eingekauft, da kennt man sich lange. Wir sind zu dritt im Laden, seit 1996 ohne Wechsel", erzählt die Chefin des kleinen Teams.

Dabels Bürgermeister Herbert Rohde sagt, er bewundere die drei Frauen.
Obwohl sie wüssten, dass die Tage des Geschäftes gezählt sind und der Arbeitsplatz verloren geht, "bedienen sie freundlich wie immer und versuchen, sich nichts anmerken zu lassen". Für Anett Kämper die normalste Sache der Welt. "Ich habe mir nie was zu Schulden kommen lassen und mache meine Arbeit bis zuletzt. Die Kunden können doch nichts dafür." Und bitter fügt sie hinzu: "Wer das Dilemma verursacht hat, weiß jeder."

"Das tut richtig weh, ist ein Verlust für Dabel", sagt der Bürgermeister mit ernster Miene. "Die Frauen verlieren ihre Arbeit und die Gemeinde eine Einkaufsmöglichkeit, die gut angenommen wurde, auch aus umliegenden Dörfern. Hier war zwar nie ein volles Haus, aber immer Bewegung, obwohl der Laden etwas abseits liegt. Ich habe mich selbst manches Mal gewundert, wie gut der läuft", so Herbert Rohde. Er werde nichts unversucht lassen, einen neuen Betreiber für das
Objekt zu finden. Aber die Chancen, eine andere Drogerie-Kette nach Dabel zu lotsen, dürften "verschwindend gering" sein, räumt der Bürgermeister ein. Schwer im Magen liege ihm auch, dass eine weitere Immobilie wahrscheinlich für eine Weile leer stehe. "Ich werde mit dem Eigen tümer sprechen. Vielleicht finden wir
gemeinsam eine Lösung", so Rohde.

Auch Iris Dinter, Laden-Inhaberin von "Ihre Kette" mitten im Dorf, bedauert das Schlecker-Aus. Wir haben gut nebeneinander gelebt", sagt sie. Ihr Laden führe nur ein sehr kleines Drogerie-Sortiment. Ob sie das nun erweitere, sei ungewiss. "Wir warten ab." Die Kunden würden sagen, was sie haben möchten. "Und darauf
reagieren wir."

In Warin gibt es schon seit längerem Überlegungen, einen Drogerie-Markt im Zwei-Seen-Center zu etablieren, seit es bei Schlecker kriselt. Die erste Schließungswelle vor einigen Wochen konnte der Laden in der Stadt noch überstehen. Das hat den Gegenwind für neue Planungen verstärkt. Doch jetzt sei die Situation ganz anders, sagt Bürgermeister Michael Ankermann. Jetzt bekomme das Vorhaben Rückenwind. Der Standort, den Schlecker demnächst freiziehe, komme wegen seiner geringen Größe nicht in Betracht. "Und das Zwei-Seen-Center ist nicht grüne Wiese. Das Einkaufszentrum liegt direkt an der Innenstadt und wird angenommen. Es hat Ausstrahlungskraft über die Stadt hinaus", so Ankermann.

Die Krux: Der Bebauungsplan muss geändert werden. In der Stadtvertretung gäbe es unter heutigen Bedingungen eine satte Mehrheit, ist der Bürgermeister überzeugt. Doch die Landesraumordnung sperre sich, gebe gar keine Stellungnahme ab. "Eine Frechheit", wie Ankermann findet. Er sei nicht bereit, das hinzunehmen und zu akzeptieren, dass Warin an diesem Punkt "die Luft abgedreht" werde.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen