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STREITBAR : Keine Dämonisierung von Google & Co!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gegen die Allmacht der Datenkraken helfen keine Klagen, sondern nur Konkurrenz. Europa braucht eigene Netzgiganten, analysiert Wolfgang Bok.

svz.de von
erstellt am 11.Okt.2014 | 15:38 Uhr

Sie werden es noch bereuen. All die Dörfer, die sich heute bitterlich darüber beklagen, dass sie so miserabel ans World Wide Web angeschlossen sind und deshalb Glasfaser bis zum letzten Bauernhof fordern: Eines Tages werden sie den Wert des Funklochs erkennen. Wenn sich die Menschen danach sehnen, nicht auf Schritt und Tritt von GPS-Peilern geortet zu werden. Wenn es die Smartphoner leid sind, dass ihr Taschencomputer alle paar Minuten piepsend auf dieses und jenes „Special Offer“ aufmerksam macht. Dann wird es viele Menschen geben, die einfach mal für ein paar Tage unbeobachtet sein wollen. Es werden Zeitgenossen sein, die Googlemania entfliehen wollen und sich nach Funklöchern sehnen. Dann werden die abgelegenen Winkel den Chancen nachtrauern, die sie mit ihrem Drang nach Modernität vergeben haben. Sie denken, das sei Science Fiktion, ferne Zukunftsmusik? Weit gefehlt! Die Zukunft der totalen Vernetzung ist näher als viele denken. Sie hat eigentlich längst begonnen. Das Zauberwort heißt Targeting: Werbung möglichst zielgenau platzieren. Dem Frikadellen-Fan den Mund wässrig machen, wenn er noch gar keinen Hunger hat und ihn dann zur nächsten nicht-veganen XXL-Bude lenken. Die Bedürfnisse der Kundin kennen, so bald sie um die Ecke biegt. Die Datenberge zu Profilen verdichten, um den „gläsernen Bürger“ konsumfreudig zu lenken. Die Macht der Algorithmen macht’s möglich.


Kollege Roboter

 

An derlei Warnungen herrscht kein Mangel. Zahlreiche Autoren klären uns über die Gefahren von „Big Data“ auf. Jeder Verlag, der auf sich hält, hat zur Buchmesse einen digitalen Apokalyptiker im Programm. Und sie haben ja Recht: Google, Facebook, Apple, Amazon, Ebay, Cisco und all die kleinen Startups, die heute noch keiner kennt und morgen schon Milliarden wert sind, verändern die Welt. Sie zerstören gewachsene Strukturen und Geschäftsmodelle. Kaum eine Branche wird davon verschont bleiben. Selbst Wissensarbeiter, die sich heute noch ihrer Jobs sicher glauben, können von künstlicher Intelligenz ersetzt werden. Vom Kreditberater der Bank bis zum Arzt, dessen Operationen der Roboter übernimmt.

Nur: Darüber zu klagen ist so wirkungsvoll wie das Anbellen des Mondes. Selbst der Cyberpionier Jaron Lanier, der sich vom Saulus zum Paulus der Netzgemeinde gewandelt hat und dafür heute in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, stellt ernüchtert fest: Die Programmierer werden den staatlichen Regulierern immer einen Schritt voraus sein. Man kommt ihnen weder mit neuen Gesetzen noch Strafkatalogen bei. Der deutsche Interneterklärer Sascha Lobo sieht die Angstdebatten, die er mit seinen Vorträgen und Kolumnen selbst geschürt hat, mittlerweile mit Sorge: „Kritik, die nicht differenziert, gerinnt zur Polemik.“ Die herumwabernde Vermutung, wonach „hinter dem Siegeszug von Google, Facebook, Apple und Amazon ein technofaschistoides Menschenbild steht“, führten in die Irre. Der Mann mit der roten Irokesenfrisur greift damit den Amerikaner Dave Eggers an, der in seinem Bestseller „The Circle“ eben diese Dämonisierung betreibt.


Service gegen Daten

 

Wenn neun von zehn Deutschen Googles kostenlose Dienste in Anspruch nehmen, dann tun sie dies freiwillig. Es gibt ja durchaus alternative Suchmaschinen. In den USA, der Heimat des Giganten, der mit gerade mal 40 000 Mitarbeitern jährlich 60 Milliarden Dollar umsetzt und damit etwa 15 Milliarden Dollar Gewinn macht, hat Google lediglich einen Marktanteil von etwa 60 Prozent. Niemand wird auch gezwungen, sich über Facebook zu offenbaren. Keiner muss zudem seine Waren bei Amazon bestellen. Und wer mit Kreditkarte – und wohl bald mit dem Smartphone – bezahlt, weiß nur zu gut, dass er damit Datenspuren hinterlässt. Doch das alles ist eben bequem. Und deshalb verzichtet man auf sein Recht auf Anonymität. Ohne Preisgabe der persönlichen Daten kein digitaler Service. Diesen Preis zahlen die Menschen gern. Allen Warnern vor Orwell 2.0 zum Trotz werden auch Verschlüsselungstechniken beim Email-Verkehr kaum genutzt. Sie sind vielen zu aufwändig. Und schließlich weiß man, dass verschlüsselte Datenpakete die Neugierde von Geheimdiensten wie dem amerikanischen NSA erst wecken. Wer etwas zu verbergen hat, macht sich verdächtig. Oder wie es Facebook-Gründer Mark Zuckerberg indirekt formuliert: Privatheit ist Diebstahl. Das Problem ist ein anderes: Die oben genannten Netzkonzerne sind allesamt in US-Hand. Das Internet spricht amerikanisch. Europa hat Google & Co. so gut wie nichts entgegenzusetzen. Selbst SAP, der einzige deutsche Software-Konzern, der in dieser Liga mitspielen kann, entflieht zunehmend nach Amerika. Auf Druck von Gründer Hasso Plattner werden nach und nach Abteilungen von Walldorf nach Kalifornien verlegt. Warum ist das so? Darüber sollte endlich debattiert werden. Google ist nicht zu bändigen, indem deutsche Politiker oder Brüsseler Kommissare über eine „Zerschlagung“ des Internetgiganten fantasieren. Das ist hilfloser Aktionismus. Dieser soll vom eigenen Versagen ablenken, wie sehr wir den Anschluss an den digitalen Wandel verschlafen haben. Lieber geben die Deutschen jährlich 20 Milliarden Euro für eine wackelige „Energiewende“ aus, damit die wohlhabenden Besitzer von Wind- und Solarparks noch reicher werden. Das ist die grüne Umverteilung von unten nach oben. Zukunft sichert man damit nicht. Denn die Zukunft ist digital. Längst begnügen sich Datenkonzerne wie Google nicht mehr damit, kostenlos Suchergebnisse anzubieten und damit dann gezielte Werbung zu verkaufen. Der Netzgigant verdient nicht nur prächtig, sondern investiert derzeit auch jährlich rund acht Milliarden, um sich neue Marktfelder zu erschließen. Mit dem selbststeuernden Auto brechend die Amerikaner in die Automobilindustrie ein, von der in Deutschland jeder fünfte bis siebte Arbeitsplatz abhängt. Auch Lkw und schienengebundene Bahnen können mit intelligenter Computersteuerung sicherer und effizienter bewegt werden. Hier gibt es keine übermüdeten Fahrer, die Signale übersehen oder Lokführer, die ständig streiken. Die Analyse der riesigen Datenberge ermöglicht es, frühzeitig Krankheitssymptome zu erkennen und Therapien samt den entsprechenden Medikamenten zu entwickeln. Auch auf diesem Feld forscht Google. Und Apple gibt mit seiner iWatch ganz bewusst entsprechende Daten seiner Kunden ab. Das ist nicht nur ein Spielerei.


Apps lösen Probleme

 

In einer Artikelserie über die Chancen der digitalen Welt stellte das durchaus technikkritische Magazin „Der Spiegel“ kürzlich erstaunt fest: „Die digitale Wirtschaft wurzelt in der Tradition der antikapitalistischen Hippie-Gesellschaft – und hat doch die mächtigsten und profitabelsten Konzerne geschaffen. Die alles tun, um möglichst viel Geld zu verdienen und möglichst wenig Steuern zu zahlen.“ Doch sie verstehen es, sich als Helfer zu positionieren, der das Arbeiten effizienter und das Leben einfacher macht: Maschinen und Anlagen steuern sich weitgehend selbst („Industrie 4.0“), die Energie wird optimal genutzt. Taxen werden über Apps besser ausgelastet oder überflüssig („Uber“), Verbraucher teilen sich mit Hilfe des Internets Gebrauchsgüter und Autos und verkaufen, was sie nicht brauchen, über Ebay weiter. Für jedes Problem gibt es eine Applikation, App genannt. Die Marktmacht der amerikanischen Datenkraken ist daher nur durch Konkurrenz zu brechen. Doch diese gedeiht nicht in einem Klima der Angst, das immer neue Regeln und Vorschriften gebiert. „Bei uns heißt es: Hol dir erst mal ganz viele Genehmigungen. In den USA lässt man erst mal machen und schaut was daraus wird“, benennt der Wettbewerbsökonom Justus Haucap als deutsches Hemmnis. Diese Freiheit hat Sebastian Thurn ins Silicon Valley gelockt, wo er nun Googles Forschungslaboratorien leitet. Studiert hat der Deutsche in Hildesheim und Bonn, den Mehrwert schafft der Experte für Robotik und künstliche Intelligenz in den USA. Das ist kein Einzelfall. Die angeblich so verhasste Datenkrake Google bekommt jährlich zwei Millionen Bewerbungen. Top-Wissenschaftler aus allen Ländern stehen in Palo Alto Schlange.

Dieser aufgeschlossene Geist fehlt in Deutschland und Europa. Das beginnt in der Bildungspolitik: Anstatt die Schüler in den 16. Nachhaltigkeitskurs zu zwingen, sollte ihnen Lust aufs Programmieren gemacht werden. Informatik muss sexy sein. Und es muss Spaß machen, diese Kenntnisse in Europa zu Produkten zu entwickeln. Auch deshalb, weil Karriere ohne Computerkenntnisse immer seltener möglich ist. Selbst wer künftig „irgend was mit Medien machen“ will, muss mehr können, als lässig übers Smartphone zu wischen. Auch hier werden vor allem Softwarespezialisten gesucht. Funklöcher, von denen die Warner schwärmen, mögen zeitweilig ihren Reiz haben. Auf Dauer leben möchte dort aber niemand. Und das „Internet der Dinge“ oder „Industrie 4.0“ gedeihen dort schon gar nicht. Das aber sind die neuen Schwungräder des Wohlstandes. Im Vergleich dazu schrauben wir noch am hölzernen Speichenreifen. Höchste Zeit, dass sich unser Blick auf Big Data von den Risiken auf die Chancen wendet.




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